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Günther Johann Christian

Als er unverhofft von etlichen Gönnern
aus Breßlau favorable Briefe erhielt

Es dörffte mir ein Freund noch manch Gedächtniß weyhn,
Ich würd im Tode mehr als ietzt im Leben seyn:
Der stille Rosen-Thal ergetzte meinen Schatten,
Und läßt sich ihn vielleicht mit Flemmings Geiste gatten;
Ja wenn auch ohngefehr in Lieb' und Einsamkeit
Nach viel Veränderung der Länder und der Zeit
Ein Lands-Mann hier herum der Liebsten Sträusse bände,
Und etwann noch von mir den letzten Knochen fände;
Ich weiß er grüb' auch den in Blumen, Sand und Bast
Und schnitte diese Schrifft an jenem nächsten Ast:
»Hier starb ein Schlesier, weil Glück und Zeit nicht wolte,
»Daß seine Dichter-Kunst zur Reiffe kommen solte;
»Mein Pilger! ließ geschwind und wandre deine Bahn,
»Sonst steckt dich auch sein Staub mit Lieb' und Unglück an.
Diß dörfft ein Landsmann thun. O daß ich ietzo stürbe
Und durch der Jahre May den grünen Ruhm erwürbe!
Mein Wunsch ist stets umsonst, es kommt mir nicht so gut,
Da nichts mehr auf der Welt mir was zu Liebe thut,
So will mich auch so gar der karge Tod nicht haben,
Aus Furcht, er möcht' an mir mehr Schimpff als Fleisch begraben.
Ach GOtt! ach Lieb! ach Carl! ach Weißheit! ach Eugen!
Ihr hört mein Saiten-Spiel zu eurem Dienste stehn,
Ihr seyd die Mächtigsten im Himmel und auf Erden,
O last doch meine Noth nicht etwann grösser werden!
Was kostets euch vor Müh mein Glücke zu erhöhn?
Es wär um einen Blick, so könnt ich sicher stehn,
Und euer Sieges-Lied mit aufgelösten Schwingen
Biß an das äuserste des Erden-Kreisses bringen.
Verlassne Poesie! wie geht es immer zu?
Dein Spielen wiegt den Geist der Traurigkeit in Ruh,
Macht wilde Sitten zahm, kan Leichen Blut und Leben,
Den Helden Ewigkeit, der Tugend Kronen geben;
Hingegen uns dein Volck verläst du in der Noth,
O welche Mutter gönnt den Kindern nicht das Brod?
Du läst die Deinigen kein schlechtes Guth erwerben,
Und offt durch fremden Ruhm mit Ehren Hungers sterben.
Verlassne Poesie! so war es ehmahls nicht,
Man weiß wohl, was Corinth vor Ehren-Kräntze flicht,
Man hört noch vom August und Welschland göldnen Jahren,
Wo Flaccus und Virgil des Hofes Zierde waren.
Wo lebt ietzt Constantin, der Räth aus Dichtern macht?
Wo hat in deutscher Lufft ein solcher Blick gelacht,
Als Franckreichs Ludewig den freyen Künsten schenckte,
So sehr es offtermahls den tummen Hochmuth kränckte?
Ein Schreiber sieht uns ietzt kaum über Achsel an,
Und keinem wird die Thür im Winter aufgethan,
Er müste denn zuvor bey seinem Krantze schwören,
Der Magd zur Danckbarkeit die Stuben auszukehren.
Was nützt der dürre Zweig, der Haar und Platte deckt,
Wenn unterdeß die Haut durch Schuh und Strümpffe bleckt?
Was hilfft die Götter-Kost, womit die Musen laben,
Wenn unsre Finger nichts als welcke Rüben schaben?
Im Wasser wächst kein Vers, der ewig grünen soll,
Wenn Flaccus spielt und jauchzt, so ist er satt und voll
Vom Weine, nicht vom Gram. Zerreisst ihr mürben Saiten!
Nun mag ich länger nicht mit so viel Elend streiten.
Zerreisst und knüpfft mich auf und schnürt den Jammer zu!
Denn eh ich künfftig mehr vergebne Wünsche thu,
Eh soll mein siecher Leib (was würd ich viel verliehren?)
Den Nagel und die Wand der Welt zur Schande zieren.
So sprang Selintes auf und hätte was gethan,
Jedoch ein schneller Schlaff hielt Arm und Unmuth an,
Und warff ihn, wie er war, auf Stroh und Leinwand nieder,
Da wiegt ein sanffter Traum die Sinnen und die Glieder
Mit süssen Bildern ein. Der Phöbus kam ihm vor
Und gab ihm nebst Gedult ein neu geschnittnes Rohr,
Und sagte: Spiele fort und nimm dir diß zum Zeichen,
Die Hoffnung wird dich noch zu rechter Zeit erreichen;
Budorgis hört dein Flehn und um den schönen Fluß,
Wo Hofmanns Laute noch das Ufer schlagen muß,
Erschallt dein Klage-Lied in aufgeweckten Ohren,
Die Schlesien der Kunst zu Hülff' und Trost gebohren.
Sechs Tage sind vorbey, ietzt geht der Traum erst aus.
Wie schnell erhohlt sich ietzt mein dürrer Lorbeer-Strauß,
Da viel an Glück und Geist berühmte Mäcenaten
Der armen Ungedult in milder Zuschrifft rathen!
Ihr Kenner rechter Kunst! Ihr Väter einer Stadt,
In welcher Phöbus noch erlaubten Zutritt hat,
Empfangt nach eurer Huld ein Blat voll Wunsch und Seegen
Mit Augen, die das Hertz mehr als den Wehrt erwegen.
So wie nach Näß' und Wind ein tieff gebücktes Kraut,

