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Ludwig Anzengruber

Der Meineidbauer
Dritter Akt

Ärmliche Hütte.

Im Hintergrunde eine Mitteltüre, rechts eine Holztreppe, die auf den Boden führt, links ein Kachelofen. Im Vordergrunde ein Tisch, zwei Holzsessel, ein Großvater-Stuhl, neben an den Kulissen eine Bank, davor zwei Spinnräder; zwischen diesen und dem Großvaterstuhl steht ein Kienspanhälter, ein solcher Span beleuchtet die Szene.

Erste Szene
Die Baumahm im Großvaterstuhl liest in einer großen Hauspostille, Rosl und Kathrein sitzen auf der Bank und spinnen abgespannt und schläfrig; wenn der Vorhang aufgeht, steigt der Bader die Holztreppe herunter.

Bader (kommt unter folgendem vor und setzt sich an der Seite der Mahm).
's is recht g'scheit g'wes'n, Leutl, daß mich gleich habt's rufen lassen, nur immer rechtzeit dazuschau'n; aber da sein a paar im Ort, die sag'n: »Ja, der Bader kann auch nix geg'n die Natur, wo die nit hilft!«

Mahm.
Was macht er denn, der Bruder?

Bader.
Er schlaft wie 's ruhig Gewissen und morgen steht er g'sund wieder auf; geht auch schlafen, Dirndln, der Vater is außer aller G'fahr.

Mahm.
Meiner Treu', bin ich froh, ich hab schon glaubt, 's müßt a Leich' ins Haus, die Totenuhr hat die ganz' Nacht in ein'm fort tickt in die Wänd'.

Bader.
Dumm' Zeug, Baumahm, die Totenuhr, das sag ich Euch, is nix weiter als ein Wurm, der sein' Schädel im Holz anrennt, und bedeut' morsche Bretter und Balken, sonst nix! - Bleibt Ihr noch a Weil' auf, Baumahm?

Mahm.
Solang so a Wetter is, fürcht mer sich doch.

Bader.
Wißt, ich passet's auch gern ab, die Nässen kann ich nit leiden. Her hab ich müssen, von wegen dem Kranken, aber z' Haus, das is ein ander Sach; da is mein Weib, die kann euch die Nässen nit leiden und zählt mir jeden Tropfen vor, wann ich heimkomm! Da sein die Dirndln da ein paar andere, brave, die sein zu mir g'laufen kommen weg'n Vater in dem Höllenwetter. Na, dafür kriegt jede amal ein' brav' Mann.

Rosl.
Ja, Bader, aber ein', der sich z' Haus traut zu sein' Weib.

Kathrein.
Und wo man nit, wie heut bei Euch, schon vorm Wetter die Tropfen kann zähl'n von der Näss', was Euer Weib nit kann leiden.

Bader.
Oho! Oho! Ihr meint, weil ich trink. Teixeldirn! Trinken muß unsereins, das g'hört dazu, daß 'n die Elendigkeit der Leut' nit so angreift. Ich wollt, dös Wetter wär erst vorüber.

Kathrein.
Meint's das dahoam - oder -

Bader.
All' zwei!

Rosl.
Geht, Mahm, macht Euer Buch zu, Ihr derbetet's doch nit, daß dös Wetter in der Bälden aus wird. Heunt wär so a Nacht für a recht a grusliche G'schicht, verzählt's eine.

Kathrein (kneipt sich in den Arm).
Es is so eigen gut, wenn man a Ganshaut kriegt.

Mahm.
Ös wißt's, der Bader kann die gruslichen G'schichten nit leiden.

Bader.
Erzähl s' nur, Baumahm! Meinetweg'n kriegt ihr eure Gänshäute, schlechte Träum' und schiefe Ansichten, mir is's gleich.

Rosl (setzt sich zurecht).
So fang d' Mahm nur an.

Kathrein.
Ich paß schon drauf.

