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Walther von der Vogelweide

1    Nû sol der keiser hêre
      versprechen dur sîn êre
      des lantgrâven missetât.
      wand er was doch zwâre
      sîn vîent offenbâre.
      die zagen truogen stillen rât.
      si swuoren hie, si swuoren dort
      und pruoften ungetriuwen mort.
      von Rôme fuor ir schelden.
      ir dûf enmohte sich niht verheln,
      si begunden underzwischen steln
      und alle einander melden.
      seht, diep stal diebe,
      drô tet liebe.

  2  Der Mîssenaere solde
      mir wandeln, ob er wolde.
      mînen dienst lâz ich allez varn.
      niwan mîn lop aleine -
      daz in mîn lop iht meine,   
      daz kan ich schône wol bewarn.
      lob ich in, sô lob er mich!
      des andern alles, des wil ich
      in minneclîch erlâzen.
      sîn lop, daz muoz ouch mir gezemen, 
      oder ich wil mînez her wider nemen
      ze hove und an der strâzen.
      sô ich nû genuoge
      warte sîner vuoge.

  3  Ich hân dem Mîssenaere
      gevüeget manic maere,
      baz danne er nû gedenke mîn.
      waz sol diu rede beschoenet?
      möht ich in hân gekroenet,
      diu krône waere hiute sîn.
      het er mir dô gelônet baz,
      ich diente im aber etewaz:
      noch kan ich schaden vertrîben.
      er ist aber sô gefüege niht, 
      daz er mir biete wandels iht,
      dâ lâzen wirz belîben.
      wan vil verdirbet,
      des man niht enwirbet.

Übersetzung:

  1  Nun möge der erhabene Kaiser / seinem Ansehen zuliebe
      / das Vergehen des Landgrafen verzeihen. / Denn er war
      doch, wie man weiß, / ganz öffentlich sein Feind. / Die
      Feiglinge (aber) gingen im Geheimen zu Rate. / Sie legten
      mal hier, mal dort Eide ab / und diskutierten treulose
      Schandtaten. / Ihre Schmähreden rührten von Rom her. /
      Ihre Dieberei konnte nicht geheim bleiben, / sie
      bestahlen sich gegenseitig, / und einer diffamierte den anderen. /
      Seht nur, der Dieb bestahl den Dieb, / Drohung
      schuf Gunst.

  2  Der Meißner sollte / mich gefälligst entschädigen. / Mei-
      nen Dienst kündige ich ihm auf. / Das wär's eigentlich,
      wenn da nicht noch eine Kleinigkeit wäre: mein Lobge-
      sang; / ihn fürderhin noch jemals irgendwie zu preisen,
      / werde ich zu unterlassen wissen. / Preise ich ihn, dann
      möge er auch mich preisen. / Alles andere will ich / ihm
      gütigst erlassen. / Seine Lobrede muß auch mir
      angemessen sein, / wenn nicht, dann werde ich die meine,
      / wo immer sie auch hingelangte, wieder zurücknehmen. /
      Ich warte nun lange genug / auf das, was recht und billig
      wäre.

  3  Ich habe für den Meißner so manches Mal / gute Worte
      eingelegt, / habe für ihn viel mehr getan, als er nun mir
      zukommen läßt. / Das ist nicht bloß schönes Gerede, /
      wenn ich ihn hätte krönen können, / die Krone könnte
      er heute sein nennen. / Wenn er mich nur etwas besser
      entlohnt hätte, / ich hätte ihm aufs neue gedient: / immer
      noch bin ich in der Lage, Schaden abzuwenden. / Er
      besitzt aber nicht so viel Anstand, / daß er mich auch nur
      irgend entlohnt, / also lassen wir's! / Es verkommt eben 
      so manches, / um das man sich nicht recht bemüht.