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Arnim Achim von

Hemkengriper eilte in das Gefängnis, wo Jan bleich und starr auf eine Schnur blickte, welche von einem Papierhefte herabhing. «Du sollst gehangen werden, armer Junge», rief Hemkengriper. - «Wohl», antwortete Jan, «so wird mir die Mühe gespart, und diese Schnur trägt mich ohnehin nicht. In dieser Schnur schickte mir Elzevir meinen Icarus zurück und ließ mir sagen, nur wenn Ihr eine Vorrede dazu wollet geben, könne er das Werk drucken, ohne solche Empfehlungen werde er sich nicht einmal die Mähe nehmen es durchzulesen. Eine halbe Stunde war genug, um es hin und zurück zu senden, - und doch war meine Bürgschaft, meine Freiheit, mein Lebensruhm darauf begründet.» - «Vorrede, lateinische Lobgedichte», rief Hemkengriper, «will ich hinzufügen, es ist ein köstliches Werk, selbst die Alten hatten nichts, was ihm zu vergleichen, und was wollen die neuen Schächer dagegen aufweisen?» Hemkengriper fragte nun nach einer griechischen Emendation, und Jan wußte sie sogleich anzugeben. - «Viktoria», rief Hemkengriper, «ich befreie dich, aber mancherlei mußt du mir versprechen; du hilfst mir treulich in meiner Arbeit, das verlorene Werk herzustellen, denn nur der Himmel weiß, ob ich je diese große Arbeit von deiner Hand abgeschrieben wiederfinde, da ich wegen der Neider und literarischen Diebe den Verlust nicht einmal austrommeln, sondern nur verschwiegene Leute zur Nachforschung brauchen darf.» Jan hatte keine Zeit, sich zu besinnen, so herzstärkend kam ihm der Vorschlag, er war begeistert von Hemkengripers Güte. «Aber noch eins», fuhr dieser fort, «du mußt auch nicht heiraten, willst du ein großer Dichter werden. Das mußt du mir schwören, Jan, dann siehst du deinen Icarus bei Elzevir in Oktav auf feinstem Papier mit einem Titelkupfer gedruckt erscheinen, und ich selbst wähle eine schöne Antike zu diesem Titelkupfer aus, ja allenfalls auch eine Karte, um den Weg des Dädalus genau zu bezeichnen und die wahrscheinliche Lage der Meerhöhle. Ich lasse das Buch mit goldnem Schnitt in Pergament binden, worauf Lorbeerzweige eingepreßt sind.» - «Ob ich das erlebe?» seufzte Jan und sah bei allem Leiden das Büchlein im Geiste vor sich stehen. - «Aber alle Liebeleien mußt du lassen», fuhr Hemkengriper fort, «Oder wenigstens ganz im Stillen treiben, für dich behalten und höchstens unter fremdem Namen in der Tragödie aushauchen.» - «Wohl», sagte Jan, «das ist mein Geschick, ich brauche es nicht zu beschwören, es ist schon über mich gekommen. Meine Liebe bleibt einsam wie der Sonnenstrahl, denn der findet auch nicht seinesgleichen, der sich ihm nahen könne, sondern alle gehen immer weiter auseinander, je weiter sie von der Sonne, - es war schön an der Sonne, und hier ist es finster und kalt, und ich weiß nun auch, was ein Gefängnis sei. Nur Mitleid errege ich, auch wenn ich frei werde; arm, verlassen, beschimpft, verfolgt, ohne meine Feinde zu kennen, - welches Mädchen würde mich heiraten? Ich gehe zu Schiff - habt Ihr nichts Schwereres zu fordern, da ist mein Handschlag, daß ich nicht heirate, er kostet nichts, denn ich könnte ebenso leicht versprechen, daß ich nicht durch diese Wand springen wollte.» - «Wohl», sagte der Meister, «du bist verständig geworden, dein Handschlag genügt mir, und ich eile zum Bürgermeister, deine Befreiung damit einzuleiten, daß ich dich in ein helles Gefängnis bringen lasse, wo du meine Arbeiten ungestört fördern kannst.»