Mahm (klappt die Postille zu). No, so lost's halt zu! - Es war amal a Bauer - - -

Rosl (lachend).
Ui je! Dös is die alt' G'schicht' vom faulen Bauern, der g'meint hat, wann er arbeit't, müßt er a wissen, für was.

Kathrein.
Geh zu, du weißt's doch nit, die Mahm meint g'wiß dö vom Bauern, der die Kuh hat am Markt g'führt, und sein zwei Spitzbub'n kämma -

Mahm (schlägt auf den Tisch).
Schnattert's und schnattert's, dumme Menscher, wißt's net, daß alle G'schichten so anfangen? Alsdann: Es war amal a Bauer -

Bader.
Pst! Horcht's auf - es kommt einer auf die Hütt zutappt!


Zweite Szene
Vorige. Ferner tritt durchnäßt, aufgeregt, bleich, mit wirrem Haar durch die Mitte ein und schwenkt seinen nassen Hut aus.

Ferner (dumpf).
Gelobt sei Jesus Christus!

Alle (außer der Mahm).
In Ewigkeit!

Mahm.
Na, na, saut's nit d' ganz' Stuben ein, von Enk rinnt's ja abi - in Ewigkeit, Amen! Bleibt's fein dahint bei der Ofenbank. Hat Enk wohl a 's Wetter in die Berg' derwischt?

Ferner.
Freilich!

Mahm.
Wöllt's da unterstehn? Is recht. Seid's wohl von weit her? Was? Ich kenn Enk nit, seid's nit vom Ort.

Ferner (setzt sich auf die Ofenbank).
Nein.

Mahm.
Ös seid's aber kurz.

Rosl.
Laß 'n a die Mahm gehn, mer is nit so redselig, wann ein' so a Wetter orndlich durchg'weicht hat. Erzählt's lieber d' Gschicht'.

Mahm.
Es war amal a Bauer, der war so viel reich und dem war a arm' Häusler Geld schuldig, viel' Jahr' her, und wie der arm' Mann zum Sterben kimmt, so laßt er 'n reichen Bauern an sein Totbett kämma und zahlt ihm all das, was er ihm schuldig is, aus, ruft dann sein Weib, sagt: Du, ich hab alles zahlt, und war tot; die arm' Wittib begrabt ihren Mann und nach a paar Täg'n drauf geht s' zum reich' Bauern und sagt: Mein Mann hat dich zahlt, gib mir die G'schrift drüber! Was, sagt der reich' Bauer, was willst du? Ich hab dir kein G'schrift z' geb'n, denn ich hab von dein' Seligen kein' Kreuzer Geld g'sehn.

Rosl.
Der Halunk!

Kathrein (drückt sie an sich).
Sei stad.

Mahm.
Da is das arm' Weib in die G'richt' gangen, hat g'sagt, so und so hat mein Mann, Gott hab 'n selig, angeb'n; der reich' Bauer aber sagt »nein«. Da hat der reich' Bauer vor G'richt müssen und hat keck die Hand aufg'hob'n zu unserm Herrgott und hat g'schwor'n, so is und so wär's, wie er g'sagt hat, und der arm' Wittib und ihre zwei Kindern hab'n s' ihr ganz's Hab wegg'nommen, und so war der reich' Bauer doppelt g'zahlt und doppelt reich und doppelt froh. Er hat sich denkt, jetzt hast der Sünd' ihr'n Vorteil und jetzt wirst wieder mit 'm Himmel auf gleich, und er hat ang'fangt, fleißig in die Kirch' z' gehn und z' beten und Almosen zu geben und Messen zu stiften, und hat von da an bei die Leut' nur der frumm' Bauer g'heißen. Hat sich a drauf was z' gut tan, daß ihm all's nach sein' Herzen is ausgangen. Hat er um ein' Reg'n bitt', so hat's g'regn't; hat er weg'n sein' Viehstand bet', so hab'n alle Küh' kalbt, daß's a Freud' war, und hat er z'weg'n sein' Kinderseg'n a Gebitt g'stellt, so is sein Weib so leicht niederkämma, daß kaum a Hebmutter nötig war, und hat er g'meint, 's möcht' a Bub sein, so war's auch einer! So is ihm, wie er g'meint hat, der Segen nur durchs Dach ins Haus g'fall'n, und er hat glaubt, daß neamand mit 'm Himmel besser stehn kann als er.

