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Aston LouiseLydiaErstes Kapitel, FortsetzungEin klarer Bach, dessen Quelle nur einige Stunden weiter im Gebirge hinauf lag, durchströmte in mannichfachen Windungen den Park, auf beiden Ufern mit den herrlichsten Erlen- und Trauerweiden-Gruppen eingefaßt. Zuweilen schimmerten auch anmuthig geschwungene Brückenbogen mit durchbrochenem weißen Geländer durch das grüne Laubwerk, oder es klang das eintönige Rauschen einer kleinen bald natürlichen, bald künstlichen Cascade in das Ohr des einsamen Spaziergängers. Der größte Reiz aber bestand in der völligen Zwanglosigkeit und scheinbaren Unabsichtlichkeit, welche durch sämmtliche Anlagen herrschte. Unbefangenen Gemüthern, das heißt solchen, die von der methodischen Entseelung, der wir durch die Civilisation unterworfen werden, mehr oder minder unberührt geblieben sind und die daher das Goldkorn ihrer innersten Menschenwürde noch nicht aus dem Schacht ihres Herzens heraufgeholt und nach Außen getrieben haben, damit es sich als werthloser Goldschaum um ihre Oberfläche legt, um von denen da draußen bewundert, betastet und abgegriffen zu werden, allen solchen unbefangenen Gemüthern muß der Anblick von Kunstanlagen, bei denen die Kunst gewöhnlich eben solchen entseelenden Einfluß ausübt, wie die Civilisation auf die Menschen, nothwendig ein peinliches, drückendes Gefühl erregen. Die abgezirkelten, mit gelbem Kies bestreuten Wege, die beschnittenen Hecken, die gespreizten Spaliere, Alles benimmt der freien Brust den Athem; denn der Geist fühlt sich gerade in der Freiheit, in der Unendlichkeit und Mannichfaltigkeit verwandt mit der Natur. Jede Beschränkung, jedes kleinliche, nach der engherzigen Anschauungsweise Zugeschnittene in ihr bedrückt auch den Menschengeist und macht den Schmerz der Natur zu seinem eigenen. Ganz anderer Art mochten die Gedanken der beiden schweigenden Wanderer sein, deren Blicke auf einen Punkt starrten, der stets zwei Schritte von den Spitzen ihrer Füße entfernt auf dem festgetretenen Boden ihnen voraus zu eilen schien. Der Baron von Landsfeld konnte im Sinne gewisser Frauen für einen schönen Mann gelten. Hoch und schlank gewachsen, prägte sich in seine ganze Gestalt das Bewußtsein von Mannhaftigkeit aus. Sein schöner Kopf, obwohl in diesem Augenblicke etwas gesenkt, als wenn die Gedanken drinnen durch ihre Last ihn gebeugt hätten, zeigte selbst in dieser Biegung des Nackens die Gewohnheit, ihn stolz und aufrecht zu tragen. Wenn sein Haar nicht mehr die Elasticität und Fülle der ersten Jugend besaß, so war es doch glänzend und von schöner dunkelbrauner Farbe. Dasselbe Gepräge von Energie lag auch auf der breiten hochgewölbten Stirn und auf der edel, fast zu scharf hervorspringenden Nase. Der zartgeformte und kleine Mund wurde fast ganz bedeckt von dem kräftigen und sorgfältig gepflegten Barte, unter dessen dunklen Wellen das Kinn völlig verschwand. Sein Auge war von eigenthümlichem Glanze und tiefer durchdringender Schärfe. Die Farbe war schwer zu bestimmen, da sie mit der größeren oder geringeren Stärke der augenblicklichen Empfindung zu wechseln schien. Im ruhigen Gespräch hätte man es für ein mattes aber glänzendes Grau gehalten. In solchen Augenblicken zeigte sein Gesicht einen fast gewöhnlichen Ausdruck. Wenn dagegen in seiner Seele irgend eine Leidenschaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte und das war meistens der Fall so erhielten seine Züge eine so charakteristische Umgestaltung, daß man in Zweifel über die Identität der Person gerathen konnte. Die kurz aber fest zusammengezogenen Augenbrauen drückten dann eine strenge Bestimmtheit aus und der halbgeöffnete Mund mit der aufgeworfenen Oberlippe, die scheinbar noch schärfer hervorspringenden Linien der Nase und vor Allem die unter den tiefer herabgezogenen Brauen groß und dunkel hervorstrahlenden Augen gaben dem bleichen Gesichte einen Ausdruck von leidenschaftlicher Kälte und energischer Entschlossenheit, deren bloßer Anblick einem Geiste von geringerer Intensität Furcht einflößen mußte. Der Baron trug gegenwärtig einen enganschließenden Reitüberrock von dunkelgrünem Tuch, der die