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Goethe/Schiller
Epische und dramatische Dichtung
Entstanden 1797,
Erstdruck Stuttgart 1827
Der Epiker und Dramatiker
sind beide den allgemeinen poetischen Gesetzen unterworfen, besonders
dem Gesetze der Einheit und dem Gesetze der Entfaltung; ferner behandeln
sie beide ähnliche Gegenstände und können beide alle Arten
von Motiven brauchen; ihr großer wesentlicher Unterschied beruht
aber darin, daß der Epiker die Begebenheit als vollkommen vergangen
vorträgt, und der Dramatiker sie als vollkommen gegenwärtig
darstellt. Wollte man das Detail der Gesetze, wonach beide zu handeln
haben, aus der Natur des Menschen herleiten; so müßte man sich
einen Rhapsoden und einen Mimen, beide als Dichter, jenen mit seinem ruhig
horchenden, diesen mit seinem ungeduldig schauenden und hörenden
Kreise umgeben, immer vergegenwärtigen, und es würde nicht schwer
fallen zu entwickeln, was einer jeden von diesen beiden Dichtarten am
meisten frommt, welche Gegenstände jede vorzüglich wählen,
welcher Motive sie sich vorzüglich bedienen wird; ich sage vorzüglich:
denn, wie ich schon zu Anfang bemerkte, ganz ausschließlich kann
sich keine etwas anmaßen.
Die Gegenstände des Epos und der Tragödie sollten rein menschlich,
bedeutend und pathetisch sein: die Personen stehen am besten auf einem
gewissen Grade der Kultur, wo die Selbsttätigkeit noch auf sich allein
angewiesen ist, wo man nicht moralisch, politisch, mechanisch, sondern
persönlich wirkt. Die Sagen aus der heroischen Zeit der Griechen
waren in diesem Sinne den Dichtern besonders günstig.
Das epische Gedicht stellt vorzüglich persönlich beschränkte
Tätigkeit, die Tragödie persönlich beschränktes Leiden
vor; das epische Gedicht den außer sich wirkenden Menschen: Schlachten,
Reisen, jede Art von Unternehmung, die eine gewisse sinnliche Breite fordert;
die Tragödie den nach innen geführten Menschen, und die Handlungen
der echten Tragödie bedürfen daher nur weniges Raums.
Der Motive kenne ich
fünferlei Arten:
1. Vorwärtsschreitende,
welche die Handlung fördern; deren bedient sich vorzüglich das
Drama.
2. Rückwärtsschreitende, welche die Handlung von ihrem Ziele
entfernen; deren bedient sich das epische Gedicht fast ausschließlich.
3. Retardierende, welche den Gang aufhalten oder den Weg verlängern;
dieser bedienen sich beide Dichtarten mit dem größten Vorteile.
4. Zurückgreifende, durch die dasjenige, was vor der Epoche des Gedichts
geschehen ist, hereingehoben wird.
5. Vorgreifende, die dasjenige, was nach der Epoche des Gedichts geschehen
wird, antizipieren; beide Arten braucht der epische so wie der dramatische
Dichter, um sein Gedicht vollständig zu machen.
Die Welten, welche
zum Anschauen gebracht werden sollen, sind beiden gemein:
1. die physische, und zwar erstlich die nächste, wozu die dargestellten
Personen gehören und die sie umgibt. In dieser steht der Dramatiker
meist auf einem Punkte fest, der Epiker bewegt sich freier in einem größern
Lokal; zweitens die entferntere Welt, wozu ich die ganze Natur rechne.
Diese bringt der epische Dichter, der sich überhaupt an die Imagination
wendet, durch Gleichnisse näher, deren sich der Dramatiker sparsamer
bedient.
2. die sittliche ist beiden ganz gemein und wird am glücklichsten
in ihrer physiologischen und pathologischen Einfalt dargestellt.
3. die Welt der Phantasien, Ahnungen, Erscheinungen, Zufälle und
Schicksale. Diese steht beiden offen, nur versteht sich, daß sie
an die sinnliche herangebracht werde; wobei denn für die Modernen
eine besondere Schwierigkeit entsteht, weil wir für die Wundergeschöpfe,
Götter, Wahrsager und Orakel der Alten, so sehr es zu wünschen
wäre, nicht leicht Ersatz finden.
Die Behandlung im
ganzen betreffend, wird der Rhapsode, der das vollkommen Vergangene vorträgt,
als ein weiser Mann erscheinen, der in ruhiger Besonnenheit das Geschehene
übersieht; sein Vortrag wird dahin zwecken, die Zuhörer zu beruhigen,
damit sie ihm gern und lange zuhören, er wird das Interesse egal
verteilen, weil er nicht imstande ist, einen allzu lebhaften Eindruck
geschwind zu balancieren, er wird nach Belieben rückwärts und
vorwärts greifen und wandeln, man wird ihm überall folgen, denn
er hat es nur mit der Einbildungskraft zu tun, die sich ihre Bilder selbst
hervorbringt, und der es auf einen gewissen Grad gleichgültig ist,
was für welche sie aufruft. Der Rhapsode sollte als ein höheres
Wesen in seinem Gedicht nicht selbst erscheinen, er läse hinter einem
Vorhange am allerbesten, so daß man von aller Persönlichkeit
abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hören
glaubte.
Der Mime dagegen ist gerade in dem entgegengesetzten Fall, er stellt sich
als ein bestimmtes Individuum dar, er will, daß man an ihm und seiner
nächsten Umgebung ausschließlich teilnehme, daß man die
Leiden seiner Seele und seines Körpers mitfühle, seine Verlegenheiten
teile und sich selbst über ihn vergesse. Zwar wird auch er stufenweise
zu Werke gehen, aber er kann viel lebhaftere Wirkungen wagen, weil bei
sinnlicher Gegenwart auch sogar der stärkere Eindruck durch einen
schwächern vertilgt werden kann. Der zuschauende Hörer muß
von Rechts wegen in einer steten sinnlichen Anstrengung bleiben, er darf
sich nicht zum Nachdenken erheben, er muß leidenschaftlich folgen,
seine Phantasie ist ganz zum Schweigen gebracht, man darf keine Ansprüche
an sie machen, und selbst was erzählt wird, muß gleichsam darstellend
vor die Augen gebracht werden.
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