|
|
|
7. Festigung der Heilslehre
7.1 Gottesoffenbarungen
Nach der Einbindung in die Gruppe wird die Indoktrination unvermindert
fortgesetzt. Es geht darum, die Bewußtseinskontrolle und die Abhängigkeit
zu verstärken. Neben den weniger plausiblen - weil z.T. recht skurrilen
- Heilszielen und Geheimnissen, dem Wissen der Adepten und Eingeweihten,
werden jetzt die in ersten Kontakten noch verschwiegenen oder herabgeredeten
Strafen Gottes an alle Verächter und Ungläubigen, sowie deren höchst
gegenwärtige Androhung (Ewige Verdammnis und ähnliches) erklärt. Wenn
man dem Kern der “Heilsbotschaft” näher kommt, sieht man mehr! Vor allem
mehr die negativen Seiten.
Beispiele für Heilsziele sind oder waren:
- Für Scientologen bedingt durch ihr eher gnostisches Weltbild: gereinigtes
Denken, wahres Erkennen,
wahres Wissen und Allwissenheit
- Fiat-Lux–Anhänger werden mit Raumschiffen von der Erde abgeholt bevor
auf dieser bösen Welt die
Zerstörung beginnt!
- Neuapostolische werden beim Wiederkommen Jesu in den “Hochzeitssaal
entrückt”. Jesu sollte
ursprünglich zur Lebenszeit des Stammapostel J. G. Bischoff wiederkommen.
Der Stammapostel starb
1960. Gott hat seinen Willen geändert, verkündete der Nachfolger
Stammapostel Schmidt ungerührt.
- Bei den 144.000 Leuten zu sein, die einmal später Macht haben und die
Welt regieren werden, ist Ziel der
Zeugen Jehovas. Im Gespräch hat mir ein Zeuge gesagt: “Schauen
sie mal die Häuser dort am Berghang!
Das schönste davon”, er bezeichnete es genau, “hab ich für
mich vorgesehen!” Ich kann nur vermuten,
dass der bisherige Inhaber dann wohl "Ad Majorem Gloriam Dei"
schon räumen wird.
Alle angeführten Beispiele zeugen von starkem Realitätsverlust.
Man befindet sich hier auf dem schlüpfrigen Terrain der “Gottesverheißungen”,
der “Gottesoffenbarungen” und der eschatologischen Weltsicht, auf dem
mehrfach seit ihrer Gründung die Zeugen Jehovas ausgerutscht sind. Nach
ihren Theorien wurde die zweite Ankunft des Herrn erwartet in den Jahren
1872, dann 1878, dann sollte die Vorstellung des Königreiches Gottes nicht
lange nach 1914 erfolgen (Präsident Russell), unter dem Präsidenten Ruterford
1925 (Vollendung aller Dinge) und dann am 5. September 1975 “mit Sonnenuntergang”
unter Präsident Knorr.
Entsprechend der Art des Heilsziels ist die Art der Hölle definiert.
Es ist interessant, mit Sektenmitgliedern über deren Höllenvorstellungen
zu sprechen. Sie geben oft mehr Einblick in die Gedankengänge der
Sektenführung, als das verheißene Himmelreich! Interessante Gedanken hierzu
finden Sie bei Rosenow: Geschichte des Teufels. Gute Einsichten
in die mittelalterliche Höllensicht gibt Dante: Die Göttliche Kommödie.
7.2 Sekteneigene Geschichte und Ausdeutung
In diesem Zusammenhang ist auch der Umgang der Sekten mit ihrer eigenen
Geschichte erwähnenswert, ein echtes Raritätenkabinett! Eigene Geschichte
wird von Sekten sehr selektiv wahrgenommen, wenn im Rückblick Teile erkannt
werden, die heute als problematisch anzusehen sind.