So schied er und dachte Jan für immer sich zugeeignet und von Primula getrennt zu haben. Denn daß diese jene Tafeln der Storchpost beantwortet hatte, war seinem kritischen Sinne gleich bei ihrem Namen eingefallen und hatte zu seinem Heiratsentschlusse beigetragen. Als er zum Bürgermeister eingelassen zu werden wünschte, war es wegen des Andrangs von Leuten nicht möglich, gleich durchzukommen, weswegen er noch ein Stündchen zu dem Griechen ging, um über ein erwartetes Manuskript zu sprechen, das zwar angekommen war, das aber dieser nicht zu öffnen wagte, bis es durch Essig gezogen, weil es aus verpesteter Gegend gesendet, während Hemkengriper diesen Essig als verderblich der Schrift durchaus verbot. Sie konnten sich nicht einigen, und Hemkengriper kehrte zum Bürgermeister zurück, der ihm zu seiner Verwunderung versicherte, daß Jan durch Bürgschaft eines ihm unbekannten Mädchens der Haft entlassen sei, auch wäre später die Nachricht eingegangen, daß die Wunden des Studenten keineswegs lebensgefährlich wären und daß nur der Blutverlust die Besorgnis beim ersten Verbande veranlaßt habe. - Welches Mädchen? dachte Hemkengriper. Vielleicht Bathseba? Sie hält viel auf ihn, er muß sie zum Dank heiraten, ich löse in Hinsicht ihrer sein Versprechen, so werde ich von ihren Vorwürfen bei meiner Heirat befreit. Oder war es Primula? - Diese Frage quälte ihn, daß er zur Dule eilte, um sich kritisch aufzuklären.

Primula war es wirklich, die Jan befreit hatte. Kühnlich trat sie zum Hausherrn, erinnerte ihn daran, daß sie wohl so etwas vernommen, wie er ihren Tulpentopf versteigern wolle, und daß dieser etwas wert sei, er solle ihr dreihundert Gulden darauf vorstrecken, die sie als Bürgschaft für Jan brauche. Der Hausherr konnte ihr nichts abschlagen, sie hatte so ein eigen Wesen, wenn sie bat, und zudem griff sie ohne Umstände nach seiner Geldtasche und zählte sich das Geld auf, noch ehe er genehmigt hatte. Dankbar dachte sie der Worte: «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.» Täglich im Verkehr mit Leuten aller Art geübt, durchschnitt sie das Gedränge an des Bürgermeisters Tür wie eine Regentin, indem sie einem ihr wohlbekannten Biergast, einem Ratsdiener, zurief, daß er ihr gleich Platz machen solle. Oben kümmerte sie sich nicht lange um Anmeldung, sondern trat in das Zimmer des Bürgermeisters ein, während einhundert Menschen davor warteten. Schon wollte der Mann zürnen, aber ein Blick entwaffnete ihn, sie erzählte ihre Not, daß sie gestern nicht die dreihundert Gulden gehabt, um für ihren Bräutigam gutzusagen, nun sei sie aber damit versehen und zählte sie auf den Tisch. Der Bürgermeister wollte Umstände machen, es sei zu spät, aber sie drückte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund, daß er ihn küssen mußte und schweigen. Sie reichte ihm die eingetauchte Feder und Papier, sie führte ihm die Hand, daß er die Loslassung ausfertigte. Nun dachte er sie recht derb durchzuküssen als schuldige Gebühr, aber freundlich lächelnd entwandte sie sich mit den Worten: «Es hat Eile!» Und ehe er noch antworten konnte, war sie längst aus seinem Bereich zur Tür hinausgeschritten.