muskulösen aber biegsamen Formen seines graziös gebaueten Körpers vortheilhaft hervortreten ließ. Seine weißen weiten Beinkleider fielen in natürlichen Falten bis auf den eleganten Stiefel herab, der eben so wie die eben bezeichneten Kleidungsstücke eine Abneigung gegen die Herrschaft der Mode bekundete, ohne indeß den Geschmack des Trägers irgend wie zu kompromittiren. Im Gegentheil zeigte sich auch bis in diese scheinbar unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begründete tiefe Opposition gegen jedwede Autorität, die in so fern aber ihre eigene Recht-fertigung in sich trug, als sie den Kampf gegen die Autorität nur auf Kosten des einfachen, künstlerischen Geschmacks zu führen schien. Dieser Zug seines Charakters, gegen die Willkühr der Menschensatzung, wie immer sie sich zeigte, zu opponiren und das Schöne und Natürliche dagegen geltend zu machen, stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Enthusiasmus für die Idee überhaupt und für deren Rechte, als aus der selbstgefälligen Freude, daß seine eigene Erkenntniß und Anschauungsweise über die Begriffe der gewöhnlichen verkünstelten und kleinigkeitskrämerischen Welt dadurch erhaben sei, daß sie jedes Vorurtheil abgestreift. Aus dieser selbstsüchtigen Richtung seiner idealen Erkenntniß weil es ihm weniger um die Schönheit und Wahrheit dessen, was sie in sich schloß, als um den eigenen Besitz desselben zu thun war, erklärte sich einerseits die ironische Verachtung, welche er gegen die Menschen im Allgemeinen hegte, anderseits der Skepticismus, mit dem er jede in der Welt ideale Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete. Vielleicht könnte hieraus geschlossen werden, daß er den Respekt, welchen er allen Uebrigen versagte, auf sich selbst beschränkte, weil er allein seiner Ueberzeugung nach die richtige Erkenntniß von der Unwirklichkeit der Idealität besaß. Allein in der That schöpfte er aus der Verachtung der Uebrigen noch keinen Grund zur Achtung seiner selbst. Er fühlte wohl, daß nur in dem Streben, die Idealität in sich selbst zu verwirklichen, etwas Achtungswerthes liegen könnte. Um dies aber zu versuchen, fehlte ihm die sittliche Kraft, und daher der Glaube an die Möglichkeit dieser Verwirklichung. Er war also nur in dem egoistischen Irrthum befangen, daß er von der Ueberzeugung ausging, diese Verwirklichung sei nicht ihm allein, sondern überhaupt unmöglich. So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt überhaupt gegenüber stand, so gab es doch einen Menschen, der mit ihm in diesem sittlichen Skepticismus sympathisirte und gerade gegen diesen fühlte er sonderbarer Weise noch größere, noch tiefere Verachtung, als gegen die gewöhnlichen Menschen. Aber diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin, daß er das, was er an sich selbst für unwürdig hielt, an Andern noch abscheulicher fand sondern weil jener Andere ein Weib war; denn beim Weibe schließt die Verachtung der Idealität noch größere Würdelosigkeit in sich, als beim Mann. Außerdem fehlte ihr jede Spur von Enthusiasmus, der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus gewesen war. Bei ihr war es reine Freude am Bösen hämische Zerstörungssucht, die ihm verächtlicher noch war, als Gemeinheit, Trivialität und Selbsttäuschung. Dieses Weib war Cornelia. Cornelia von Hohenhausen hatte eine kleine, zartgebaute Gestalt. Ihre Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme, ihres Nackens und Halses doch weder eckig steif, noch kokett und manirirt, sondern so durchaus gefällig und graziös, daß man darüber bei längerm Umgange die natürlichen Unvollkommenheiten leicht vergessen konnte. Der Ausdruck in ihren Zügen war für gewöhnlich nicht besonders auffallend und charakteristisch. Es giebt jedoch eine Art von Gesichtern, deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzügen, als in scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen, die, weil sie weniger in die Augen fallen, sich auch unbewachter und gleichsam unabhängiger vom Bewußtsein des Menschen selbst entwickeln und gestalten. Hauptsächlich ist dies bei geistig begabten aber unedlen Naturen der Fall; denn edle Naturen sind zu stolz für eine