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Arnim Achim vonDa erschallte aus einer der Götterlauben eine Baßstimme. Es war Brandan, der da seines Begleiters harrte und eine Blumenidylle vortrug und sich am Widerhalle eines Giebels ergötzte, der wohl nicht zu diesem Zwecke erbaut war, aber gewiß keinen besser erfüllte und alle Reime recht deutlich ihm nachzählte.Nieder zieht der Abendwind, Wiegt in Schlaf manch schönes Kind, Löscht die Lichter, Doch es weckt der Vollmondglanz Blumen zu dem Abendtanz, Himmlische Gesichter. Blumen springen aus dem Bett, Waschen sich im Tau so nett Und sich schmücken; Manches krause weiche Blatt Sich erst neu entfaltet hat Ahndendem Entzücken. Jede sich im Bach besieht, Nun sie hin zum Tanze zieht, Ob sie glänze, Und das Bächlein wird so glatt, Jeder zugemurmelt hat: 'Amor bringt dir Kränze.' Alle Blumen schwesterlich Grüßen, küssen, herzen sich Hier im Kreise, Jede wartet auf den Gott, Der so oft nur leichten Spott Gibt nach seiner Weise. Nachtigall ist auch bestellt, Sich im Laub verstecket hält, Spielt zum Tanze; Und ein jedes Gartenbeet Schon voll schöner Tänzer steht In dem Vollmondglanze, Doch die Frauen sehen kalt Auf die Herren jung und alt, Und sich brüsten; Denn ein Gott, der gilt viel mehr Als der Nachbarn Lustverkehr, Die zum Tanz sich rüsten. Nachtviole bleibt zu Haus, Wagt sich nicht zum Tanz hinaus, Steht vergessen; Doch ihr Duft die Luft durchzieht, Und der Feuerwurm erglüht, Fliegt ihr zu vermessen. Amor ist der Feuerwurm, Und sein Licht, das löscht kein Sturm, Macht's nur heller; Und er leuchtet Liebchen vor, Führt sie selbst zum Tanz vors Tor, Und der Tanz rauscht schneller. Eintracht schien in bunten Saal, Zwietracht kommt zu aller Qual, mit den beiden; Weil der Gott von Lust und Leid Einer zuflog, sucht der Neid Sie mit List zu scheiden. Gänseblümchen weiß nur nicht, Wie sie zorn'ge Blicke richt', Ist verlegen; Stetes Lachen läßt nicht gut, Gar zu traurig sie nun tut, Muß sich viel bewegen. Ob wir schon viel klüger sind, Als dies liebe weiße Kind, Ruft Peone, Kommt es uns doch nimmer ein, Amor könne unser sein Auf dem Götterthrone. Doch wir bleiben hier allein, Weil wir ganz geruchlos rein Keinen locken; So die Lilien seufzen still, Weil sie niemand nehmen will, Trotz der großen Glocken. Tulpe hängt den Kopf sogleich, Wie ein Vöglein hängt am Zweig, Zu Narzissen; Hat den Kelch ihm zugewandt, Spricht von Ehre und von Stand, Und von dem Gewissen. Rose lockt mit hellem Strahl Nachtgevögel ohne Zahl, In dem Zorne; Jedem ihre Dornen reicht, Daß er an dem Gott hinstreicht, Und ihn blutig sporne. Rittersporn und Eisenhut Wählet sie im wilden Mut Zu dem Fechten - Und das Tausendgüldenkraut Bietet sie zur Werbung laut, Als ein Lohn den Knechten. Gleich der hohen dunklen Stadt, Die sich rings gelagert hat An dem Garten, War hier Stille nur zum Schein, Neid schlägt Licht zu seiner Pein Schlägt in Klingen Scharten. Doch des Gottes leicht Geschoß Jagt zurück den wilden Troß Ohne Schaden; 'Stören lasse ich mich nicht, Gönne jeder ihren Wicht, Bin ein Gott der Gnaden.' Nachtviole hebt das Haupt, Amors Feuer sanft bestaubt Ihre Wangen: 'Jeder regt der Gott die Brust, Gönnt dies Heute meiner Lust, Laßt mich einmal prangen. Morgen ist ein andrer Tag, Wo er andre lieben mag Nach Gefallen; Zeigt nur, daß ihr würdig seid Dieser Liebe, die sich weiht In der einen allen.'» «Weiter, weiter», rief der alte Herr, der sich ihm mit dem Wirte genähert hatte, «so muß man heimlich anschleichen, um Sie zu hören.» Mit veränderter Stimme, ähnlich der gezierten Manier einer ersten Sängerin in Amsterdam, sang Brandan weiter:
