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Ludwig Anzengruber

Der G'wissenswurm
Dritter Akt

Dekoration: Bauernstube wie im ersten Akte.

Erste Szene
Rosl, dann Wastl.
Wie der Vorhang aufgeht, ist die Bühne leer, durch die Fenster rechts fällt helles Mondlicht in die Stube. Eine Schwarzwälder Uhr schlägt zehn.

Rosl (kommt mit einer Öllampe, an der der Schirm herabgelassen ist, von links). So, war lang scho alls fertig zun Niederlegn! Wollt nur, ich wußt 'n Bauern scho in sein Bett. Wo er nur verbleibt? Zehni is's, no rührt sich nix. Es is frei schon zun Fürchten! (Stellt die Lampe auf den Tisch.) Jesses, in der Kuchel geht oans! (Mit erstickter Stimme.) Wer is draußt? Ah, is leicht nur unser Saunigel. (Geht näher zur Türe, lauter.) Wer is draußt?

Wastl (die Türe im Hintergrunde rechts ein wenig öffnend.) A gut Gwissen!

Rosl. Ah, der Wastl is's!

Wastl (kommt herein). Wohl, Rosl! Aber mit dir is's net richtig, fürchtst dich in der Finstern. (Zeigt seine Pfeife.) A weng Feuer hon ich mer holn wolln, is aber koan Fünkerl mehr am Herd.

Rosl. Is a schon spat! Wo nur der Bauer verbleibt?

Wastl. Wer weiß, muß er heunt nöt wo anderscht übernachten! Kunnt ja noch gar net da sein! Rechne dir's selber aus, zwischen a drei und vieri is er furt, drei Stund sein hin bis zur Kahlen Lehnten, drei Stund z'ruck, braucht er sich gar net viel aufzuhalten, muß's zehni vorbei werdn!

Rosl. Was er nur dort macht?

Wastl. Wann d' es net besser weißt wie ich, so ersparn mer einand's Ausfragn.

Rosl. Horch! Es fahrt a Wagn!

Wastl. Richtig, hör'n a. Aber der kimmt von der andern Seiten, von der Ellersbrunner!

Rosl. Schau, haha, bei dir kimmt hizt alls von Ellersbrunn.

Wastl. No, ohne Frotzeln, horch doch nur, hizt poltern s' über dö Brucken und hizt fahrn s' beim Kreuzwirt ins Tor und stelln ein.

Rosl. Hast a recht, aber hizt is der still und ma hört no oan Wagn, der kimmt von der andern Seiten und immer naheter!

Wastl. Hör 'n schon. - Hizt wär er ganz nah - no? - Richtig fahrt er in' Hof ein. No möcht 's doch wohl der Bauer sein. Schau ich halt nach. (Ab.)

Rosl. No, Gott sei Dank, daß er nur da is! Is a Zeit - nach a zehni! Nur a Glück, daß er sein Schofpelz mit hat, geht zwar a wacherlwarmi Luft, aber halt do, im Fahrn!

Zweite Szene
Vorige. Grillhofer, auf Wastl gestützt, zuletzt folgt Dusterer, der sich an der Türe aufstellt, als wollte er gar nicht bemerkt werden.

Wastl (geleitet Grillhofer zu dem Sorgenstuhl). Muß schön dreinteufelt habn, der Michl, daß's schon wieder da seids. Hizt derf ich nur gleich nach'm Stall schaun!

Rosl. Je, dö armen Rösser!

Grillhofer (sehr erschöpft). Gilt mer gleich! Hon kein Erbarmnus mehr mit dö Viecher, habn's do allmal besser af der Welt wie unsereins!

Rosl. Bist gscheit?

Grillhofer. Lebn do und kennen kein Vorschrift. - No, schau halt nach 'm Stall, Wastl.

Wastl. Gute Nacht, Bauer. (Ab.)

Grillhofer. Gute Nacht! - Kannst a gehn, Rosl!

Rosl. No, willst allanig ins Bett kraln? Wird mühselig gehn.

Grillhofer. Sollt ich schlafen, werd ich mich schon ins Bett finden. Gute Nacht!

Rosl. No, gute Nacht, Bauer! (Ab.)

Dritte Szene
Grillhofer und Dusterer.
Kleine Pause.

Grillhofer (stützt den Kopf in beide Hände).

Dusterer (kommt langsam aus dem Winkel nach vorne). Schwoger!

Grillhofer. Wer is's? (Blickt auf.) Du? Was willst du noch da? - Hab ja 'n Wagn vor dein Haus halten lassen, daß d' aussteign solltst.

Dusterer. Hat nöt sein mögn, weil ich halt mit dir noch z' reden hätt!

Grillhofer. Weißt a neuche Lug?!

Dusterer (beleidigt). Schwoger!? - Glaub mir, wann ich dir was sag! Beispielmäßig -

Grillhofer. Ich brauch nix Beispielmäßigs mehr, hob gnug an dem, was wirkli vorgeht und wo ma umsonst a Auslegung sucht.

Dusterer. Schau, Grillhofer, es is mir vergangen - na ja, weil du ja selber es Rechte angebn hast, daß mein Traum doch a Vorbedeutung hat. Hast ja selbn gmeint, im Rauchen und Feuer sieht mer schlecht, dö Riesler-Magdalen konn dös im Fegfeuer net gwest sein, aber - Grillhofer - dein Kind is's gwest, dös hon ich für sö gnumma, no ja, weils ihr gleich schaut, weil ebn a der Magdalen ihr Kind is!

Grillhofer. Dummheiten!

Dusterer. Grillhofer! Hör mich aus, glaub mir, wann ich dir was sag! I mein, es verbleibt bei unsern Abkämmen - es geht halt hizt um dein Kind!