So war Jan befreit, und nun saß sie mit ihm in größter Seligkeit auf der kleinen Bank im Blumengarten, ungestört den Störchen zuschauend, denn die Mutter war ausgegangen, um in Hemkengripers Hause ihre Rechte als künftige Schwiegermutter geltend zu machen. Hemkengriper, als er die Dule erreichte, wurde am Eingange derselben von ganz anderer Sehnsucht festgehalten, als jene war, die ihn dahingetrieben hatte. Auf dem großen Hausflure war nämlich eine Zahl Menschen um einen grünen Tisch versammelt, auf welchem eine Tulpe in schlechtem irdenen Topfe stand, erhöht durch die Unterlage eines gehefteten Buches, erhellt durch ein Wachslicht, bei dessen Erlöschen nach Landesgebrauch der Zuschlag in Versteigerungen erfolgt. Ein Gerichtsherr verkündigte laut und langsam die Gebote der Umstehenden, denn eine Versteigerung wurde allerdings gehalten, während ein Gerichtsdiener mit weißem Stabe die Ordnung handhabte, wo sie durch Andrängen gestört wurde. Hemkengriper erkannte sein verlornes Heft an den roten Pergamentstreifen der Heftung als Unterlage des Topfes und langte unwillkürlich dahin, ohne in freudiger Überraschung daran zu denken, daß der Blumentopf, den er wie einen Briefbeschwerer abheben wollte, ein Gegenstand allgemeiner Neugierde und der Versteigerung sein könne. Als er ihn eben abheben wollte, um zu seinem Schatze zu gelangen, belehrte ihn ein derber Schlag des weißen Stabes, der auf seine Hand fiel, daß er die warnende Stimme des Gerichtsdieners nicht hätte überhören sollen. «Hand weg!» rief der Mann, «mögt Ihr sein, wer Ihr wollt, das Gut steht unter Gewährleistung der Stadt in öffentlicher Versteigerung.» Hemkengriper drohte und verlangte sein Eigentum zurück, aber der Richter verwies ihn zur Ruhe, bis die Versteigerung beendet, wo er dann seinen Einspruch machen könne. Bilderdik ließ so etwas verlauten von unredlichen Pfiffen, um die Liebhaber im Besitz zu stören, und die andern Mitbieter ließen so etwas von Hinauswerfen verlauten, weswegen sich Hemkengriper fügen mußte. Auch fand er sich geschmeichelt, daß schon über 20000 Pfund, wie er meinte, auf sein Manuskript geboten worden, und weil er nichts dabei zu verlieren meinte, trieb er den alten Herrn Bilderdik bis 50000 Pfund, wo dieser endlich die lang durchgefochtene Schlacht aufzugeben sich entschlossen zeigte. Schon wollte der Richter den Zuschlag mit dem Stadtschlüssel kundmachen, als der alte Herr wie ein geschickter Tänzer in seinem Davonlaufen umdrehte und noch tausend Pfund bot. - «Gewiß ein Zwischenhändler Zahnebrekers», dachte Hemkengriper, «einer unsrer bekannten Gelehrten ist es nicht», und bot gleichgültig noch tausend. Da lief der alte Herr davon wie ein Mann, der sich aus steigender Wassersnot rettete, ohne umsehen, denn seine Liebhaberei hatte solches Übergewicht über seinen Vorteil gewonnen, daß er es ganz vergaß, wieviel höher er den Blumenkurs zahlen mußte, je höher er die Blume trieb. Aber doch kehrte er zum Nachgebot um, als das Wachslicht erlosch und der Schlag des Hammers ertönte, und wandte sich ab mit dem Antlitze eines hoffnungslos Verdammten, während Hemkengriper nach dem Blumentopfe griff, um ihn vom Manuskripte abzuheben. Aber ein neues «Handweg!» belehrte ihn, daß er erst sein Geld aufzahlen solle. «Es ist mein Eigentum, das mir gestohlen», schrie er zornig. - «Kann sein», sprach der Richter kalt, «aber erst zahlt zur Sicherheit Eures übermäßigen Gebots, nachher könnt ihr das Geld und das Erstandene mit Beschlag sichern.» - «Ich kann zahlen, Hemkengriper, und biete noch obenein zehn Dukaten als Geschenk, wenn Ihr mein Eigentum, so daß keiner hineinsieht, bis zu meiner Rückkehr bewahrt.» - «Sonderbare Mißgunst der Liebhaber», sagte der Richter, als er fort war, «aber für zehn Dukaten kann ich ihm schon den Gefallen tun, die Blumen zu verstecken. Zu diesem Behuf riß er aus dem Hefte einen Bogen und steckte ihn mit Nadeln um die Blumen fest. «Ha», sagte der Richter dann, «ich soll die Gesetze bewachen und begehe aus Übereilung selbst einen Frevel, doch ich will ihn ersetzen. Aus diesem hier gefundenen Hefte, das wahrscheinlich einem der Schläger gehörte und das zum Besten des Gerichts versteigert werden sollte, habe ich in Gedanken ein paar Blätter ausgerissen. Was wird geboten, wenn die Blätter noch drin wären?» - «Nichts, Herr», rief ein Student, «es ist kein ordentliches Heft, es sind allerlei Schmiereleien, Anmerkungen, das kann niemand brauchen als sein Verfasser.» - «Es ist alles zu brauchen», antwortete der Butterhändler, «es hat gutes Format, aber um den einen Bogen mehr oder weniger gebe ich keinen Stüber mehr.» Die Handschrift Hemkengripers wurde zum Spott wie ein Ball kreuz und quer über den Tisch geworfen, und der Butterhändler bot ganz allein nach dem Gewichte, das seine Hand ermessen, acht Stüber. Brandan, der eben auch hinzugetreten, bot aus Scherz oder aus alter Liebhaberei an philologischer Anfängerei noch einen Stüber mehr und erhielt den Zuschlag ohne Einrede. Er zahlte; der gewissenhafte Richter legte noch einen Stüber für das Ausgerissene hinzu, und so war das unsterbliche Werk für zehn Stüber verkauft und wurde von Brandan in einer Laube durchblättert, wo es ihm das Vergnügen gewährte, sich in alte Zeit zurückzuversetzen.

