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Goethe Johann Wolfgang von
Die Wahlverwandtschaften
Zweiter Teil, Siebentes Kapitel
Insofern der Architekt seinen Gönnerinnen das Beste! wünschte,
war es ihm angenehm, da er doch endlich scheiden mußte, sie in der
guten Gesellschaft des schätzbaren Gehülfen zu wissen; indem
er jedoch ihre Gunst auf sich selbst bezog, empfand er es einigermaßen
schmerzhaft, sich so bald und, wie es seiner Bescheidenheit dünken
mochte, so gut, ja vollkommen ersetzt zu sehen. Er hatte noch immer gezaudert,
nun aber drängte es ihn hinweg; denn was er sich nach seiner Entfernung
mußte gefallen lassen, das wollte er wenigstens gegenwärtig
nicht erleben.
Zu großer Erheiterung dieser halb traurigen Gefühle machten
ihm die Damen beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste, an der
er sie beide lange Zeit hatte stricken sehen, mit einem stillen Neid über
den unbekannten Glücklichen, dem sie dereinst werden könnte.
Eine solche Gabe ist die angenehmste, die ein liebender, verehrender Mann
erhalten mag; denn wenn er dabei des unermüdeten Spiels der schönen
Finger gedenkt, so kann er nicht umhin, sich zu schmeicheln, das Herz
werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne Teilnahme
geblieben sein.
Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten, dem sie wohlwollten
und dem es bei ihnen wohl werden sollte. Das weibliche Geschlecht hegt
ein eignes, inneres, unwandelbares Interesse, von dem sie nichts in der
Welt abtrünnig macht; im äußern, geselligen Verhältnis
hingegen lassen sie sich gern und leicht durch den Mann bestimmen, der
sie eben beschäftigt; und so durch Abweisen wie durch Empfänglichkeit,
durch Beharren und Nachgiebigkeit führen sie eigentlich das Regiment,
dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt.
Hatte der Architekt, gleichsam nach eigener Lust und Belieben, seine Talente
vor den Freundinnen zum Vergnügen und zu den Zwecken derselben geübt
und bewiesen, war Beschäftigung und Unterhaltung in diesem Sinne
und nach solchen Absichten eingerichtet, so machte sich in kurzer Zeit
durch die Gegenwart des Gehülfen eine andere Lebensweise. Seine große
Gabe war, gut zu sprechen und menschliche Verhältnisse, besonders
in bezug auf Bildung der Jugend, in der Unterredung zu behandeln. Und
so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein ziemlich fühlbarer
Gegensatz, um so mehr, als der Gehülfe nicht ganz dasjenige billigte,
womit man sich die Zeit über ausschließlich beschäftigt
hatte.
Von dem lebendigen Gemälde, das ihn bei seiner Ankunft empfing, sprach
er gar nicht. Als man ihm hingegen Kirche, Kapelle und was sich darauf
bezog, mit Zufriedenheit sehen ließ, konnte er seine Meinung, seine
Gesinnungen darüber nicht zurückhalten. "Was mich betrifft,"
sagte er, "so will mir diese Annäherung, diese Vermischung des
Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs gefallen, nicht gefallen,
daß man sich gewisse besondere Räume widmet, weihet und aufschmückt,
um erst dabei ein Gefühl der Frömmigkeit zu hegen und zu unterhalten.
Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefühl
des Göttlichen stören, das uns überallhin begleiten und
jede Stätte zu einem Tempel einweihen kann. Ich mag gern einen Hausgottesdienst
in dem Saale gehalten sehen, wo man zu speisen, sich gesellig zu versammeln,
mit Spiel und Tanz zu ergötzen pflegt. Das Höchste, das Vorzüglichste
am Menschen ist gestaltlos, und man soll sich hüten, es anders als
in edler Tat zu gestalten."
Charlotte, die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr
in kurzer Zeit erforschte, brachte ihn gleich in seinem Fache zur Tätigkeit,
indem sie ihre Gartenknaben, welche der Architekt vor seiner Abreise eben
gemustert hatte, in dem großen Saal aufmarschieren ließ, da
sie sich denn in ihren heitern, reinlichen Uniformen, mit gesetzlichen
Bewegungen und einem natürlichen, lebhaften Wesen sehr gut ausnahmen.
