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Boethius Anicius Manlius Severinus

Trost der Philosophie
Zweites Buch

Nach diesen Worten hielt sie ein Weilchen inne und gewährte mir durch ihr bescheidenes Schweigen die nötige Muße, um meine Aufmerksamkeit wieder zu sammeln. Dann aber fuhr sie fort: »Wenn ich die Ursachen und das Wesen deiner Krankheit von Grund aus erkannt habe, so härmst du dich aus Sehnsucht und Verlangen nach dem vergangenen Glück. Seine vermeintliche Veränderung hat dir den Seelenfrieden erschüttert! Ich kenne nun sehr wohl die vielgestaltigen Trugkünste jenes seltsamen Wesens, des Glücks, und ich weiß, daß es mit denen, die es zum besten haben will, so lange in schmeichelndster Vertraulichkeit lebt, bis es sie durch sein unvermutetes Verschwinden in den unerträglichsten Schmerz versenkt. Wenn du dich an dieses Glückes Natur, Wesen und Wert erinnerst, so wirst du erkennen, daß es dir kein wahres Gut gebracht und du auch keines mit ihm verloren hast. Ich brauche mich aber wohl kaum zu bemühen, dir dies ins Gedächtnis zurückzurufen. Denn du pflegtest ja selbst schon, als das Glück dir noch treu war und dich noch umschmeichelte, dasselbe mit mannhaften Worten zu schelten und es mit Argumenten zu bekämpfen, die du meiner heiligen Lehre entnommen hattest. Aber keine plötzliche Veränderung in den äußeren Dingen geht vor sich, ohne daß, wenn ich so sagen darf, auch die bisher glatte Fläche des Sees der Seele in wogende Unruhe gerät! So geschah es, daß auch du ein Weilchen aus der Ruhe deines Gemütes aufgestört wurdest.
Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du etwas Lindes und Süßes empfängst und genießt, das in dein Inneres eindringen und einem kräftigeren Trunk den Weg bahnen soll. Zu Hilfe rufe ich die Überzeugungskraft herzgewinnender Redekunst, die nur dann in der rechten Weise vorgeht, wenn sie meinen Gesetzen getreu bleibt, und dazu soll die an meinem Herde heimische Musik bald sanftere, bald eindringendere Weisen ertönen lassen!
Was ist es denn nun eigentlich, du Menschenkind, das dich in Trauer und Kummer versenkt hat? Du willst, wie ich glaube, etwas Neues und Ungewohntes gesehen haben und du meinst, daß das Glück sich dir gegenüber verändert habe! Aber da irrst du! Das war immer seine Art und seine Natur. Es zeigte sich gegen dich so, wie es immer ist, das heißt eben: veränderlich! Dieselbe Natur hatte es schon damals, als es dir noch schmeichelte, als es dich noch mit seinen trügerischen Reizen umgaukelte! Du hast nun die beiden verschiedenen Gesichter der blinden Glücksgöttin gesehen, du hast sie völlig erkannt, während sie sich manchem andern gegenüber bisher noch verhüllt hält. Gefällt sie dir so, nun, so suche es ihr gleich zu thun und beklage dich nicht. Verabscheust du sie aber in ihrer Unbeständigkeit, so verachte und stoße von dir das Glück, das sein verderbliches Spiel mit dir treibt! Was dir jetzt Kummer verursacht, hätte dir vielmehr den Frieden der Seele bringen sollen, denn es ließ dich dasjenige im Stich, dessen Treue noch nie jemand sicher sein konnte. Kannst du denn ein vergängliches Glück für ein köstliches Gut halten und kann dir ein gegenwärtiges Glück teuer sein, dessen Bleiben dir nicht sicher ist und dessen Schwinden dir großen Kummer bringen muß? Ist denn das flüchtige Ding, das unser Wille nicht bei uns festhalten kann und das diejenigen, die es verläßt, unglücklich macht, etwas anderes, als ein Verkündiger künftigen Unheils?
Es genügt nicht, nur das anzuschauen, was man vor Augen hat: den Ausgang der Dinge muß die vorausblickende Vernunft berechnen und sie wird dann einsehen, daß die Unbeständigkeit und Veränderlichkeit des Glückes seinen Drohungen das Furchtbare und seinen Reizen das Begehrenswerte nimmt! Hast du dich aber einmal zum Sklaven des Glückes machen lassen, so mußt du auch mit Gleichmut alles tragen, was in seinem Machtgebiet geschieht. Denn wenn du dem Herrn, den du dir selber freiwillig gewählt hast, die Gesetze für sein Bleiben und Gehen vorschreiben wolltest, würdest du da nicht unrecht thun und dein Los, das du doch nicht ändern kannst, durch deine Ungeduld nur noch härter gestalten?! Wenn du die Segel deines Schiffes entfaltest, so stellst du sie nicht, wie dein Wille es verlangt, sondern wie die Richtung des Windes es erfordert. Wenn du den Feldern die Saat anvertraust, so mußt du in deinen Berechnungen auf fruchtbare und unfruchtbare Jahre gefaßt sein. Hast du also das Glück dir zum Herrn erwählt, so füge dich seinen Launen! Willst du es wagen, das rollende Rad im Lauf aufzuhalten? Wahrlich, du Thörichtster aller Sterblichen: wenn das Glück beständig wird, so hört es auf, Glück zu sein!