Primula und Jan lernten unterdessen das Sprechen miteinander wie Kinder die Sprache, indem sie manche Frage einander öfter wiederholten und gar nicht merkten, daß es dieselbe sei, welche eben beantwortet worden. Es war ihr erstes Gespräch, und solche Gespräche sind schwer nachzuschreiben, denn die Worte erscheinen nur als Begleitung, und zwar wie bei Pauken ist das meiste Pause, während die Augen als Duettsänger sich hervortaten und keins dem andern nachstehen wollte. Läppische Worte, was wollt ihr in solchen Stunden? Abgenutzte Kleider zu solchem hohen Feste! Und dennoch sehe ich das Blau des Himmels über ihnen, wie sie da im kleinen Blumengarten sitzen, neugierig von kleinen geflügelten Köpfen durchschaut, die schnell eine Laube von geflochtenen Strahlen über sie wie ein Netz gestrickt haben, sich auf den Knoten feststellen, unwillkürlich die Gebärden der Liebenden untereinander nachmachen, ihre Blicke abspiegeln und sich dabei noch seliger fühlen in ihrer Seligkeit. In solchem Anschaun vergessen sich zuweilen die Himmlischen und werden der Erde sichtbar. Der kleine Blumengarten war der Mittelpunkt dieses Gespräches, denn Jan erzählte, wie er immer mit großer Sehnsucht nach demselben wie nach einem Sternenbeet geblickt, obgleich er die Gärtnerin nie darin gesehen habe. «Das war aus Angst», sagte sie, «Ihr möchtet herunterfallen vom Storchneste, daß ich mich versteckte und den Kopf noch mit einem Tuche umwickelte und nur auf Augenblicke hinsah. Ihr wäret gerade in meine Blumen gestürzt, und hätte mir das nicht leid tun sollen? Seht nur», fuhr sie fort, «die Sonne ist heute recht brennend, wenn ich nur Papierschirme für meine Nelken hätte.» Jan, ohne sich zu grämen, zog seinen Icarus heraus, gab ihr die Bogen hin, daß sie Schirme daraus kniffen konnte, und machte ihr die geschickten Handgriffe so gut er konnte nach, um recht schnell die köstlichen großen Knospen gegen das Aufplatzen zu bewahren. Die Arbeit war zu Ende und der ganze Icarus verbraucht, als Primula einige Zeilen voll Liebe las, die aus den Papierschirmen gegen die Sonne blickten, es war die Sehnsucht des einsamen Icarus in seiner Werkstatt, wie sie die Muse beschrieb, und wie nun, als der Storch mit dem letzten Täflein kommt, sein Entschluß sich ermächtigt; eine Stelle von tiefer großer Bewegung, bei der die Deiche des Herzens auch jetzt wohl noch reißen. «Oh», rief sie, «wenn ich wüßte, wer das geschrieben, den müßte ich küssen, der wäre mir noch lieber als Ihr, so lieb ich Euch habe. Nun Ihr wißt, daß ich Euch liebhabe, aber wie sag ich es, dies ist Seele von meiner Seele, das ist sichtbare Gestalt von dem Unsichtbaren, was sich uns nur selten und heimlich naht, und doch vielleicht unser eigen ist, oder einst wird. Jan, ich rede Unsinn, aber ich kann nicht anders, ich habe recht, wenn ich auch nichts Rechtes zu sagen weiß!» - Jan aber richtete sich auf und glaubte erhöht in der Luft zu schweben, legte ihre Hände um seine Stirne und rief mit dem Gefühle eines von Kaisershand