Der Gehülfe prüfte sie nach seiner Weise und hatte durch mancherlei
Fragen und Wendungen gar bald die Gemütsarten und Fähigkeiten
der Kinder zutage gebracht und, ohne daß es so schien, in Zeit von
weniger als einer Stunde sie wirklich bedeutend unterrichtet und gefördert.
"Wie machen Sie das nur?" sagte Charlotte, indem die Knaben
wegzogen. "Ich habe sehr aufmerksam zugehört; es sind nichts
als ganz bekannte Dinge vorgekommen, und doch wüßte ich nicht,
wie ich es anfangen sollte, sie in so kurzer Zeit, bei so vielem Hin und
Widerreden, in solcher Folge zur Sprache zu bringen."
"Vielleicht sollte man", versetzte der Gehülfe, "aus
den Vorteilen seines Handwerks ein Geheimnis machen. Doch kann ich Ihnen
die ganz einfache Maxime nicht verbergen, nach der man dieses und noch
viel mehr zu leisten vermag. Fassen Sie einen Gegenstand, eine Materie,
einen Begriff, wie man es nennen will; halten Sie ihn recht fest; machen
Sie sich ihn in allen seinen Teilen recht deutlich, und dann wird es Ihnen
leicht sein, gesprächsweise an einer Masse Kinder zu erfahren, was
sich davon schon in ihnen entwickelt hat, was noch anzuregen, zu Überliefern
ist. Die Antworten auf Ihre Fragen mögen noch so ungehörig sein,
mögen noch so sehr ins Weite gehen, wenn nur sodann Ihre Gegenfrage
Geist und Sinn wieder hereinwärts zieht, wenn Sie sich nicht von
Ihrem Standpunkte verrücken lassen, so müssen die Kinder zuletzt
denken, begreifen, sich überzeugen, nur von dem, was und wie es der
Lehrende will. Sein größter Fehler ist der, wenn er sich von
den Lernenden mit in die Weite reißen läßt, wenn er sie
nicht auf dem Punkte festzuhalten weiß, den er eben jetzt behandelt.
Machen Sie nächstens einen Versuch, und es wird zu Ihrer großen
Unterhaltung dienen."
"Das ist artig," sagte Charlotte; "die gute Pädagogik
ist also gerade das Umgekehrte von der guten Lebensart.
In der Gesellschaft soll man auf nichts verweilen, und bei dem Unterricht
wäre das höchste Gebot, gegen alle Zerstreuung zu arbeiten."
"Abwechselung ohne Zerstreuung wäre für Lehre und Leben
der schönste Wahlspruch, wenn dieses löbliche Gleichgewicht
nur so leicht zu erhalten wäre!" sagte der Gehülfe und
wollte weiter fortfahren, als ihn Charlotte auf rief, die Knaben nochmals
zu betrachten, deren munterer Zug sich soeben über den Hof bewegte.
Er bezeigte seine Zufriedenheit, daß man die Kinder in Uniform zu
gehen anhalte. "Männer", so sagte er, "sollten von
Jugend auf Uniform tragen, weil sie sich gewöhnen müssen, zusammen
zu handeln, sich unter ihresgleichen zu verlieren, in Masse zu gehorchen
und ins Ganze zu arbeiten. Auch befördert jede Art von Uniform einen
militärischen Sinn sowie ein knapperes, strackeres Betragen, und
alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten; man sehe nur ihre Kampf-
und Streitspiele, ihr Erstürmen und Erklettern."
"So werden Sie mich dagegen nicht tadeln," versetzte Ottilie,
"daß ich meine Mädchen nicht überein kleide. Wenn
ich sie Ihnen vorführe, hoffe ich Sie durch ein buntes Gemisch zu
ergötzen."
"Ich billige das sehr," versetzte jener. "Frauen sollten
durchaus mannigfaltig gekleidet gehen, jede nach eigner Art und Weise,
damit eine jede fühlen lernte, was ihr eigentlich gut stehe und wohl
zieme. Eine wichtigere Ursache ist noch die, weil sie bestimmt sind, ihr
ganzes Leben allein zu stehen und allein zu handeln."