Wenn alles es verkehrt in stolzem Übermut,
So gleicht's dem Euripus mit seiner wilden Flut!
Von ihm getroffen oft vom Thron der Herrscher sinkt,
Und oft es falschen Trost den Unterdrückten bringt.
Es hört die Klagen nicht, verschließt dem Leid sein Ohr,
Es lacht des Jammers gar, den selbst es rief hervor!
So treibt es stets sein Spiel, so übt es seine Macht,
Und hat ein Wunderwerk vor aller Welt vollbracht,
Wenn Tod die Stunde bringt, die lieblich kaum gelacht!

Ich möchte nun aber einmal im Sinne des Glückes selbst, gleichsam mit seinen eigenen Worten, einiges mit dir verhandeln. Du aber gieb acht, ob ich gerechte Forderungen stellen werde. Ich lasse also das Glück selbst reden: ›Weshalb, o Menschenkind, weshalb beschuldigst du mich und liegst mir täglich im Ohr mit deinen Klagen? Was für ein Unrecht habe ich dir denn angethan? Welche Güter, auf die du Anspruch hattest, habe ich dir denn entzogen? Verklage mich doch vor irgend einem Richter, wegen der Entziehung des Besitzes von Macht und Ehre! Wenn du dann beweisen kannst, daß eins dieser Güter festes Eigentum irgend eines Sterblichen sei, so will ich freiwillig zugeben, daß das was du jetzt zurückverlangst, einst rechtmäßig dir zu eigen gehörte!
Als dich die Natur aus dem Schoß deiner Mutter hervorgehen ließ, da habe ich dich, nackt und von allem entblößt, wie du warst, mit meinen Mitteln unterstützt und habe dich, was dich jetzt so ungeduldig gegen mich macht, in meiner Gunst und Güte allzu liebevoll aufgezogen, und habe dich mit dem Überfluß und dem Glanz aller in meiner Macht stehender Güter umgeben.
Jetzt nun gefällt es mir, meine Hand von dir zurückzuziehen: und da mußt du mir Dank sagen wie für die lange gewährte Nutzung eines fremden Gutes und hast kein Recht, dich zu beklagen, als ob du etwas dir unbedingt Gehörendes verloren hättest! Was klagst du denn? Ich habe dir doch keinerlei Gewalt angethan?! Der Reichtum, die Ehre und alle andern ähnlichen Güter stehen in meiner Macht: als Dienerinnen blicken sie auf ihre Herrin, mit mir kommen sie und wenn ich gehe, dann gehen auch sie. Ich darf kühn behaupten: wären die Dinge, deren Verlust du jetzt beklagst, dein Eigentum gewesen, so hättest du sie niemals eingebüßt!
Soll ich denn allein mein Recht nicht ausüben dürfen? Der Himmel kann helle Tage erscheinen lassen und sie dann wieder in dunkle Nächte verwandeln. Das Jahr kann das Antlitz der Erde bald mit Blumen und Früchten schmücken, bald es mit Nebel und Kälte bedecken. Das Meer hat es in seiner Gewalt, bald in ebener Fläche sanft und lockend dazuliegen, bald in stürmischem Gewoge emporzubranden - ich aber, ich soll mich durch die ungesättigte Habgier der Menschen zu einer Stetigkeit zwingen lassen, die meinem innersten Wesen widerstrebt?! In kreisendem Schwung das Rad herumzuwirbeln, das ist meine Macht und mein ewiges Spiel, und Freude macht es mir, das Oberste zu unterst und das Unterste nach oben zu kehren! Steige in die Höhe, wenn du willst, aber unter der Bedingung, daß du es nicht für eine Ungerechtigkeit hältst, wenn du, sobald es mein Spiel so mit sich bringt, auch wieder herabstürzen mußt!
Hast du denn aber vorher noch gar nichts von meiner Art und meinem Wesen gewußt? Ist es dir nicht bekannt, daß der Lyderkönig Krösus, der kurz vorher dem Cyrus noch so furchtbar war, bald darauf ins Elend geriet und aus den Flammen des Scheiterhaufens nur durch den vom Himmel her gesendeten Regen errettet wurde? Du mußt doch auch wissen, daß Paulus dem Unglück des von ihm gefangenen Makedonierkönigs Perseus aufrichtige Thränen des Mitleids gezollt hat! Wird denn in den lauten Klagen der Tragödien etwas anderes bejammert, als daß das Schicksal ohne Wahl mit seinen Schlägen blühende Reiche ins Verderben stürzt? Hast du nicht als Knabe gelernt, daß