gekrönten Poeten: «Sieh, nun hab ich den Kranz, und meinen Augenblick hab ich gelebt und meine Blüte getragen, und ein Jenseit reifet als Frucht. Ich bin's, der solche Worte schrieb, und mich hast du gerühmt als einen Fremden, und dich habe ich durchdrungen mit der Seele in mir. Mag diese Schrift vergehen, kein Elzevir sie drucken, die Welt sie nicht ahnden, meine Kunst hat die Welt in einem Herzen erfüllt und diese Worte aus mir geboren, sind dir gefallen als williges Opfer und in dir auferstanden zu Tränen. Was ist's? Wir haben uns im Geiste geküßt, und so soll uns dies Zeichen der Lippen nicht fehlen, - nicht dies leise Bienengesumme im süßen Lebenskelche.» - «Aber auch der Kranz soll nicht fehlen, da die Arme der Schönen sanft errötend niedersinken», rief Brandan und setzte den zusammengeflochtenen Zweig eines Lorbeers auf Jans Stirn, eifrig dann bemüht, die Schirme von den Nelken herabzuziehen, die Bogen zu sammeln und wieder zu ordnen. «Ich habe Euch belauscht», fuhr er fort, «denn so muß ich als Schauspieler die Welt pflichtmäßig belauschen, und jedes Wort, was diese liebe Seele von den Papieren ablas, überzeugte mich, du nur könntest der Jan sein, von dessen Schauspielen ganz Amsterdam entzückt ist, den ich aufzusuchen hierher reiste, weil die Stücke von hier eingesandt werden, dem sich unser ganzes Schauspiel als seinem Schöpfer zu Füßen legt, der für jeden Preis der unsre werden muß, unser Führer gegen die Unnatur des Auslands, gegen diesen Wiedertäufer, gegen Vondel.»

«Jan Vos heiße ich», sagte Jan, «obgleich ich hier unter dem Namen Secundus nur allzu bekannt bin, auch habe ich wohl Schauspiele geschrieben, die aber mein strenger Lehrer Hemkengriper, ich möchte sagen vor meinen Augen zerriß, ich kann Eure Rede nicht begreifen, obgleich sie mir wohltut, und Euren Kranz nicht annehmen, obgleich er meine Stirn freundlich deckt.» - Bei diesen Worten wollte er den Kranz vom Haupte nehmen, aber Primula hinderte ihn daran mit den Worten: «Er sitzt so fest auf deiner Stirn wie ein Sieger auf seinem Siegesrosse, er läßt dir so wohl, als wäre es sein Boden, als hätte er seine Wurzel bis zu deinem Herzen und aus deinem Herzen getrieben; ich leide es nicht, daß du ihn abwirfst. Höre nur, der fremde Herr spricht so ehrlich, wer kann wissen, was Hemkengriper heimlich an dir tat? Sagt, Herr, wie hießen denn jene Schauspiele, die so große Ehre einlegten?» - «Vor allen 'Aran und Titus'», rief Brandan. - «Mein erstes Werk», sprach Jan, und fügte die Worte des Titus hinzu:

«Lieb' ist hier die fremde Blume,
Die geschlossen bleibt bei Tag,
Sich nur nachts im Heiligtume
Deines Traums erschließen mag.
Liebe ist die fremde Stimme,
Die uns den Gedanken stört,
Daß wir in dem süßen Grimme
Alles andre überhört.

Liebe ist ein schwarz Gewitter
In der klaren Frühlingsstund',
Glücklich ist der junge Ritter,
Dem ihr Blitz verschließt den Mund.
Denn es bleibt in ihm verschlossen
Ihrer Augen Wunderlicht,
Himmelstrahlen sind Genossen,
Und den Donner hört er nicht.»