Rosl.
Geht's, die G'schicht hat ein' Anfang, daß man sich muß giften. A so ein schlechter Kerl.

Mahm.
So derwart's nur, 's Letzt' is's Beste.

Ferner (sichtlich aufgeregt, kommt vor).
Ös verzählt's da a G'schicht' - dö verintressiert mich - ös erlaubt's (setzt sich auf den leeren Stuhl), ich hör so G'schichten gern.

Mahm.
Na, so ruckt's halt zucher. - Aber, was is Enk denn, Ös zittert's ja wie im Fieber, kein' trocknen Faden habt's a nit am Leib, dös kann unmöglich a gut tun. Wollts Enk nit lieber ins Heu leg'n?

Bader.
Das meinet ich auch. Seid's a g'scheit' Weib, Baumahm!

Ferner (schüttelt energisch den Kopf).
Verzählt's vorerst die G'schicht' aus. - Bin b'sunders drauf, wie's dem reich' frumm' Bauer noch gangen is. (Stützt zuhorchend den Kopf in beide Hände.)

Mahm.
Na, alsdann, wie ich sag, der Bauer hat g'lebt, so ruhig, als ob der Herr im Himmel verstorb'n wär und hätt 'm Teufel die Welt in Pacht geben. Und wie so sein End' herankämma is, so denkt er, jetzt machst es ganz richtig und es kann dir nit fehl'n, du mußt in Himmel und a da nit am letzt'n Platz, er schickt alsdann nach 'm Beichtvater, und wie der Knecht, der um den g'schickt war, kaum vors Tor tritt, kommt der Geistliche schon daher und sagt: »Ich weiß's schon, ich weiß's schon, bin schon da!« 's ganze G'sind' hat ihn drauf zum Bauern neingehn g'sehn, und wie er drin war, hat er alle nausg'schickt und hat sich hingesetzt ans Betteck. (Mit erhobener Stimme.) Zur nämlich' Stund' aber, und das hat 's ganz' Ort g'wundert, wo's g'heißen hat, der Pfarrer wär beim reich' Bauer, is der wirklich Pfarrer im Wirtshaus g'sessen und hat mit 'm Bürgermeister und 'm Lehrer kartelt!

Rosl.
Du, Kathrein, hörst!

Kathrein.
Freilich, jetzt kommt's zum Fürchten.

Bader. (für sich).
Dumme G'schichten -

Ferner (schüttelt's, er läßt die beiden Hände glatt am Leibe heruntersinken; da alle auf ihn sehen, blickt er zur Seite).
Macht's nur fort!

Mahm.
Wie die zwei so allein in der Kammer sein und es is so ruhig, daß man die Uhr hat gehn g'hört, da fangt auf einmal der am Betteck, den der reich' Bauer für 'n Beichtvater g'halten hat, an zu fluchen, daß's dem im Bett zum grausen anhebt. Der Bauer hat sich drauf wöll'n bekreuz'n, daß er sein' Beicht' anheb'n kann, er hat's aber nit z'weg'n bracht, ebensowenig hat er Gott und die lieben Heilig'n anrufen könna. Der schwarze Mann aber, wie er das g'sehn hat, hat er g'lacht und g'sagt: »Plag dich nit, Bauer, ich weiß eh alles und besser wie du.« Da hat sich der Bauer sein letzt' Restl Kuraschi z'sammg'nommen und hat g'sagt: »Ich hoff, daß mir alles verzieh'n is, wär ich in der Schuld, lieget nit der Seg'n auf mein' Haus und mein' Hof!« Da lacht der schwarze Mann, daß's 'n Bauer im Bett z'sammbeutelt hat, und hebt sich am Betteck so hoch, daß er an die Tram oben anstoßt; »Bauer«, sagt er, »so is's nit! Du hast mal die Hand zum Himmel aufg'hob'n und hast g'schworen, daß dein' Lug' wahr wär, von da an warst mir verlobt, und der Obere hat dir von der Stund' an nimmer nutzen und schaden könna, und ich hab dir's wohl sein lassen, damit'st dich nur noch mehr verblendst, 's Schlechteste is dir verwilligt word'n, weil ich woll'n hab', daß d' dich auch im Gebet versündigst und kein Weg dich mehr zurückführt zu dem andern, den ich nit nennen kann.«