›da stehen zwei Fässer gestellt an der Schwelle Kronions,
voll das eine von Gaben des Wehs, das andre des Heiles!‹

Wenn du nun aber schon allzuviel des Glückes genossen hättest? Oder sollte ich dir vielleicht noch nicht völlig untreu geworden sein? Wie, wenn diese meine Veränderlichkeit selbst dir einen gerechten Grund gäbe, auf eine bessere Zukunft zu hoffen?! Darum verzehre dich nicht in Gram, verlange aber auch nicht, im Bereich einer alle umfassenden Herrschaft für dich allein nach eigenem Recht zu leben!«

Soviel Sand wie dahinwälzt des erregten Meers
sturmdurchzitterte Woge,
Soviel Sterne sich drehn oben am Himmelszelt,
Glänzend in klaren Nächten:
Wenn so vieles uns auch schenkte des reichen Glücks
unerschöpfliches Füllhorn,
Dennoch nimmer, fürwahr, ließen die Menschen dann
ruhn die jammernde Klage!
Wenn auch gnädig ein Gott Bitten und Flehn erhört,
goldne Schätze verschenkend,
Wenn dem Streber er auch Ehren und Glanz beschert:
Nimmer genügt das Erreichte!
Kaum daß die raffende Gier, was sie erlangt, verschlang,
sperrt sie aufs neue den Schlund auf!
Wer kann bändigen, wer setzen ein festes Ziel
nimmer gestillter Begierde,
Wenn auch im Überfluß immer noch mehr begehrt
unersättliche Habsucht?!
Denn wer sich selbst für arm, selber für elend hält,
dem blüht nimmer der Reichtum!