"Das scheint mir sehr paradox," versetzte Charlotte; "sind
wir doch fast niemals für uns."
"O ja!" versetzte der Gehülfe, "in Absicht auf andere
Frauen ganz gewiß. Man betrachte ein Frauenzimmer als Liebende,
als Braut, als Frau, Hausfrau und Mutter, immer steht sie isoliert, immer
ist sie allein und will allein sein. Ja die Eitle selbst ist in dem Falle.
Jede Frau schließt die andre aus, ihrer Natur nach; denn von jeder
wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht
so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann;
er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gäbe;
eine Frau könnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich
ihresgleichen hervorzubringen."
"Man darf", sagte Charlotte, "das Wahre nur wunderlich
sagen, so scheint zuletzt das Wunderliche auch wahr. Wir wollen uns aus
ihren Bemerkungen das Beste herausnehmen und doch als Frauen mit Frauen
zusammenhalten und auch gemeinsam wirken, um den Männern nicht allzu
große Vorzüge über uns einzuräumen. Ja, Sie werden
uns eine kleine Schadenfreude nicht übelnehmen, die wir künftig
um desto lebhafter empfinden müssen, wenn sich die Herren untereinander
auch nicht sonderlich vertragen."
Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verständige Mann nunmehr die
Art, wie Ottilie ihre kleinen Zöglinge behandelte, und bezeigte darüber
seinen entschiedenen Beifall.
"Sehr richtig heben Sie", sagte er, "Ihre Untergebenen
nur zur nächsten Brauchbarkeit heran. Reinlichkeit veranlaßt
die Kinder, mit Freuden etwas auf sich selbst zu halten, und alles ist
gewonnen, wenn sie das, was sie tun, mit Munterkeit und Selbstgefühl
zu leisten angeregt sind."
Übrigens fand er zu seiner großen Befriedigung nichts auf den
Schein und nach außen getan, sondern alles nach innen und für
die unerläßlichen Bedürfnisse. "Mit wie wenig Worten",
rief er aus, "ließe sich das ganze Erziehungsgeschäft
aussprechen, wenn jemand Ohren hätte zu hören!" "Mögen
Sie es nicht mit mir versuchen?" sagte freundlich Ottilie.
"Recht gern," versetzte jener; "nur müssen Sie mich
nicht verraten. Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen
zu Müttern, so wird es überall wohlstehn." "Zu Müttern,"
versetzte Ottilie, "das könnten die Frauen noch hingehen lassen,
da sie sich, ohne Mütter zu sein, doch immer einrichten müssen,
Wärterinnen zu werden; aber freilich zu Dienern würden sich
unsre jungen Männer viel zu gut halten, da man jedem leicht ansehen
kann, daß er sich zum Gebieten fähiger dünkt."
"Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen," sagte der Gehülfe.
"Man schmeichelt sich ins Leben hinein, aber das Leben schmeichelt
uns nicht. Wieviel Menschen mögen denn das freiwillig zugestehen,
was sie am Ende doch müssen? Lassen wir aber diese Betrachtungen,
die uns hier nicht berühren!
Ich preise Sie glücklich, daß Sie bei Ihren Zöglingen
ein richtiges Verfahren anwenden können. Wenn Ihre kleinsten Mädchen
sich mit Puppen herumtragen und einige Läppchen für sie zusammenflicken,
wenn ältere Geschwister als dann für die jüngern sorgen
und das Haus sich in sich selbst bedient und aufhilft, dann ist der weitere
Schritt ins Leben nicht groß, und ein solches Mädchen findet
bei ihrem Gatten, was sie bei ihren Eltern verließ. Aber in den
gebildeten Ständen ist die Aufgabe sehr verwickelt.