«Das war nun wieder eine Ihrer Bosheiten», sagte der dicke Herr, «man muß es Ihnen abstehlen, wenn man etwas von Ihnen hören will; schreiben Sie auf, was ich vorher von Ihnen hörte.» - «Ach, alter Freund», sagte Brandan, «Sie wären vielleicht der erste, der diese Verse um Wendungen tadelte, die eben darum, weil sie nicht gewöhnlich, mich allein erfreuten, es ist nicht mehr erlaubt zu dichten, weil es nicht mehr erlaubt ist frei zu sein, was Ihr auch von unsrer neugebacknen Republik sagen mögt. Auch gibt es endlich doch nur einen lebenden Dichter, und dies ist eben der Jan Vos, den ich suche, dem alles gelingt, während mir nur Einzelnes sich gestaltet, und den ich aus dunkler Ahndung hier durchaus zu finden meine.» - «Ich wünsche, daß Sie so glücklich sind wie ich», antwortete der alte Herr, «dieser gute Mann, der Wirt des Hauses, verpflichtet sich, jene Tulpe zu bewahren, und will sie morgen hier öffentlich zum Besten der Besitzerin versteigern. So kann ich nun ruhig schlafen, aber sehen Sie nur die Tulpe recht an, so deutlich war selbst auf des Hope schönem Exemplar die Flagge von Enkhuisen nicht zu erkennen, sehen Sie die drei Heringe und die drei Sterne im blauen Felde, es ist der schönste Admiral von Enkhuisen, der mir je vorgekommen, und ich müßte ihn besitzen, auch wenn ich ihn nicht bis übermorgen zu schaffen versprochen hätte.» Der Hauswirt nahm mit Vorsicht den Topf aus der Reihe
im kleinen Garten und trug ihn mit sorglicher Hilfe des alten Herrn und
Brandans nach dem Hause, ohne daß Primula, welche sich durch den
Verlust der schönen Blume gekränkt glaubte, Einspruch zu tun
wagte. Sie dachte nur an die Schönheit der Blume, wußte aber
nichts von ihrem hohen Werte, der durch die seltsame Liebhaberei zu einer
Art Kauf auf künftige Zeit, wie jetzt mit Staatspapieren, die Veranlassung
gegeben, indem jeder, wie er den künftigen Preis vermutete, diese
oder eine andre Tulpe zu liefern versprach, sich aber um deren Aufziehung
nicht kümmern konnte, sondern in den Versteigerungen nun so vorteilhaft
wie möglich sein Versprechen erfüllte oder aber in den meisten
Fällen gewann oder verlor, je nachdem sich auf diesen Versteigerungen
der Preis erhöht oder erniedrigt hatte, so daß eine Versteigerung
den Kurs feststellte. Bei solchen Spekulationen denke man sich den Fall,
daß nun eine der beliebtesten Art durch Zufall ganz ausgeblieben,
also die, welche zu einem gewissen Preise zu liefern versprachen, ihr
Versprechen gar nicht erfüllen können. Da steigt der Verlust
ohne Grenzen, denn der Gegner kann fordern, was er will, und in dieser
Lage befand sich der alte Herr mit diesem Admiral von Enkhuisen, den er
für 20000 Pfund zu stellen versprochen hatte, ohne bis zu diesem
Tage in ganz Holland eine Tulpe der Art auftreiben zu können, weil
unerwarteter Nachfrost den Gärten geschadet hatte. Primula tröstete
sich bald über den kleinen Verlust durch die Erinnerung der größeren
Besorgnisse, die sie quälten, und beide erdrückte die Müdigkeit,
die, ohne sich an das strenge Gesetz des Wachens zu binden, als Primula
kaum neben Hemkengriper sich an die Erde gesetzt, sich ihrer bemächtigte,
den Geist zur Ferne entrückte und den Körper in Banden als ein
Pfand zurückließ, daß er zur rechten Zeit sich wieder
einstellen und ihn einlösen wolle. Hemkengriper bestand unterdessen
die heftigsten geistigen Kämpfe. Er hatte bisher in seiner eigensinnigen
Alleinheit über so manche Familienverhältnisse und Liebeleien
seiner Kollegen im schönsten Latein spotten können, ohne gleiche
Vorwürfe besorgen zu müssen. Diese Nacht konnte ihn jedem Spotte
preisgeben, und schon diktierte er sich selbst zu eigner Qual Briefe,
Verse, Elegien, die über dies Ereignis künftig umlaufen würden.