»Wenn nun also in dieser Weise das Glück seine eigene Sache gegen dich führte, so würdest du dagegen wohl kaum etwas einwenden können. Solltest du aber doch imstande sein, deine Klagen mit irgend welchen Gründen zu stützen, so fordere ich dich auf, dieselben jetzt vorzubringen. Also sprich!«
»Jene Worte,« entgegnete ich, »die du dem Glück in den Mund legtest, waren zwar schön anzuhören und mit der Honigsüßigkeit der Redekunst und der Musik durchtränkt, doch trösten sie nur in dem Augenblick, in dem man sie vernimmt. Tiefer aber wurzelt die Schmerzempfindung des Unglücklichen. Sind daher jene Worte verhallt, so nimmt der Kummer von neuem Besitz von der Seele!«
»So ist es allerdings,« entgegnete meine Gefährtin. »Jene Worte sind aber auch noch nicht das eigentliche Heilmittel gegen deine Krankheit, sondern sie sollen nur die Hartnäckigkeit und den Trotz mildern, mit dem sich der Schmerz gegen die Heilung sträubt. Die eindringendsten Mittel werde ich erst dann bringen, wenn die rechte Zeit dafür gekommen sein wird.
Warum willst du dich nun aber durchaus für so unglücklich halten? Hast du denn ganz vergessen, wie groß und wie schön das Glück war, das du genossen hast? - Ich will gar nicht davon reden, daß die sorgende Hut hervorragender Männer sich deiner in deiner Verwaisung annahm, daß du in die Verwandtschaft der ersten Männer des Staates eingereiht wurdest, und zwar in die schönste Art der Verwandtschaft, da du ihnen schon teuer warst, bevor du wirklich ihr Verwandter wurdest! Wer pries dich damals nicht als den glücklichsten Mann, angesichts der glänzenden Stellung deiner Schwiegereltern, der keuschen Treue deiner Gattin, der glücklichen Begabung deiner Söhne?!
Ich übergehe - man übergeht ja das Allbekannte - die hohen Ehrenämter, die den meisten selbst im Greisenalter versagt bleiben und die dir schon in deiner Jugend zu teil wurden. Ich will lieber gleich von dem Moment reden, der den unerhörten Gipfel deines Glückes bezeichnet! Denn wenn ein Erfolg in irdischen Dingen überhaupt irgendwie als ein Glück angesehen werden kann, dann dürfte doch auch die größte Schar der andrängenden Übel nicht imstande sein, den Glanz jenes ruhmvollen Tages zu verdunkeln, als du zwei Söhne zugleich als Konsuln, von der Schar der Senatoren begleitet und vom Jubel des Volkes umringt, aus deinem Hause hinausziehen sahst, als du, während jene die kurulischen Sessel einnahmen, dir als Lobredner des Königs den Ruhm der Geistesgröße und der Beredsamkeit erwarbst, als du im Cirkus zwischen den beiden Konsuln saßest und die Erwartung der rings gedrängten Menge mit der Freigebigkeit eines Triumphators befriedigtest! Durch List oder Zauberkraft schienst du das Glück an dich gefesselt zu haben, daß es dir vor allen hold war, daß es dich als seinen Liebling begünstigte, daß es dir mehr zu teil werden ließ, als es je einem Privatmann gewährt hatte!
Willst du also wirklich mit dem Glücke rechten? - Jetzt zwar hat es dich - zum erstenmal - mit neidischem Blicke gestreift. Wenn du dir aber das Verhältnis deiner glücklichen Erlebnisse zu den unglücklichen, der Zahl und der Intensität nach, vergegenwärtigst, so wirst du nicht leugnen können, daß du auch jetzt noch glücklich zu nennen bist! Hältst du dich aber nur deswegen für unglücklich, weil alles verschwunden ist, was dich damals erfreute, so hast du keinen Grund, dich elend zu nennen, denn alles, was dich jetzt so traurig macht, auch das geht ja wieder vorüber! Du bist doch nicht eben erst, ganz plötzlich und wie ein fremder Gast, auf der Bühne dieses Lebens erschienen?! Glaubst du denn, daß den menschlichen Dingen überhaupt irgend welche Stetigkeit innewohnt, da doch den Menschen selbst oft eine flüchtige Stunde dahinrafft?! Und wenn wirklich einmal, was so selten geschieht, das Glück sich beständig erweisen sollte, so endigt mit dem letzten Tage des Lebens doch auch das beständigste Glück! Macht es denn etwa einen Unterschied, ob du dem Glück untreu wirst, indem du stirbst, oder das Glück dir, indem es entschwindet?«

Wenn am Himmel rosigen Schein verbreitet
Phöbus' strahlendes Viergespann,
Dann erbleichen unter der Flut des Lichtes
Alle Sterne des Firmaments.
Bunte Frühlingsblumen erblühn im Walde,
Wenn der liebliche Zephyr weht;
Doch zur Zeit des giftigen Nebelwindes
Welkt die Blüte des Dornenstrauchs!
Unbewegt bei ruhigem, heiterm Himmel
Liegt der Spiegel des Meeres da,
Doch wenn wild aus Norden der Sturm daherfährt,
Türmt zum Berge die Woge sich!
Weil noch nichts auf Erden beständig weilte,
Alles ewigen Wechsel zeigt:
Denke stets des menschlichen Glückes Wandel,
Seiner Güter Vergänglichkeit!
Untergehn muß alles, was einst entstanden;
Das ist ewiges Weltgesetz!