Wir haben auf höhere, zartere, feinere, besonders auf gesellschaftliche
Verhältnisse Rücksicht zu nehmen. Wir andern sollen daher unsre
Zöglinge nach außen bilden; es ist notwendig, es ist unerläßlich
und möchte recht gut sein, wenn man dabei nicht das Maß überschritte;
denn indem man die Kinder für einen weiteren Kreis zu bilden gedenkt,
treibt man sie leicht ins Grenzenlose, ohne im Auge zu behalten, was denn
eigentlich die innere Natur fordert. Hier liegt die Aufgabe, welche mehr
oder weniger von den Erziehern gelöst oder verfehlt wird.
Bei manchem, womit wir unsere Schülerinnen in der Pension ausstatten,
wird mir bange, weil die Erfahrung mir sagt, von wie geringem Gebrauch
es künftig sein werde. Was wird nicht gleich abgestreift, was nicht
gleich der Vergessenheit überantwortet, sobald ein Frauenzimmer sich
im Stande der Hausfrau, der Mutter befindet!
Indessen kann ich mir den frommen Wunsch nicht versagen, da ich mich einmal
diesem Geschäft gewidmet habe, daß es mir dereinst in Gesellschaft
einer treuen Gehülfin gelingen möge, an meinen Zöglingen
dasjenige rein auszubilden, was sie bedürfen, wenn sie in das Feld
eigener Tätigkeit und Selbständigkeit hinüberschreiten;
daß ich mir sagen könnte: in diesem Sinne ist an ihnen die
Erziehung vollendet. Freilich schließt sich eine andere immer wieder
an, die beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens, wo nicht von uns selbst,
doch von den Umständen veranlaßt - wird."
Wie wahr fand Ottilie diese Bemerkung! Was hatte nicht eine ungeahnte
Leidenschaft im vergangenen Jahr an ihr erzogen! Was sah sie nicht alles
für Prüfungen vor sich schweben, wenn sie nur aufs Nächste,
aufs Nächstkünftige hinblickte!
Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehülfin, einer
Gattin erwähnt; denn bei aller seiner Bescheidenheit konnte er nicht
unterlassen, seine Absichten auf eine entfernte Weise anzudeuten; ja er
war durch mancherlei Umstände und Vorfälle aufgeregt worden,
bei diesem Besuch einige Schritte seinem Ziele näher zu tun. Die
Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren; sie hatte sich unter ihren
Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen,
die eigentlich mit ihr in Gesellschaft träte, und zuletzt dem Gehülfen,
dem sie zu vertrauen höchlich Ursache hatte, den Antrag getan, er
solle mit ihr die Lehranstalt fortführen, darin als in dem Seinigen
mitwirken und nach ihrem Tode als Erbe und einziger Besitzer eintreten.
Die Hauptsache schien hiebei, daß er eine einstimmende Gattin finden
müsse. Er hatte im stillen Ottilien vor Augen und im Herzen; allein
es regten sich mancherlei Zweifel, die wieder durch günstige Ereignisse
einiges Gegengewicht erhielten. Luciane hatte die Pension verlassen, Ottilie
konnte freier zurückkehren; von dem Verhältnisse zu Eduard hatte
zwar etwas verlautet, allein man nahm die Sache, wie ähnliche Vorfälle
mehr, gleichgültig auf, und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens
Rückkehr beitragen. Doch wäre man zu keinem Entschluß
gekommen, kein Schritt wäre geschehen, hätte nicht ein unvermuteter
Besuch auch hier eine besondere Anregung gegeben, wie denn die Erscheinung
von bedeutenden Menschen in irgendeinem Kreise niemals ohne Folge bleiben
kann.
Der Graf und die Baronesse, welche so oft in den Fall kamen, über
den Wert verschiedener Pensionen befragt zu werden, weil fast jedermann
um die Erziehung seiner Kinder verlegen ist, hatten sich vorgenommen,
diese besonders kennenzulernen, von der soviel Gutes gesagt wurde, und
konnten nunmehr in ihren neuen Verhältnissen zusammen eine solche
Untersuchung anstellen. Allein die Baronesse beabsichtigte noch etwas
anderes. Während ihres letzten Aufenthalts bei Charlotten hatte sie
mit dieser alles umständlich durchgesprochen, was sich auf Eduarden
und Ottilien bezog. Sie bestand aber- und abermals darauf: Ottilie müsse
entfernt werden. Sie suchte Charlotten hiezu Mut einzusprechen, welche
sich vor Eduards Drohungen noch immer fürchtete. Man sprach über
die verschiedenen Auswege, und bei Gelegenheit der Pension war auch von
der Neigung des Gehülfen die Rede, und die Baronesse entschloß
sich um so mehr zu dem gedachten Besuch.
