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Melissos aus Samos
Textfragment: Über die Natur oder über das
Seiende
Immerdar war, was da war, und immerdar wird es sein. Denn wär'
es entstanden, so müßte es notwendigerweise vor dem Entstehen
nichts sein. Wenn es nun also nichts war, so könnte unter keiner
Bedingung etwas aus nichts entstehen.
Sintemal es nun also nicht entstanden und doch ist und immer war und
immer sein wird, so hat es auch keinen Anfang und kein Ende, sondern
ist unendlich.
Denn wär' es entstanden, so hätte es einen Anfang (denn es müßte
ja, wenn entstanden, einmal angefangen haben) und ein Ende (denn es müßte
ja, wenn entstanden, einmal geendet haben); hat es also nicht angefangen und
nicht geendet, war es vielmehr immer und wird es immer sein, so hat es weder
Anfang noch Ende. Denn unmöglich kann etwas immerdar sein, was nicht vollständig
im Sein aufgeht.
Sondern gleich wie es immerdar ist, so muß es auch immerdar der Größe
nach unendlich sein.
Nichts, was Anfang und Ende hat, ist ewig oder unendlich.
Wäre es nicht eines, so würde es gegen ein anderes eine Grenze
bilden.
Denn falls es dies (nämlich unendlich) wäre, wäre es
eins. Denn wäre es zwei Dinge, so könnten sie nicht unendlich sein,
sondern bildeten gegen einander Grenzen.
So ist es denn ewig und unendlich und eins und vollständig gleichmäßig.
Und es könnte nicht (irgend einmal) untergehen oder sich vergrößern
oder umgestalten, noch empfindet es Schmerz oder Leid. Denn empfände es
dergleichen, so wäre es nicht mehr eines. Wird es nämlich anders,
so muß notwendigerweise das, was ist, nicht mehr gleichmäßig
vorhanden sein, sondern es muß das, was vorher vorhanden war, untergehen
und das, was nicht vorhanden war, entstehen. Wenn es nun also in zehntausend
Jahren auch nur um ein Haar anders würde, so muß es in der Ewigkeit
vollständig zugrunde gehen.
Aber auch eine Umgestaltung ist unmöglich.
Denn die frühere Gestaltung geht nicht unter und die nicht vorhandene
entsteht nicht. Sintemal aber nichts dazukommt und nichts verloren geht oder
anders wird, wie sollte es nach der Umgestaltung noch zu dem Seienden zählen?
Denn würde etwas anders, dann wäre es ja bereits umgestaltet.
Auch empfindet es keinen Schmerz. Denn es könnte nicht vollständig
im Sein aufgehen, wenn es ihn empfände; denn ein Schmerz empfindendes
Ding könnte nicht ewig sein und besitzt auch nicht dieselbe Kraft wie
ein gesundes. Auch wär' es nicht gleichmäßig vorhanden, wenn
es Schmerz empfände. Denn es empfände ihn doch über Zu- oder
Abgang irgend eines Dinges, und es wäre so nicht mehr gleichmäßig
vorhanden.
(Auch könnte das Gesunde nicht wohl Schmerz empfinden. Denn
dann ginge ja das Gesunde und das Vorhandene zu Grunde, und das Nichtvorhandene
entstünde.
Und für die Leidempfindung gilt der Beweis ebenso.
Auch gibt es kein Leeres. Denn das Leere ist nichts, also kann das, was
ja nichts ist, nicht vorhanden sein. Und es (das Seiende) kann sich (deswegen)
auch nicht bewegen. Denn es kann nirgendshin ausweichen, sondern ist voll.
Denn wär' es leer, so wich' es ins Leere aus. Da es nun kein Leeres gibt,
so hat es keinen Raum zum Ausweichen.
Auch kann es kein Dicht oder Dünn
geben. Denn das Dünne kann unmöglich ähnlich voll sein wie das
Dichte, sondern durch das Dünne entsteht ja bereits etwas, das leerer
ist als das Dichte.
Man muß aber folgenden Unterschied annehmen zwischen
dem Vollen und dem Nichtvollen: faßt nämlich ein Ding etwas oder
nimmt es noch etwas in sich auf, so ist es nicht voll; faßt es aber nichts
und nimmt es nichts auf, so ist es voll.
So muß es demnach voll
sein, wenn es nicht leer ist. Ist es also voll, dann bewegt es sich nicht
Diese Darlegung bildet den wichtigsten Beweis für die Einzigkeit
des Seins. Aber auch folgende (Punkte lassen) sich als Beweise (anführen).
Gäb' es viele Dinge, so müßten sie dieselben Eigenschaften
besitzen, die ich auch von dem Eins aussage. Wenn es nämlich Erde, Wasser,
Luft und Feuer und Eisen und Gold gibt, und das eine lebend, das andere tot
und schwarz und weiß und so weiter ist, was die Leute alles für
wirklich halten, wenn das also vorhanden ist und wir richtig sehen und hören,
so muß jedes von diesen Dingen die Eigenschaft besitzen, die wir von
Anfang an ihm beigelegt haben, d.h. es darf nicht umschlagen oder anders werden,
sondern jedes einzelne muß immerdar so sein, wie es gerade ist. Nun behaupten
wir ja aber doch richtig zu sehen, zu hören und zu denken.
Und doch
scheint uns das Warme kalt und das Kalte warm, das Harte weich und das Weiche
hart zu werden und das Lebende zu sterben und aus dem Nichtlebenden (Lebendes)
zu entstehen, und alle diese Veränderungen vor sich zu gehen, und nichts,
was war und was jetzt ist, sich zu gleichen vielmehr das Eisen trotz seiner
Härte in Berührung mit dem Finger sich abzureiben, indem es allmählich
verschwindet, und (ebenso) Gold und Stein und alles, was sonst für fest
gilt, und aus Wasser Erde und Stein zu entstehen. Daraus ergibt sich, daß wir
das Wirkliche weder gehen noch verstehen können.
Das stimmt also nicht
miteinander. Denn obgleich man behauptet, es gäbe viele ewige Dinge, die
ihre (bestimmten) Gestalten und ihre Festigkeit besäßen, lehrt uns
der Augenschein auf Grund der einzelnen Wahrnehmung, daß alles sich ändert
und umschlägt.
Es liegt also auf der Hand, daß unser Blick sich
täuschte, und daß der Anschein jener Vielheit von Dingen trügerisch
ist. Denn wären sie wirklich, so Schlügen sie nicht um, sondern jedes
bliebe so wie es vordem aussah. Denn stärker als die wirklich vorhandene
Wahrheit ist nichts.
Schlägt aber etwas um, so geht das Vorhandene
zugrunde und das Nichtvorhandene ist entstanden. So ergibt sich also: gäb'
es eine Vielheit von Dingen, so müßten sie genau dieselben Eigenschaften
besitzen wie das Eins.
Wenn es also (überhaupt) vorhanden ist, so maß es eins sein.
Ist es aber eins, so darf es keinen Körper besitzen. Besäße
es Dicke, so besäße es auch Teile und wäre dann nicht mehr
eines.
Wenn das Seiende geteilt ist, dann bewegt es sich auch. Wenn es sich aber
bewegt, dann hört sein Sein auf.
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