»Alles,« entgegnete ich hierauf, »was du mir in die Erinnerung zurückgerufen hast, ist allerdings wahr und ich kann den raschen Siegeslauf meines Glückes nicht ableugnen. Aber gerade deshalb leide ich ja so herbe Qual, wenn ich mich des Vergangenen erinnere. Denn in allem Mißgeschick besteht daß größte Unglück doch immer in dem Bewußtsein, einst glücklich gewesen zu sein!«
»Du kannst aber doch,« wandte sie ein, »ein Leiden, das nur auf deiner falschen Anschauungsweise beruht, nicht wohl in den Dingen selbst begründet finden. Wenn dich jenes leere Wort von der Unbeständigkeit des Glückes so sehr bewegt, so mache dir doch einmal mit mir klar, wieviel zahlreichere und größere Güter dir im Überfluß geblieben sind. Wenn dir gerade das köstlichste deiner Glücksgüter, dessen Besitz dir am teuersten war, noch heute ungeschmälert und unverletzt von der Gottheit erhalten ist, hast du dann überhaupt ein Recht, vom Unglück zu reden?! Und es lebt doch unversehrt die köstlichste Zierde des Menschengeschlechts, dein Schwiegervater Symmachus, und was noch mehr ist, was du gern mit deinem Leben erkaufen würdest: dieser Mann, ganz aus Weisheit und Tugend gebildet, er vergißt seine eigene Not und klagt um das dir widerfahrene Unrecht! - Es lebt auch deine Gattin, so reich an Geist, an bescheidener Sittsamkeit, an Keuschheit, und, um alle ihre Gaben kurz zusammenzufassen, dem Vater so ähnlich! Nur um deinetwillen erhält sie sich das ihr jetzt so verhaßte Leben und verzehrt sich - wodurch allein, wie auch ich zugebe, dein Glück getrübt wird - aus Sehnsucht nach dir in Kummer und Thränen! Was soll ich von deinen Söhnen, den Konsularen, sagen, in denen, trotz ihres jugendlichen Alters, das Abbild des väterlichen und großväterlichen Geistes sich schon jetzt so glänzend zeigt?!
Die größte Sorge der Sterblichen ist auf die Erhaltung des Lebens gerichtet. Würdest du also den wahren Wert der Güter, die du noch besitzest, erkennen, wie glücklich müßtest du dann sein, da dir dasjenige geblieben ist, was alle einstimmig für köstlicher halten als das Leben!
Trockne also deine Thränen! Noch ist das Glück nicht ganz von dir gewichen, noch kannst du dem Sturm, der dich bedrängt, widerstehen, denn noch halten die Anker fest und das soll dich in der Gegenwart trösten und dir die Hoffnung auf die Zukunft erhalten!«
»Ja,« sprach ich, »das ist ja auch mein höchster Wunsch, daß die Anker auch ferner fest im Grunde haften möchten! Dann will ich mich schon durcharbeiten, wie es auch kommen mag! Aber auch du mußt doch einsehen, wie unendlich viel ich verloren habe!«
»Einen kleinen Fortschritt,« entgegnete sie, »haben wir nun doch schon gemacht, da du dein Los jetzt nicht mehr in jeder Hinsicht für beklagenswert hältst. Ich begreife aber gar nicht, wie du überhaupt Freude empfinden kannst, da du schon dann so jammervoll und schmerzlich klagst, wenn nur erst ein wenig von deinem Glück dir entschwunden ist! Wer ist denn so vollkommen glücklich, daß er nicht mit irgend etwas dennoch unzufrieden wäre? Es ist überhaupt eine mißliche Sache um das menschliche Glück, das nie zur vollen Entfaltung kommt und nie beständig verweilt: Unendlich reich ist der eine, aber ihn schändet sein unedles Blut. Den anderen stellt seine hohe Geburt an einen allen sichtbaren Platz, aber bei der Kleinheit seines Vermögens wäre es besser für ihn, wenn er unbekannt und in der Verborgenheit leben könnte. Ein anderer besitzt Reichtümer und ist auch von hoher Geburt, aber traurig und ehrlos lebt er dahin. Jener freite mit Freuden, aber er bleibt kinderlos und seine Güter werden einst einen fremden Erben bereichern. Noch ein anderer ist mit Nachkommenschaft gesegnet, aber Kummer und Thränen verursachen ihm die Unthaten seiner Söhne und Töchter. - So ist wohl niemand völlig mit seinem Lose zufrieden. Bei jedem giebt es einen wunden Punkt, den der Unkundige nicht bemerkt, der den Wissenden aber mit Entsetzen erfüllt! - Dazu kommt, daß die Glücklichen und jedes Mißgeschicks Ungewohnten ein so außerordentlich empfindliches Gemüt besitzen und, wenn nicht alles nach Wunsch geht, durch die geringste Kleinigkeit niedergeschmettert werden! Ja, es gehört wirklich unendlich wenig dazu, um gerade die am reichsten Begnadeten vom Gipfel des Glückes herniederzustürzen.

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