«Oh, nun weiß ich erst», rief Brandan, «wie das gesprochen sein will, hundertmal bin ich in der Stelle beklatscht worden, und immer mit Unrecht. Gewiß, seid Ihr erst unser Direktor, Ihr sollt an mir einen gelehrigen Schüler finden, und - wie schön wäre es, wenn Primula es nicht verschmähte, jene herrlichen Frauen uns in Wahrheit zu zeigen, die Jan mächtig in seinen Worten sprechen läßt und für die unsern Schauspielerinnen der Atem gebricht. Glaubt mir, an den wenigen Worten, die ihr vorher abgelesen, erkannte ich eine große Schauspielerin.» - «O wie schön», sagte Primula und senkte den Blick, «es ward mir immer so recht wohl, wenn ich den Leuten so etwas lebhaft vorlesen konnte, und die Mutter schalt mich eine Marktschreierin, eine Komödiantin. Wer weiß, wozu es mir noch nutzt, daß ich mit dieser Liebhaberei geschaffen bin.» -

Ein heftiger Wortwechsel hatte sich inzwischen am Tische der Versteigerung entsponnen, als Hemkengriper mit der Hilfe seiner guten Bathseba die Geldsäcke dahin geschafft und das Geld aufgezählt hatte. Das Manuskript hielt er für wohl bewahrt, als er es nicht mehr erblickte, und war daher anfangs nur leicht verwundert, als ihm der eingewickelte Tulpentopf näher gerückt wurde. Nun erblickte er aber die wohlbekannten Schriftzüge dieser Papierdecke, gerade eine seiner scharfsinnigsten Hypothesen, da entfesselte sich sein eingeborener Zorn, und es dauerte lange, ehe der Richter den Grund deutlich verstehen konnte. Nun sah er wohl den waltenden Irrtum, aber er zeigte auf den Anschlag, auf die Anwesenden, alles bewährte, daß Hemkengriper auf eine seltene Blume und nicht auf eine Handschrift geboten habe. Und als er nun nach dieser fragte und vernehmen mußte, wie sie für wenige Stüber das Eigentum eines andern geworden, da kannte sein Jammer keine Grenzen, daß er nicht bloß seine Gedanken, sondern auch sein Geld verloren habe. Der ehrliche Hauswirt, der ihn nun zum erstenmal ohne gelehrten Stolz und Hohn in seiner menschlichen Schwäche erblickte, konnte sich des Mitleids nicht erwehren und tröstete ihn mit der Versicherung, daß das Geld mit Primula zu ihm zurückkehre, die diese Tulpe aufgezogen habe und der er auch nicht den kleinsten Abzug für seine Erde machen wolle, in der sie dieselbe auferzogen, noch für sein Wasser, womit sie die Tulpe begossen habe. - «Es ist ein abscheulich schönes Ding, diese Tulpe», sagte Hemkengriper mit Abscheu, «wie aus buntem Papier von einem Kinde geschnitten, die hätte ich nicht erschaffen mögen.» Fernher blickte inzwischen Bilderdik mit Sehnsucht nach der Blume, konnte sich endlich nicht länger halten, gesellte sich zu Brandan, der dieser Unterhaltung nähergestanden hatte, und sprach zu Primula, woher sie die Zwiebel zu dieser Tulpe erhalten und ob vielleicht da noch eine zu bekommen wäre. Aber beides gewährte ihm keinen Trost; denn Primula berichtete ihm, wie ein schiffbrüchiger Matrose, der einen Hering sich geben lassen, über Zwiebeln sehr ergrimmt gewesen wäre, die er in sauberem Kästchen aus dem Meere gerettet habe und die nun nach gar nichts schmeckten. Sie habe diese für Tulpenzwiebeln erkannt und ihm Eßzwiebeln in Tausch angeboten, aber leider sei nur noch diese eine übrig gewesen. - «Ich gäbe noch tausend Pfund mehr», sagte traurig der Kaufmann, «hätte ich mich nur nicht abschrecken lassen, ich kann solchen Verdruß nicht überleben.» Brandan umfaßte ihn teilnehmend und führte ihn fort, damit der Anblick des Blumengartens ihn nicht gänzlich niederschlage und zerstöre.