Ferner (blickt, am ganzen Körper bebend, mit verglasten Augen nach der Erzählerin).
Du verflucht' Erbfeind!

Mahm (wirft ihm einen bösen Blick über die Störung zu und fährt fort).
»Bauer«, sagt der Höllische, »g'hörst mein, mein g'hörst, denn dein ganz Leb'n hast in mein' Diensten zubrachte - Ich war dein Oberer und dein Herr von dem Augenblick, wo du vorm Kreuz die Wahrheit abg'schwor'n hast, bis später, wo ich dir dein sündig Bitten erfüllt hab', denn es steht geschrieben: 'Ich bin der Lügengott und Fürst der Erd'!«

Ferner (entsetzt).
So schaut's aus! (Kleine Pause - rafft sich noch einmal auf, halb wie trotzig.) Dös is doch nur ausdenkt!

Mahm (wie oben).
Alsdann, daß ich sag, wie selb' alles der Bauer merkt, da hat er woll'n sich bekreuzen, aber der Höllische hat g'lacht: »Ich weiß, du möcht'st jetzt a Kreuz schlag'n und dös könnt dich auch derretten, wann d' Hand noch dein wär', aber du Depp, du vergißt, daß die Finger, die d' dabei z'sammfalten müßt', d' Schwurfinger sein, so heb den Arm, wann d' kannst!...«

Ferner (fährt mit wildem Aufschrei empor.)
Franzl!! - Was wißt's ös davon? - Trag ich leicht schon a Zeichen an der Stirn? Was neugiert's nach mir her? Weg! (Wendet sich mit starrem Blick). Was soll's? Aus jedem Winkel verfolgen mich Augen mit verwunderigem G'schau! Was wollt's mir abfragen? - Fort! - Hinaus! - (Indem er sich aufrafft, stößt er den Stuhl um, eine Staubwolke wallt auf, der Stuhl hemmt seinen Fuß.) Haha! Was steigst denn grau aus 'm Boden auf, alter Erbfeind, warum nit in deiner Leiblivree - schwarz, ganz schwarz?! Bin ich dir z' g'ring, oder bist meiner schon so gewiß? - Laß ab von mir! Wann ich's auch g'spür, wie mir deine Faust den Atem verlegt - wann ich's auch g'spür, wie die Ottern sich kalt herauswinden an mir - laß ab - dir laugne ich's - Gott alleinig will ich's g'stehn! Fort! Du mußt hinweg! Meinst, ich könnt mich nimmer bekreuzen? Schau her! (Versucht vergeblich die Rechte zu heben, zugleich fährt er mit der Linken in einem raschen, bebenden Strich über die ganze rechte Seite seines Körpers und stürzt mit dem Aufschrei: Jesus! zu Boden.)

Bader (der zugesprungen ist.)
Rennt's eins hinein ins Ort, sie sollen 's Zügenglöckel läuten!

Ferner (etwas linksseitig sich aufstützend).
Die Crescenz!... (Stirbt.)

(Gruppe - Zwischenvorhang fällt.)

 

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