solche Ueberwachung der Mienen Seitens des Bewußtseins, und einfältige Menschen haben nicht die geistige Kraft und Stärke der Reflexion dazu. So sprach sich auch die dämonische Natur Corneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des Gesichts und in den einzelnen Hauptzügen aus, die vielmehr einen Charakter von Bonhommie und gutmüthiger Freunlichkeit an sich trugen, sondern in den fein zusammengekniffenen Augenwinkeln, in dem unsichern, mattglänzenden grauen Auge und in einer schmalen, langen Furche, die sich von beiden Seiten der Nase mit einer unanmuthigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang, aber nur sichtbar wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh, wenn sich der untere Theil des Gesichts zu einem Lächeln verzog. Ihr Mund war eher klein als groß zu nennen, aber sehr dünn, farblos und ohne schönen Schnitt, während die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte. Der unangenehme Eindruck, den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts, Halses und Nackens in Jedem hervorbrachte, der an schönere Formen gewöhnt war, wurde noch durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhöht, welche vielleicht mit der Farbe des Pergaments hätte verglichen werden können, wenn das Gelb des letzteren mehr Grau und weniger Glanz enthielte. Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode absichtlich zu vermeiden, ohne indeß sowohl in Rücksicht auf die Wahl der Stoffe, als auf deren Zusammenstellung, den reinen Geschmack und den feinen Sinn für elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden, worin jener eine eben so große Zartheit als Sicherheit besaß. Cornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrüner Seide, dessen weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit ließ, nach den Reminiscenzen früherer Fülle und Schönheit des Halses zu suchen. Ein italienischer Strohhut, mit einer Straußfeder geschmückt, Cornelia trug nur diesen Putz ein chinesischer Sonnenschirm und eine weiße Atlas-Mantille bildeten das übrige Kostüm. "Treten Sie leiser auf" sagte Cornelia zum Baron, als sie eben in eine Kreisallee eintraten, die, wie man schon aus den hier und dort zwischen den Gipfeln der Bäume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schließen konnte, einen freien Platz umgab. Nur auf einem schmalen Steige, der die eine Seite der dichten, aus jungen Buchen bestehenden Allee durchbrach, gelangte man in das Rondel selbst und überzeugte sich dann, daß das, was man für einen freien Platz gehalten hatte, ein kleiner Teich war, der von einem in seiner Mitte sich erhebenden Springbrunnen gespeist wurde. Rings um das Bassin, dessen Ufer nur mit einer niedrigen Rosenhecke eingefaßt war, lief ein schmaler Fußweg. An der äußeren Wand der Buchenhecke standen quarreeartig geordnet vier gußeiserne, grün angestrichene Ruhebänke, von denen die einander gegenübergelegenen von dem breiten pyramidalartig gebaueten Springbrunnen maskirt wurden, so daß die auf der einen Bank sitzenden Personen von denen auf dem jenseitigen Ufer befindlichen nicht gesehen werden konnten. Cornelia bog vorsichtig ein paar Zweige auseinander und warf einen forschenden Blick in das Rondel. Sie schien mit dem Resultate ihrer Beobachtungen unzufrieden, denn sie wandte sich an den Baron mit den Worten: "Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen und geben Sie mir das Versprechen, kein Lebenszeichen von sich zu geben, was Sie auch sehen mögen." Der Baron nickte mit dem Kopfe. Er hatte jetzt, wo der entscheidende Moment gekommen war, seine ganze Besonnenheit wieder erlangt. Mit übereinander geschlagenen Armen stand er an einen Baum gelehnt und wartete, bis Cornelia, die sich auf die andere Seite begeben hatte, zurück kehrte. Mit triumphirender Miene winkte sie ihm. "Allzugroße Vorsicht ist nicht nöthig" sagte sie. "Das Geplätscher des Springbrunnens dämpft jedes Geräusch bis zur Unhörbarkeit. Doch vorher eine Frage: Was gedenken Sie zu thun?" "Sie werden es sehen, wenn ich gesehen habe. Haben Sie indeß keine Furcht" setzte der Baron mit leiser Stimme hinzu. "Sie werden doch nicht glauben, daß mein Ehrgeiz dahin