Sie kommt an, lernt den Gehülfen kennen, man beobachtet die Anstalt
und spricht von Ottilien. Der Graf selbst unterhält sich gern über
sie, indem er sie bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt. Sie
hatte sich ihm genähert, ja sie ward von ihm angezogen, weil sie
durch sein gehaltvolles Gespräch dasjenige zu sehen und zu kennen
glaubte, was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war. Und wie sie in dem
Umgange mit Eduard die Welt vergaß, so schien ihr in der Gegenwart
des Grafen die Welt erst recht wünschenswert zu sein. Jede Anziehung
ist wechselseitig. Der Graf empfand eine Neigung für Ottilien, daß
er sie gern als seine Tochter betrachtete. Auch hier war sie der Baronesse
zum zweitenmal und mehr als das erstemal im Wege. Wer weiß, was
diese in Zeiten lebhafterer Leidenschaft gegen sie an gestiftet hätte!
Jetzt war es ihr genug, sie durch eine Verheiratung den Ehefrauen unschädlicher
zu machen.
Sie regte daher den Gehülfen auf eine leise, doch wirksame Art klüglich
an, daß er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloß
einrichten und seinen Planen und Wünschen, von denen er der Dame
kein Geheimnis gemacht, sich ungesäumt nähern solle. Mit vollkommener
Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an und hegte in
seinem Gemüte die besten Hoffnungen. Er weiß, Ottilie ist ihm
nicht ungünstig; und wenn zwischen ihnen einiges Mißverhältnis
des Standes war, so glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der
Zeit aus. Auch hatte die Baronesse ihn wohl fühlen lassen, daß
Ottilie immer ein armes Mädchen bleibe. Mit einem reichen Hause verwandt
zu sein, hieß es, kann niemanden helfen; denn man würde sich
selbst bei dem größten Vermögen ein Gewissen daraus machen,
denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen, die dem näheren Grade
nach ein vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen. Und
gewiß bleibt es wunderbar, daß der Mensch das große
Vorrecht, nach seinem Tode noch über seine Habe zu disponieren, sehr
selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und, wie es scheint, aus Achtung
für das Herkommen nur diejenigen begünstigt, die nach ihm sein
Vermögen besitzen würden, wenn er auch selbst keinen Willen
hätte.
Sein Gefühl setzte ihn auf der Reise Ottilien völlig gleich.
Eine gute Aufnahme erhöhte seine Hoffnungen. Zwar fand er gegen sich
Ottilien nicht ganz so offen wie sonst; aber sie war auch erwachsener,
gebildeter und, wenn man will, im allgemeinen mitteilender, als er sie
gekannt hatte. Vertraulich ließ man ihn in manches Einsicht nehmen,
was sich besonders auf sein Fach bezog. Doch wenn er seinem Zwecke sich
nähern wollte, so hielt ihn immer eine gewisse innere Scheu zurück.
Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit, in dem sie in Beisein
Ottiliens zu ihm sagte: "Nun, Sie haben alles, was in meinem Kreise
heranwächst, so ziemlich geprüft; wie finden Sie denn Ottilien?
Sie dürfen es wohl in ihrer Gegenwart aussprechen."
Der Gehülfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem
Ausdruck, wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens, einer bequemeren
Mitteilung, eines höheren Blicks in die weltlichen Dinge, der sich
mehr in ihren Handlungen als in ihren Worten betätige, sehr zu ihrem
Vorteil verändert finde, daß er aber doch glaube, es könne
ihr sehr zum Nutzen gereichen, wenn sie auf einige Zeit in die Pension
zurückkehre, um das in einer gewissen Folge gründlich und für
immer sich zuzueignen, was die Welt nur stückweise und eher zur Verwirrung
als zur Befriedigung, ja manchmal nur allzuspät überliefere.