Wenn Wärm und Sonnenschein den Erdkreiß wieder schaut,
Den müden Gipffel hebt und nach dem Orte steiget,
Woher ihm Licht und Lufft des Trostes Aufgang zeiget,
So muntert euer Blick die blöde Schwachheit auf;
Der Reim beschleuniget den sonst verstockten Lauff,
Begierd und Feder glühn und Blut und Adern springen,
Am deutschen Helicon den Schwänen nachzudringen,
Die nicht mehr sterblich sind. Ich seh, wie Hofmanns Geist
Auch meinen heissen Trieb durch Klipp- und Wolcken reist.
O! würd mir eure Gunst durch keinen Neid gestohlen,
So hofft' ich gantz gewiß den Opitz einzuhohlen.
Getrost Calliope! die Saiten angefaßt!
Denn da du ietzt so viel und kluge Väter hast,
So darff man dich nicht mehr ein armes Mägdgen nennen,
Ihr Zuschuß wird dich ja noch wohl ernehren können.
Hört diese Zuversicht! seht Gönner reicher Hand!
So plötzlich ändert ihr den unvergnügten Stand,
So scharff entzündet mich die Ehrfurcht und die Liebe
Mit einer Zärtlichkeit vergnügter Hoffnungs-Triebe,
Die ietzt nach Breßlau gehn. Verzeiht nur, wo mein Lied
Vor dißmahl nicht so gleich dem Wetter ähnlich sieht;
Die Freud ist ein Affect, der, wenn er hefftig treibet,
Mehr in Gedancken sagt, als mit der Feder schreibet.
Bald soll es besser gehn, wenn Nothdurfft, Ruh und Lust
Des Geistes Freyheit schützt, ietzt ätzt ich meiner Brust
Die theuren Nahmen ein, und muß auch die verwesen,
So soll sie doch die Welt auf meinem Lorbeer lesen.
Erlaub es mir nunmehr du Lorbeer-reiche Schaar!
Virgil, Horaz, Petrarch, Secundus, Sannazar,
Und alle, die ihr mir viel Spuren hinterlassen,
Dem besten nechsten Weg am Pindus abzupassen,
Erlaubt mir, daß mein Fuß in eure Stuffen tritt!
Ich bringe von Natur den stummen Zunder mit,
Und will, wie ehmahls ihr, in süß' und hohen Schrifften
Den Seelen seltner Art ein ewig Denck-mahl stifften.
Es ist kein Hochmuths-Trieb, es ist ein Hochmuths-Zug,
Der Lust zur Weißheit trägt und durch den Sternen-Flug,
Zu dem mir Breßlers Huld die Feder mitgetheilet,
Den blinden Pöbel läst und nach den Bühnen eilet,
Allwo das Helden-Hauß, das dort den Milch-Weg ziert,
Den Gönnern meines Spiels nicht minder Glantz gebiehrt,
Weil Häupter, die den Ruhm der Wissenschafften schützen,
So grosse Dinge thun, als die im Helme blitzen.