Eben traten nun Hemkengriper, Agnes und Bathseba zu den beiden Liebenden, um ihnen zu beweisen, daß die Blumen so wenig wie die Bäume in den Himmel wachsen, daß der Himmel auf Erden keinen Platz hat und sich deswegen nicht für die Dauer darauf niederlassen kann. Agnes fragte Jan, wie er sich erdreisten könne, so vertraulich Hand in Hand mit Primula vor aller Welt zu prangen, die Hemkengripers Verlobte sei und bleibe. Hemkengriper machte der armen Primula Vorwürfe, wie sie des Ringes vergessen könne, der sie verbinde. Primula rief verwundert: «So ist das alte tolle Weib wirklich ein Mann geworden!» Jan sprach fest, aber bescheiden von seinen früheren Rechten, und daß er Primula, wie ihm Brandan versichert, durch seines Geistes Werke jetzt auch ernähren könne. Hemkengriper wies das mit Stolz zurück und sagte: «Du bist ein Mann von nichts, ich aber bin ein Mann von hunderttausend Dukaten, aber was mehr sagen will, du kennst dein Versprechen, nicht zu heiraten, als ich dich aus Todesnot befreite, du hast der Primula entsagt.» - Jan wandte ein, daß nicht er, sondern Primula ihn befreit habe, aber Hemkengriper zeigte auf den Ring, den er Primula angesteckt hatte und der zu fest den Finger umschloß, als daß sie ihn losreißen konnte; dann rühmte er die Nacht, die er bei ihr zugebracht, indem er Primula ausforderte, ihm diese Nacht abzuleugnen. Primula errötete aus Ärger und schwieg aus Stolz, während Jan sie und den Ring abwechselnd anstarrte und erblaßte. Schon wollte Hemkengriper triumphierend ihre Hand ergreifen, da trat Bathseba zwischen beide hin und sprach: «Schämt ihr Euch nicht, gelehrter Herr, vor der Jugend, die ihr mit Eurer bösen Lust kränkt? Seht das gleiche Alter, was sie vereinet. Warum sollte ich Euch länger schonen, wie ich nur zu lange getan? Ihr wißt nicht, wen Ihr kränkt, denn noch ahndet Ihr nicht, daß dieser liebe junge Mann Euer Sohn ist.» - «Sohn, Sohn», sprach Hemkengriper, «ich weiß von keinem Sohn.» - «Leset da dieses Taufzeugnis! Die verlassene Mutter, die Ihr durch solchen Ring ins Verderben führtet, mußte dieses arme Kind verheimlichen und bei fremden Menschen unterbringen, weil Ihr sie sonst gänzlich zu verstoßen drohtet. Hört, ihr Leute, wer ihm nach solcher Bosheit noch trauet, der verdient solches Elend, wie die Mutter des jungen Mannes erfahren hat.» - «Ist er mein Sohn», antwortete Hemkengriper grimmig, «so habe ich um so mehr Rechte auf ihn, und mein Befehl muß ihm gelten, daß er allen Ansprüchen auf Primula entsagt. Alte Sünden sind abgebüßt, ich scheute den bösen Ruf vor der Welt, und Ihr habt meinen Ruf jetzt schonungslos vernichtet und seid meines Dienstes entlassen, obgleich ich wohl von Zeit zu Zeit aus Milde für Euch etwas aussetzen will. Gedenk, Jan, an deinen eigenen Vorteil. Ich erziehe dich zu etwas Großem, du arbeitest für mich fleißig, obgleich nicht in meinem Hause, ich gebe dir reichliches Auskommen, ich gebe deine Tragödien heraus mit Vorrede und Nachschrift; was ist dagegen der Beifall der Menge? Fort, Bathseba, fort, aus meinen Augen, du ermunterst sonst den Burschen zur Empörung gegen seinen Vater.» - «Fort, fort», rief die alte Agnes, «die ist ärger wie eine Hexe und verdiente zu brennen, für Jugendsünden vergißt der Himmel die Zeche, aber Altersbosheit steht in der Hölle mit doppelter Kreide angeschrieben.» - Die alte Bathseba trat verlegen einen Schritt zurück, und Jan sah sich bezwungen von seinem gegebenen Wort, von väterlicher Gewalt, vom Argwohn gegen die Geliebte. Aber so gut oder so schlecht, als es der Mensch in seinem Jammer und in seiner Freude sich denkt, kommt es nie in der Welt, und wenn die Not am größten, ist der Retter am nächsten.

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