geht, vor Ihnen ein romantisches Spektakelstück aufzuführen? Verlieren wir keine Zeit mit unnützen Redensarten." Sie waren unterdeß ein Paar Schritte fortgegangen. "Hier" sagte Cornelia, indem sie auf eine kleine Oeffnung zwischen den Blättern wies. Der Baron beugte sich vor. Auf der schräg gegenüber liegenden Bank saß, halb noch vom Wasserstaub des Springbrunnens verdeckt, ein junger Mann von sehr einnehmendem blühenden Aeußern, das echte Bild der jugendlichen Frische und Anmuth. Er starrte jetzt vor sich auf den Boden nieder, in dem sein Spazierstock allerlei Arabesken und Namenszüge eingrub. Neben ihm saß eine sehr bleiche, nicht mehr ganz jugendliche Dame, deren schöngeformter Kopf von einer Menge kurzer anmuthig geordneter Locken umgeben war, welche die einzelnen Züge um so weniger klar erkennen ließen, als sie sich auf ein Buch niederbeugte, aus dem sie dem jungen Manne etwas vorzulesen schien. Obgleich ihr Oberkörper in halb sitzender halb liegender Stellung bis an die Rücklehne der Bank zurückgebeugt war, konnte man doch die graziösen Formen ihrer Gestalt bemerken. Sie ließ jetzt das Buch sinken und sah den jungen Mann, der diese Bewegung nicht zu bemerken schien, eine Weile schweigend an: "Was phantasiren Sie da, Arthur?" sagte sie mit sehr sanftem und wohllautenden Accent, indem sie auf seine Zeichnungen wies. Erschreckt wie aus einem Traume fuhr er empor, dann strich er sich über die Augen. "Ach, Alice" entgegnete er mit einer Art von Wehmuth im Ton, "ich dachte eben darüber nach, wie so klein ich Dir erscheinen muß; wie es möglich sei, daß ich Dir, dem hochherzigen, die ganze Menschenwelt mit Liebe umfassenden Weibe mit meiner engherzigen Empfindung genügen kann. Ich fühle wohl, daß gerade in meiner Verehrung für Dich, in dem Kultus meines Herzens für Deine Größe mein größter Stolz, und in dem Bewußtsein, in Deinem schönen Körper Deine ganze schöne Seele zu umfassen, mein höchstes Glück liegen muß - und doch liegt zugleich mein größter Schmerz darin." "Schmerz?" fragte Alice mit demselben sanften, halb melancholischen Ton, der ihr eigen zu sein schien. "Ja, Schmerz, rasender Schmerz" rief der junge Mann aufspringend. "Begreifst Du nicht den Schmerz, welcher in dem Gedanken, ganz Liebe und Hingebung zu sein, in dem Gedanken, daß Du mein Gott, meine Welt, mein All bist, und Du " "Nun? und ich?" sagte Alice, ebenfalls sich erhebend. "Du bist wie ein Fürst in seinem Park, wo nur das Ganze, die Harmonie aller Einzelnen sein Wohlgefallen erregt, während er eine einzelne Blume ohne Kummer zertreten mag. Ich bin wie der Arme, der nur diese Blume hat, und sein Liebstes verliert, wenn sie ihm verloren geht. Glaube mir, Alice: dieser Gedanke verläßt mich nicht mehr. Wie eine Ahnung Deines Verlustes schwebt es gleich dem kleinen Sturmwölkchen am fernen Horizont meines Liebehimmels und selbst, wenn Du mich so innig an Dein liebeglühendes Herz drücktest, blieb jener Gedanke als bittere Hefe am Rande hängen und verbitterte mir so das schönste Glück, das Glück, Dich ganz zu besitzen." Sie waren indeß Beide an das Bassin getreten. Arthurs Gesicht glühte, während er sprach; und Alice fütterte die Goldfische, welche schaarenweise auf die hingeworfenen Brocken zuschwammen. "Du bist ungenügsam, Freund" sagte sie sanft "und wenn ich so sagen dürfte, undankbar. Soll ich, um Dich von der Wahrheit meiner Liebe zu überzeugen, Dich an die Opfer erinnern, die ich Dir gebracht, an ." "Verzeih mir, Verzeihung Alice" rief Arthur mit Thränen in den Augen, indem er Alicens Hand heftig an die Lippen preßte und dann an die Brust drückte. "Du hast Recht. Ich bin nicht werth, von Dir geliebt zu werden. Aber nimm hier mein Versprechen! Was Du mir giebst, will ich dankbar hinnehmen, als spendete es mir eine seegenbringende Göttin. Ich will nicht klagen, selbst dann nicht, wenn Du mich nicht mehr liebst" setzte er mit bewegter Simme hinzu. "O mein Geliebter" rief plötzlich Alice, indem sie beide Arme um seinen Hals schlang und seinen Kopf an ihren Busen preßte. "Ruhig, mein Arthur, ruhig" setzte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Glühenden sanft von sich abwehrte "wir könnten belauscht