Aus vielen Beispielen greife ich auf:
- Die Mormonen und die - weil gesellschaftlich verpönt - nur auf
besondere Anfrage schamvoll erwähnte
Vielweiberei ebenso wie die ganze leidvolle Geschichte der Umsiedelung,
die diese Bewegung ihren
Mitgliedern aufbürdete. Der lange Marsch durch die Wüste bis in
Utah auf magerem Salzboden die
Urbarmachung beginnen konnte wird ähnlich wie die Wanderung des
Volkes Israel dargestellt.
- Ähnliche Erfahrung haben die Anhänger des Baghwan (zuletzt in
USA angesiedelt) gemacht. Nach
dessen Tod begann sich die Gemeinde aufzulösen. Die eingebrachten
finanziellen Mittel und die
Lebenszeit gingen “verloren”. Auch die Gerichte konnten deren Verbleib
nicht aufklären. Hier gibt es also
keine interne Geschichte mehr.
- Die Neuapostolischen und ihre Geschichtssicht betreffend den
Tod des Stammapostels, das Auftreten
verschiedener Abspaltungen und Machtkämpfe in der Führungshierarchie
sowie die bemerkenswerte
Einstellung der Kirche zu Dogmen des Dritten Reiches. Immerhin
wurde die Sekte nicht wie andere freie
Kirchen zwangsweise einer landeskirchlichen Organisation hinzugefügt.
Ich empfehle hierzu einfach
aufmerksam die interessante Kirchenliteratur jener Zeit zu lesen.
Das Ansprechen solcher Fakten bewirkt bei den sonst eher kämpferischen
Sekten verständlicherweise häufig sehr sensible Reaktionen. (Welche Unverschämtheit,
einer, der die Realitität sieht, ein Kritiker also!) Problematische Fakten
sollen nicht wahrgenommen oder verdrängt werden. Wer dagegen verstößt
gehört ins Feindbild. Es ist verboten, in der Geschichte der Gruppe Fehler
zu entdecken: Die sekteninterne Entwicklung wird auch deshalb als ausschließlich
positiv angesehen, weil sich die Führerpersönlichkeit aus göttlicher
Eingebung nicht irrt und - zumindestens ex cathedra - als vollkommen
darstellt.
Wenn Dein Wort soll nichts mehr gelten: Worauf soll mein Glaube ruhn?
schrieb der Kirchendichter Nikolaus Lenau (Graf von Zinzendorf), ein Sektenmitglied.
Und es wird kein Zweifel gelassen: Mit “Dein Wort”, dem Wort Gottes also,
ist das Wort der Sektenoberen gemeint (Stellvertreteranspruch).
Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, als eine gravierende Lehränderung
vorzunehmen, werden unterschiedliche Strategien verwendet, um diese zu
begründen:
1. Man bestreitet, dass die ,,alte Lehre" jemals ,,offizielle Lehre"
war;
2. Vielleicht sind die ,,alten Lehren" sogar von Irrlehrern verbreitet
worden, die inzwischen die Gemeinschaft
verlassen haben. Sie wollten mit falschen Lehren die
Gemeinschaft spalten, von dem rechten Weg
abbringen oder sie zerstören, nachdem dies nicht gelungen
ist, verlassen sie die Gruppe.
3. Es hat eine neue Offenbarung gegeben, erst jetzt ist man im Besitz
der vollen Wahrheit. Gott wollte auf
diese Weise vielleicht die Menschen prüfen, oder er
wollte so die Menschen langsam an die ganze
Wahrheit gewöhnen. Wichtig ist es nun, der neuen Lehre
zu folgen und nicht mehr zurückzuschauen.
Verbunden mit solchen Lehränderungen ist meist die
Warnung, nicht selber eine Lehränderung
herbeizuführen. Eigenständiges Denken müsse bestraft
werden und würde - je nach Sektentyp -
schwere “ewige” oder materielle Konsequenzen nach sich
ziehen.