Er wolle darüber nicht weitläufig sein; Ottilie wisse selbst
am besten, aus was für zusammenhängenden Lehrvorträgen
sie damals herausgerissen worden.
Ottilie konnte das nicht leugnen; aber sie konnte nicht gestehen, was
sie bei diesen Worten empfand, weil sie sich es kaum selbst auszulegen
wußte. Es schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhängend,
wenn sie an den geliebten Mann dachte, und sie begriff nicht, wie ohne
ihn noch irgend etwas zusammenhängen könne.
Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit. Sie sagte,
daß sowohl sie als Ottilie eine Rückkehr nach der Pension längst
gewünscht hätten. In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer
so lieben Freundin und Helferin unentbehrlich gewesen; doch wolle sie
in der Folge nicht hinderlich sein, wenn es Ottiliens Wunsch bliebe, wieder
auf so lange dorthin zurückzukehren, bis sie das Angefangene geendet
und das Unterbrochene sich vollständig zugeeignet.
Der Gehülfe nahm diese Anerbietung freudig auf; Ottilie durfte nichts
dagegen sagen, ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte. Charlotte
hingegen dachte Zeit zu gewinnen; sie hoffte, Eduard sollte sich erst
als glücklicher Vater wiederfinden und einfinden, dann, war sie überzeugt,
würde sich alles geben und auch für Ottilien auf eine oder die
andere Weise gesorgt werden. Nach einem bedeutenden Gespräch, über
welches alle Teilnehmenden nachzudenken haben, pflegt ein gewisser Stillstand
einzutreten, der einer allgemeinen Verlegenheit ähnlich sieht. Man
ging im Saale auf und ab, der Gehülfe blätterte in einigen Büchern
und kam endlich an den Folioband, der noch von Lucianens Zeiten her liegengeblieben
war. Als er sah, daß darin nur Affen enthalten waren, schlug er
ihn gleich wieder zu. Dieser Vorfall mag jedoch zu einem Gespräch
Anlaß gegeben haben, wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch
finden.
Aus Ottiliens Tagebuche
Wie man es nur über das Herz bringen kann, die garstigen Affen so
sorgfältig abzubilden! Man erniedrigt sich schon, wenn man sie nur
als Tiere betrachtet; man wird aber wirklich bösartiger, wenn man
dem Reize folgt, bekannte Menschen unter dieser Maske aufzusuchen.
Es gehört durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu, um sich gern
mit Karikaturen und Zerrbildern abzugeben. Unserm guten Gehülfen
danke ichs, daß ich nicht mit der Naturgeschichte gequält worden
bin; ich konnte mich mit den Würmern und Käfern niemals befreunden.
Diesmal gestand er mir, daß es ihm ebenso gehe. "Von der Natur",
sagte er, "sollten wir nichts kennen, als was uns unmittelbar lebendig
umgibt. Mit den Bäumen, die um uns blühen, grünen, Frucht
tragen, mit jeder Staude, an der wir vorbeigehen, mit jedem Grashalm,
über den wir hinwandeln, haben wir ein wahres Verhältnis, sie
sind unsre echten Kompatrioten. Die Vögel, die auf unsern Zweigen
hin und wider hüpfen, die in unserm Laube singen, gehören uns
an, sie sprechen zu uns von Jugend auf, und wir lernen ihre Sprache verstehen.
Man frage sich, ob nicht ein jedes fremde, aus seiner Umgebung gerissene
Geschöpf einen gewissen ängstlichen Eindruck auf uns macht,
der nur durch Gewohnheit abgestumpft wird. Es gehört schon ein buntes,
geräuschvolles Leben dazu, um Affen, Papageien und Mohren um sich
zu ertragen."
Manchmal, wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen
Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder
mit andern Wundern in lebendiger, alltäglicher Verbindung sieht.
Aber auch er wird ein anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter
Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande,
wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.
Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste
mit seiner Lokalität, mit aller Nachbarschaft jedesmal in dem eigensten
Elemente zu schildern und darzustellen weiß. Wie gern möchte
ich nur einmal Humboldten erzählen hören!
Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine ägyptische Grabstätte,
wo die verschiedenen Tier - und Pflanzengötzen balsamiert umherstehen.