werden gieb mir den Arm. Wir wollen in den Kursaal gehen." Indem sie ihren Arm in den seinigen legte, traten sie in die Allee ein. "Geben Sie mir den Arm, Cornelia," sagte der Baron ruhig. Sie schlugen die entgegengesetzte Richtung ein, so daß sie nothwendig auf der andern Seite der Kreisallee, an dem Punkte, wo der schmale Ausgang war, zusammentreffen mußten. "Was Teufel, Alice, Du hier? und so gut versehen. Ich wünsche guten Appetit, mein Herr!" Nach diesen, mit launigem Ton und unbefangenem Lachen begleiteten Worten, welche der Baron dem andern Paare schon auf sechs Schritt zurief, zog er mit ironischer Courtoisie den Hut und ging mit Cornelia gemächlich, und ohne weitere Notiz von jenen zu nehmen, voraus. "Sie sind ein grausamer und, was mehr ist, ein gefährlicher Mensch, Baron; die arme Alice! Wie blaß wurde sie bei Ihrem Anblick. Und der junge Seladon mit seinem Liebesschmerz haben Sie sein Gesicht gesehen? hatte es nicht die frappanteste Aehnlichkeit mit einem Schulknaben, der bei ungerechter Strafe zwischen seinem Ehrgefühl und der angeborenen Pietät schwankt? Ich bin neugierig, ob er die Sache so ruhig nehmen wird. Was gedenken Sie zu thun, Baron? Aber mein Gott, so sprechen Sie doch! Warum antworten Sie denn nicht. Sind Sie etwa gerührt? Fühlen Sie Gewissensbisse ob Ihrer Barbarei?" "Schweigen Sie, Cornelia, ich bitte Sie dringend. Was sollen jetzt diese Kindereien? Denken Sie daran, daß wir gehört und gesehen werden können, und daß wir schon in der nächsten Minute einer höflichen Anrede von Herrn Arthur entgegen sehen dürfen." "Sie haben Recht. Lassen Sie uns von gleichgültigen Dingen sprechen. Blicken Sie einmal nach dieser Richtung hin. Sehen Sie dort in der Seitenallee die junge Dame, die eine ältere am Arme führt?" "Nun?" "Das ist die Braut Arthurs, der beiläufig gesagt ein sehr beliebter Lieder-Componist, Namens Berger, ist. Merken Sie sich das, verehrtester Freund, für vorkommende Fälle, und nun sehen Sie einmal dies junge Mädchen genauer an. Nicht war, eine leibhaftige Hebe?" Der Baron konnte als Kenner in dieser Beziehung gelten, und doch mußte er es sich selbst gestehen, eine so durchaus anmuthige Erscheinung war ihm noch niemals zu Gesicht gekommen. Die zarteste Weiblichkeit und gefühlstiefste und dennoch völlig ahnungslose Unschuld lag über den lieblichen Zügen dieses reizenden, halb kindlichen, halb jungfräulichen Gesichts ausgebreitet. Sie blickte, als der Baron mit Cornelia nahe gekommen war, unbefangen auf, schlug aber wie innerlich zusammenschaudernd vor dem bleichen, leidenschaftlichen Ausdruck des Ersteren schnell die Augen zu Boden, während eine tiefe Röthe ihr halbabgewandtes Gesicht und ihren Hals bedeckte. "Sie liebt ihn, glauben Sie?" fragte der Baron. "Wie es allgemein heißt und scheint, ja." erwiederte Cornelia. "Desto besser. Wie heißt sie? Ich will nur den Vornamen wissen." "Lydia. Warum wollen Sie nicht ihre Familie kennen lernen?" "Weil es überflüssig ist." "Ueberflüssig? Ich sollte meinen, daß sie eine so anziehende Persönlichkeit hat, die schon der Annäherung werth ist?" "Eben darum." "Ich verstehe Sie nicht?" "Ich brauche ihren Familiennamen nicht zu wissen, weil sie ihn nach einem Vierteljahre doch verlieren wird." "Sie sprechen in Räthseln." "Nun, zum Teufel! Sie wird dann meine Frau sein. Ich werde sie heirathen; rede ich jetzt deutlich genug?" Cornelia sperrte diesmal vor wirklichem Erstaunen die Augen weiter auf, als gewöhnlich. Indessen blieb ihr keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, da in demselben Augenblicke die Stimme des jungen Mannes, dessen Gespräch mit Alicen sie belauscht hatte, neben ihr sich vernehmen ließ. "Mein Herr, ich wünschte zu wissen, ob Sie die Absicht gehabt haben, die Dame, welche in meiner Begleitung war, oder mich selbst persönlich zu beleidigen." "Haben Sie darin eine Beleidigung gefunden, so kann ich das weder Ihnen, noch jener Dame wehren. Uebrigens pflege ich meine Absichten für mich zu behalten." "Sehr wohl, mein Herr." "Auf Wiedersehen,
mein Herr," sagte der Baron, sich artig verbeugend, und verließ
mit Cornelia den Park.
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