7.3 Innere Verhärtung und “Treue”
Man muß sich der Auswirkung dieser totalitären Strukturen auf
Menschen zuwenden. Einige fühlen sich durch dauerndes Bevormunden und
Drohen eher abgestoßen, andere suchen die “Vaterhand”. Diese können sich
auch bei Gewinn neuer, besserer Einsichten in der Regel kaum noch lösen.
Ein Mann von 50 Jahren, mit guter Ausbildung und gutem Job sagte mir:
“Ich sehe, dass das nicht gut ist, ich sehe die Widersprüche in der Lehre
und ich fühle mich bedrückt. Aber ich bringe es nicht fertig, die Vaterhand
loszulassen”. Ist der Gläubige soweit gekommen, ist das Ziel der Sekte
erreicht. Die Indoktrination ist perfekt. Um dieses Schäflein braucht
man sich nur noch beim Scheren zu kümmern!
Um diesen Zustand herzustellen, soll durch endlose Wiederholung der
Rituale und permanente Überforderung verhindert werden, dass sich
die ursprüngliche Identität wieder einnistet, da sich diese nicht auslöschen,
sondern nur überdecken läßt. Die größte Gefahr für viele Sekten sind Erinnerungen
an die Jugend, Familie, die erste Verliebtheit, da sie kaum zerstörbare
Brücken zur verdrängten Identität sind.
Deshalb werden die Erlebnisse der Vergangenheit abgewertet oder
als sinnlos oder sündig bezeichnet. Mit der Umwertung aller Werte will
die Sekte die emotionale Verbindung zur Vergangenheit unterbinden, da
diese für das “Glaubensleben” eine große Gefahr ist. Die Indoktrination
war erfolgreich, wenn sich das neue Mitglied nur mit Scham an seine Vergangenheit
erinnert. “Denn wir waren auch weiland unweise, ungehorsam, verirrt, dienend
den Begierden und mancherlei Wollüsten und wandelten in Bosheit und Neid,
waren verhaßt und haßten uns untereinander. Da aber erschien die Freundlichkeit
und Leutseligkeit Gottes unseres Heilands...“ (Titus 3, 4-5).
Eine schwerwiegende Feststellung: Nicht die mühselige Arbeit an sich selbst,
sondern einfach die Annahme des jeweiligen “Gottes” schafft durch
Erleuchtung, Erneuerung, Wiedergeburt, einen neuen, besseren Menschen.
Wie auch Paulus den Römern mitteilte: “So liegt es nun nicht an jemandes
Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen!” Wundern Sie sich nicht
über die zu beobachtetenden verbogenen Persönlichkeiten.
Belastend kann die Sektenzugehörigkeit auch für Familien
sein. Mein Vater, ein biederer, aber verführter Mann, sagte mir als Kind
mal: “Ich habe für Dich gebetet, Du sollst eher sterben, als den Glauben
an die Apostellehre (Neuapostolische Kirche) verlieren”. Dies entspricht
dem Ausspruch eines “Apostels”: Lieber sterben als in der Welt verderben.
Überlegen sie mal, was solche Aussagen für ein Kind bedeuten! Ich jedenfalls
war entsetzt und sehr verletzt!
Noch ein viel gehörter Sektenspruch: “Lieber das Leben lassen als die
Treue!”. Das erinnert fatal an das Motto einer militärischen Gruppierung
des Dritten Reiches: SS-Mann, Deine Ehre heißt Treue! Schade, wenn man
keine andere “Ehre” hat. Starke Verbindung schafft die ständige - auch
intelektuelle - Unterordnung unter die “geistigen Führer”, der sogenannte
Glaubensgehorsam. Wie das klingt: Führer? So wie es gemeint ist:
Sehr theokratisch und sehr undemokratisch, auch wenn es eine “göttliche
Führung” ist! Was Wunder, wenn man in der bunten Welt der Ideologen und
Ideologien immer wieder faschistoide Züge entdeckt!
|