Einer Priesterkaste geziemt es wohl, sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel
abzugeben; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht
einfließen, um so weniger, als etwas Näheres und Würdigeres
sich dadurch leicht verdrängt sieht. Ein Lehrer, der das Gefühl
an einer einzigen guten Tat, an einem einzigen guten Gedicht erwecken
kann, leistet mehr als einer, der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen
der Gestalt und dem Namen nach überliefert; denn das ganze Resultat
davon ist, was wir ohnedies wissen können, daß das Menschengebild
am vorzüglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gottheit an sich
trägt.
Dem einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschäftigen,
was ihn anzieht, was ihm Freude macht, was ihm nützlich deucht; aber
das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch.
werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl, zu einen reinen Begriff
von seinem Handwerk, als daß diese Trostgründe viel bei ihm
hätten fruchten sollen. So wenig der Gärtner sich durch andere
Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf, so wenig darf der ruhige
Gang unterbrochen werden, den die Pflanze zur dauernden oder zur vorübergehenden
Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen, von
denen man alles erhalten kann, wenn man sie nach ihrer Art behandelt.
Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder Jahrszeit, in jeder
Stunde das ganz Gehörige zu tun, wird vielleicht von niemand mehr
als vom Gärtner verlangt.
Diese Eigenschaften besaß der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen
auch Ottilie so gern mit ihm wirkte; aber sein eigentliches Talent konnte
er schon einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausüben. Denn ob
er gleich alles, was die Baum- und Küchengärtnerei betraf, auch
die Erfordernisse eines ältern Ziergartens, vollkommen zu leisten
verstand, wie denn überhaupt einem vor dem andern dieses oder jenes
gelingt, ob er schon in Behandlung der Orangerie der Blumenzwiebeln, der
Nelken- und Aurikelnstöcke die Natur selbst hätte herausfordern
können, so waren ihm doch die neuen Zierbäume und Modeblumen
einigermaßen fremd geblieben, und er hatte vor dem unendlichen Felde
der Botanik, das sich nach der Zeit auftat, und den darin herumsummenden
fremden Namen eine Art von Scheu, die ihn verdrießlich machte. Was
die Herrschaft voriges Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so
mehr für unnützen Aufwand und Verschwendung, als er gar manche
kostbare Pflanze ausgehen sah und mit den Handelsgärtnern, die ihn,
wie er glaubte, nicht redlich genug bedienten, in keinem sonderlichen
Verhältnisse stand.
Er hatte sich darüber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan
gemacht, in welchem ihn Ottilie um so mehr bestärkte, als er auf
die Wiederkehr Eduards eigentlich gegründet war, dessen Abwesenheit
man in diesem wie in manchem andern Falle täglich nachteiliger empfinden
mußte.
Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben,
fühlte sich auch Ottilie immer mehr an diese Räume gefesselt.
Gerade vor einem Jahre trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen
hier ein; wieviel hatte sie sich seit jener Zeit nicht erworben! aber
leider wieviel hatte sie nicht auch seit jener Zeit wieder verloren! Sie
war nie so reich und nie so arm gewesen. Das Gefühl von beidem wechselte
augenblicklich miteinander ab, ja durchkreuzte sich aufs innigste, sodaß
sie sich nicht anders zu helfen wußte, als daß sie immer wieder
das Nächste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff.
Daß alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am
stärksten an sich zog, läßt sich denken; ja warum sollte
sie nicht hoffen, daß er selbst nun bald wiederkommen, daß
er die fürsorgliche Dienstlichkeit, die sie dem Abwesenden geleistet,
dankbar gegenwärtig bemerken werde?
Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlaßt für ihn
zu wirken. Sie hatte vorzüglich die Sorge für das Kind übernommen,
dessen unmittelbare Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als man es
keiner Amme übergeben, sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich
entschieden hatte. Es sollte in jener schönen Zeit der freien Luft
genießen; und so trug sie es am liebsten selbst heraus, trug das
schlafende, unbewußte zwischen Blumen und Blüten her, die dereinst
seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten, zwischen jungen
Sträuchen und Pflanzen, die mit ihm in die Höhe zu wachsen durch
ihre Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie
sich nicht, zu welchem großen, reichen Zustande das Kind geboren
sei; denn fast alles, wohin das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehören.