Schnell unterdrückte diese Geistestätigkeit der Wunsch, der
Schlummernden ein besseres Lager als die harten Dielen freudig anzubieten,
ja er fühlte sich so beklemmt und geängstiget, daß es
kein Wunder zu nennen, als eines der Bänder riß, mit welchen
er das Manuskript an seinem Leibe noch befestigt glaubte. Aber neuer Schrecken
erstarrte ihn, als er dieses Band zu verknüpfen suchte und seine
Handschrift nicht mehr vorfand, sondern nur die leere Hülle, die
sie umgeben hatte. Wer möchte ihm nicht die Wildheit verzeihen, mit
der er jetzt um sich griff, weil er sie im Bette versunken glaubte, und
das Seufzen, als er nun wie ein Perlenfischer, der emportauchte statt
einer Perlenmuschel einen alten Scherben emporträgt, denn wirklich
brachte er statt der Handschrift das umgestoßene Geschirr, worin
der Kamillentee für ihn über glühenden Kohlen bewahrt worden,
mit halbverbrannter Hand hervor. «Diebe, Diebe», rief es aus
ihm unwillkürlich, und Primula, von dem Geschrei aufgeschreckt, rief
ohne Nachdenken aus bloßer Angst ebenfalls: «Diebe, Diebe!»
- «Wo sind Diebe?» fragte der geängstigte Mann, der vor
seinen eignen Schatten erschrak. «Habt Ihr sie nicht gesehen?»
entgegnete Primula, «Ihr riefet ja wie besessen mit einer Stimme
ärger wie ein Mann den Dieben nach? Nun, es war wohl ein Fieber,
nehmt von dem Kamillenwasser, gute Frau, aber es ist umgestoßen.»
- Hemkengriper hatte sich gefaßt, er sagte ihr, daß er ein
Bündel Handschriften verloren, die ihm sein Herr Professor zum Forttragen
übergeben habe. - «Oh, da kann ich ihr helfen», rief
Primula, «auf dem Boden liegen noch viele solche Schriften, die
Studenten nennen es Hefte, die uns ein junger Herr zurückgelassen,
als er wegen Schulden davongelaufen, davon nehme Sie sich morgen soviel
als Sie braucht.» - «Nein», sagte er, «zwei Handschriften
sind so wenig einerlei wie zwei Menschen, und ich bin verloren, wenn ich
die Werke meines Herrn nicht wiederfinde, ja die Welt ist gewissermaßen
verloren. Weiß Sie denn, was der Weltuntergang?» - «Nun
freilich, das ist nichts weiter als der Jüngste Tag.» - «Nichts
weiter! Der Untergang der Welt ist ein Versinken alles dessen, was die
Geschichte in so langer Zeit an sichtbaren Spuren ihres Wirkens, an Zeichen
der menschlichen Gedanken gebildet hat, und was ist es anders, wenn die
Arbeit eines Menschenlebens untergeht?» - «Ich verstehe Ihre
Geschichte nicht, Sie muß wohl eine kuriose Geschichte haben, aber
wir wollen doch suchen nach der Schreiberei.» Dankbar umarmte sie
Hemkengriper, und ein Blitz des Irdischen durchleuchtete den leeren Raum
seines Innern, und da sah es schrecklich aus. Beide suchten aber vergebens;
sowohl in der Stube wie im Garten fand sich nichts. Er faßte jetzt
wie am Jüngsten Tage nach seinem Kopfe, nach seinen Gliedern, und
sie waren noch alle vorhanden, sonst aber nichts in der Welt, denn er
verachtete alle andre seines Faches, und dieses Fach war seine Welt, und
diese Welt sollte er nun wieder von neuem beleben mit seiner Arbeit, denn
sein Gedächtnis war ihm nicht treu. Da fiel ihm Jan ein, dessen eisernes
Gedächtnis ihn oft in Staunen gesetzt hatte, wie er die lateinischen
Diktate ihm manchmal vorgesprochen hatte, dann auch sein Scharfsinn, wie
er allmählich deren Inhalt erraten hatte, und im Augenblicke war
aller Zorn vergessen, von ihm und mit ihm vereint hoffte er alles ins
Gleiche zu bringen mit der Hilfe weniger Jahre; wenigstens war er gewiß,
daß Jan keine einzige seiner griechischen Verbesserungen vergessen
hatte, und diese machten nicht nur den Hauptteil aus, sondern schienen
ihm auch wichtiger als die Werke der alten Griechen, denen sie erst nach
seiner Meinung einen Verstand angeschuht hatten. Im Hochgefühl dieses
Trostes sagte er mild zu Primula: «Ich will dich nicht verführen,
ist meine Arbeit beendigt, so will ich dich heiraten und du sollst selige
Tage leben.» - «Ja, ja, liebe Frau», sagte Primula begütigend,
«halte Sie sich nur ruhig, der Anfall wird auch vorübergehen
- ich bin nur froh, daß Sie nicht mehr tobt. Sie mag eine recht
gute Frau sein, aber Sie ängstigt mich erschrecklich, und es ist
mir lieb, daß diese Nacht vergeht und daß ich die Mutter auf
der Treppe höre.» -
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