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Wolfram von Eschenbach
1 »Sîne klâwen
durch die wolken sint
geslagen,
er
stîget ûf mit grôzer kraft;
ich sich in grâwen
tegelîch, als er wil
tagen:
den tac, der im geselleschaft
Erwenden wil, dem werden man,
den ich mit sorgen în [ ] verliez.
ich bringe in hinnen, ob ich kan.
sîn vil mánigiu tugent mich daz leisten hiez.«
2 ›Wahtaer, du singest,
daz mir manige vreude
nimt
unde
mêret mîn klage.
maer du bringest,
der mich leider niht
gezimt,
immer morgens gegen dem tage.
Diu solt du mir verswîgen gar.
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir, als ich getar,
sô belîbet híe dér geselle mîn.‹
3 »Er muoz et hinnen
balde und ân sûmen sich.
nu
gip im urloup, süezez wîp.
lâze in minnen
her nâch sô verholn dich,
daz er behalte êre unde den lîp.
Er gap sich mîner triuwen alsô,
daz ich in braehte ouch wider dan.
ez ist nu tac. naht was ez, dô
mit drúcken an [] brúst dîn kus mir in an gewan.«
4 ›Swaz dir gevalle,
wahtaer, sinc und lâ
den hie,
der
minne brâht und minne enpfienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken
ie,
sô nínder der mórgenstern ûf gienc
Ûf in, der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht.
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen, und ûz herzen niht.‹
5 Von den blicken,
die der tac tet durch
diu glas,
und
dô wahtaere warnen sanc,
si muose erschricken
durch den, der dâ bî
ir was.
ir
brüstlîn an brust si dwanc.
Der rîter ellens niht vergaz;
des wold in wenden wahtaers dôn:
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gap in minne lôn.
Neuhochdeutsch:
1 »Seine Klauen / sind durch die
Wolken geschlagen. / Er
steigt herauf mit großer Kraft. / Ich sehe
ihn grauen, /
täglich, so wie er jetzt tagen wird, /
den Tag, der ihn um
das Zusammensein mit der Geliebten / bringen
will, den
edlen Mann, / den ich voll Sorge eingelassen
habe. / Ich
bringe ihn wieder fort, wenn ich kann.
/ Seine
hervorragenden Eigenschaften haben mich
dazu
bestimmt, dieser Pflicht nachzukommen.«
2 ›Wächter, du singst etwas, / das mir viel Freuden nimmt
/
und meinen Schmerz vergrößert / Neuigkeiten
bringst du
mir, / die mir leider nicht gefallen, /
immer morgens,
wenn der Tag anbricht. / Von denen sollst
du mir gänzlich
schweigen. / Das befehle ich dir bei deiner
Pflicht zur
Treue. / Dafür belohne ich dich, wie ich
es kann. / So
bleibt mein Geliebter hier.‹
3 »Er muß nun einmal fort, / sogleich und ohne zu säumen.
/
Verabschiede ihn nun, schöne Frau. / Laß
ihn dich später /
so im Verborgenen lieben, / daß er sein
Ansehen und
sein Leben behalten kann. / Er hat sich
meiner Treue
anvertraut, / so daß ich ihn auch wieder
sicher von hier
wegbringen sollte. / Es ist jetzt Tag.
Nacht war es, /
als in inniger Umarmung dein Kuß ihn von
mir trennte.«
4 ›Was auch immer dir gefällt, / Wächter, das singe, aber
laß den hier, / der Liebe schenkte und
Liebe empfing. /
Von deinem Gesang / sind er und ich stets aufge-
schreckt worden, / zu einem Zeitpunkt,
da noch lange
nicht der Morgenstern aufgegangen war /
über ihm, der
um der Liebe willen hergekommen ist, /
und das Licht des
Tages noch nicht leuchtete. / Du hast ihn
mir immer
wieder / aus den hellschimmernden Armen
gerissen,
aber nicht aus dem Herzen.‹
5 Von den Blicken, / die der Tag durch die Scheiben warf,
/
und als der Wächter sein Warnlied sang,
/ erschrak sie
unwillkürlich / um seinetwillen, der dort
bei ihr war. /
Ihre zarten Brüste drückte sie an seine
Brust. / Der
Ritter erinnerte sich seiner Männlichkeit;
/ davon wollte
ihn das Lied des Wächters abbringen: /
Der Abschied,
nah und immer näher, / gab ihnen im Kuß
- und auch
sonst - den Lohn der Liebe.
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