Grillhofer. Weil dir's taugt, steckst dös hizt ins Fegfeuer.

Dusterer (eifrig). Na, na - weil die Sünden der Eltern an den Kindern gstraft werden, steckt's drein und wohl wegn der eignen Sündhaftigkeit a, meinst, so vater- und mutterlos war's rechtschaffen wordn?!

Grillhofer. Wer aber sagt dir denn, daß's versturbn sein muß?!

Dusterer. Grillhofer, laß dir sagn, besser, es is versturbn, als es is lebig a so, daß d' der's überlegn rnüßt, ob du's a anerkenne kinna kannst!

Grillhofer (ausbrechend). Sixt, Dusterer, dös is! Lang net, mer wußt oans in der Höll, is mer so gstraft, als ma weiß oans af der Welt, dem ma beispringa möcht, dös vielleicht nach ein'm ruft in Nöten, Drangsal und ein'm zumöcht - und mer kann net - weiß koans vom andern, wo's is!

Dusterer (tritt näher). Armer Schwoger!

Grillhofer. Halt 's Maul! (Ruhiger.) Geh hizt! Hon kein Lust, mich no heunt mit dir h'rum z' dischpatiern.

Dusterer. Na, lass' mer's halt af a ander Mal! Gute Nacht, Schwager! (An der Türe.) Oan Frag hätt ich no?

Grillhofer. Was denn?

Dusterer. Bleibt's dabei?

Grillhofer. Bei was?

Dusterer. Beispielmäßig, fahrn mer morgn nach der Kreisstadt oder net?

Grillhofer. Heunt weiß ich nix, gar nix! Geh zu!

Dusterer (kommt wieder etwas vor). Nur eins no! Soll mal was sein, hon ich's gern bald richtig!

Grillhofer (sieht ihn groß an, spöttisch). I weiß, mer kennt dich dafür, haltst af Ordnung!

Dusterer. So oder so! Lang h'rumschneiden konn i net leiden! Schau dein Einwendigs an! Brauchst ein Zuspruch, gut, so halt dein Wort, sunst bleib ich dir fern.

Grillhofer. Werdn ma ja sehn, ob ich 'n Zuspruch nötiger brauch als du mein Hof!

Dusterer. Werdn mer sehn, gut is's! Nur kimm mer net z' spot, wann i eppa neamer für dich z' Haus bin. (Wendet sich.) War übel für uns allzwei, aber ich bin a so! (Tut einen Schritt nach rückwärts.) Grillhofer, ich geh hizt - gute Nacht?

Grillhofer. Gute Nacht!

Dusterer. Hast mich grufen?

Grillhofer. Na.

Dusterer. I hon gmeint, es reut dich! - (An der Türe.) Grillhofer, es steht geschrieben: Ich will nicht den Tod des Sünders! - I schau d'r schon morgen nach!

Grillhofer (ungeduldig). No, moch nur heunt no furt - allan will ich sein! (Sinkt in seine frübere Stellung zurück.)

Dusterer (hat die Türe geöffnet, bleibt aber an derselben stehen und blickt nach Grillhofer). Teufi, 's gute Auskämma hat ein End und mit ihm selber steht's wohl schlecht - mit muß er mir morgn, sunst war alles verschütt. Furt schlepp i 'n, und wann's ihm glei ans Leben gang, 's andere wird scho der liebe Gott gebn! - Wie ich mir 'n betracht, auf d' Hinterfüß stellt er sich wohl net! Dazu no d' heutig Nacht koan Augn zu. I hon's schon gwunna. Selbn hon ich a kein Schlof, ich schleich lieber bis fruh da um sein ... um mein Hof, um mein Hof. (Schlüpft zur Türe hinaus, die er leise hinter sich schließt.)


Vierte Szene

Melodram

Leise beginnt die Musik das Bußlied aus dem ersten Akt aufzunehmen und begleitet damit variiert den folgenden Monolog.

Grillhofer (erhebt den Kopf). Viel tausend und tausend Meilen gehen rund um die Erd - - können viel hundert zwischen mir und mein Kind liegen - oder kann mer ganz nah sein und ich weiß's net! - - (Steht langsam auf, mit gefalteten Händen.) O himmlischer Voda! Wann's neamer lebt - - so laß a mich net so allan herumkriechen af der Welt - und wann's in Unehr auf gwachsen is, so bitt ich dich - - laß mich's net derlebn! - Himmlischer Herr, ich überheb mich net, aber wann d' a End mit mir machen wolltst - - es war wohl 's Gscheiteste! - - Und wann's vielleicht hizt in der nämlich Stund, wo ich zu dir bitt - aufschreit in Sünd und Nöten - so hör auf mi - verstopf dein Ohr - wann's sein Dasein reut und sein Vatern verflucht!!

(Die Musik bricht mit einem starken Akkord ab.)

Grillhofer (ist zum Fenster gewankt, das er aufreißt, und sinkt jetzt auf einen davor stehenden Stuhl). Luft!!! (Kleine Pause.)

Fünfte Szene
Voriger. Rosl. Liesel.

Rosl (an der Tür, welche sie leise geöffnet hat, zur Liesel, die hinter ihr eintritt, lästernd). Er is no auf! - (Lauter.) Bauer!

Grillhofer (nickt mit dem gesenkten Haupte). Jo.

Rosl. Schau doch auf! D' Horlacher-Lies is wieder da!

Grillhofer (verloren). So.

Rosl. Sie müßt heunt no zu dir, hat s' gsagt.

Grillhofer. Was will s'mer denn?

Rosl. Na, hör nur auf sie, ich weiß's ja net. (Geht ab, indem sie der Liesel, die an der Türe stehengeblieben war, vorzutreten winkt.)

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