Wie wünschenswert war es zu diesem allen, daß es vor den Augen
des Vaters, der Mutter aufwüchse und eine erneute, frohe Verbindung
bestätigte!
Ottilie fühlte dies alles so rein, daß sie sichs als entschieden
wirklich dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem
klaren Himmel, bei diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal klar,
daß ihre Liebe, um sich zu vollenden, völlig uneigennützig
werden müsse; ja in manchen Augenblicken glaubte sie diese Höhe
schon erreicht zu haben. Sie wünschte nur das Wohl ihres Freundes,
sie glaubte sich fähig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals wiederzusehen,
wenn sie ihn nur glücklich wisse. Aber ganz entschieden war sie für
sich, niemals einem andern anzugehören.
Daß der Herbst ebenso herrlich würde wie der Frühling,
dafür war gesorgt. Alle sogenannten Sommergewächse, alles, was
im Herbst mit Blühen nicht enden kann und sich der Kälte noch
keck entgegenentwickelt, Astern besonders, waren in der größten
Mannigfaltigkeit gesät und sollten nun, überallhin verpflanzt,
einen Sternhimmel über die Erde bilden.
Aus Ottiliens Tagebuche
Einen guten Gedanken, den wir gelesen, etwas Auffallendes, das wir gehört,
tragen wir wohl in unser Tagebuch. Nähmen wir uns aber zugleich die
Mühe, aus den Briefen unserer Freunde eigentümliche Bemerkungen,
originelle Ansichten, flüchtige geistreiche Worte auszuzeichnen,
so würden wir sehr reich werden. Briefe hebt man auf, um sie nie
wieder zu lesen; man zerstört sie zuletzt einmal aus Diskretion,
und so verschwindet der schönste, unmittelbarste Lebenshauch unwiederbringlich
für uns und andre. Ich nehme mir vor, dieses Versäumnis wiedergutzumachen.
So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn. Wir
sind nun wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen
und Maiblumen sind wie Überschriften oder Vignetten dazu. Es macht
uns immer einen angenehmen Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens
wieder aufschlagen. Wir schelten die Armen, besonders die Unmündigen,
wenn sie sich an den Straßen herumlegen und betteln. Bemerken wir
nicht, daß sie gleich tätig sind, sobald es was zu tun gibt?
Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schätze, so sind die Kinder
dahinterher, um ein Gewerbe zu eröffnen; keines bettelt mehr, jedes
reicht dir einen Strauß; es hat ihn gepflückt, ehe du vom Schlaf
erwachtest, und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe.
Niemand sieht erbärmlich aus, der sich einiges Recht fühlt,
fordern zu dürfen.
Warum nur das Jahr manchmal so kurz, manchmal so lang ist, warum es so
kurz scheint und so lang in der Erinnerung! Mir ist es mit dem vergangenen
so, und nirgends auffallender als im Garten, wie Vergängliches und
Dauerndes ineinandergreift. Und doch ist nichts so flüchtig, das
nicht eine Spur, das nicht seinesgleichen zurücklasse. Man läßt
sich den Winter auch gefallen. Man glaubt sich freier auszubreiten, wenn
die Bäume so geisterhaft, so durchsichtig vor uns stehen. Sie sind
nichts, aber sie decken auch nichts zu. Wie aber einmal Knospen und Blüten
kommen, dann wird man ungeduldig, bis das volle Laub hervortritt, bis
die Landschaft sich verkörpert und der Baum sich als eine Gestalt
uns entgegendrängt.
Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen,
es muß etwas anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen
ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber
und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich singen
heiße.
Ein Leben ohne Liebe, ohne die Nähe des Geliebten ist nur eine "Comédie
à tiroir", ein schlechtes Schubladenstück. Man schiebt
eine nach der andern heraus und wieder hinein und eilt zur folgenden.
Alles, was auch Gutes und Bedeutendes vorkommt, hängt nur kümmerlich
zusammen. Man muß überall von vorn anfangen und möchte
überall enden.
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