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Alexis Willibald Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer, unterbrochen von schallendem Gelächter. Ein schärferes Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört, aber die Fenster, die ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden, ließen es nicht zu. Auch der Minister öffnete einen Flügel: »Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore!« »Die Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart«, bemerkte Walter. »Man sprach davon, daß es unter ihren Anhängern einen Skandal geben könne.« Der Minister blickte hinaus. »Ich sehe Uniformen, wenn ich nicht irre, Gendarmen. Der Lärm kommt näher.« Das Gelächter war jetzt mit lebhaften Hussas, Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt. »Etwa noch eine Schlittenfahrt! Daß Gott erbarm, diese Menschen lernen nichts.« Eine Menschenmasse wälzte sich auf die Straße zu, und die klappenden Hacken auf dem Pflaster deuteten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung mußte sein, aber die Verfolgten, wie immer Straßenjungen voran, jauchzten zugleich wie in einem Triumphgesang. »Die Sache wird ernsthafter. Sie möchten sich umsehn, Asten, was es gibt.« Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam eben mit einem Rapport herauf, der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich von der Straße hörte, unterstützt ward. Es war allerdings ein Straßenskandal, doch ernsterer Art. Viele junge Gendarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg spät zurückgekehrt. Der Wein sollte in Strömen geflossen sein. Gläser klangen, zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder der Schick noch der Unzelmann, sondern den Franzosen und Napoleon. Man hatte sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votiert. Beim weiten Wege durch den nächtlichen Tiergarten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Tore ihn noch erhöht. Die Kühnsten vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen worden, ob hier erst oder schon in Charlottenburg, weiß man nicht. Plötzlich war man abgesessen und nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward verschieden erzählt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen und auf den Treppenstufen zum Hotel gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Himmel noch die spärliche Straßenbeleuchtung machten die Übermütigen kenntlich. Aber plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster, von denen man die Läden fortriß, glänzten von so schnell angezündeten Kerzen, daß die Vermutung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von allem, auch von diesem Impromptu Witterung gehabt. Symbol für Symbol. Wir kündigen den Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kündigung an, antwortete der Lichterschein. Übrigens blieb es totenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an den Fenstern. Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen Manifestation zurückgesprungen und hüllten sich in ihre Mäntel. Nur einige jüngere, in denen der Wein glühte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch die Akklamationen des Straßenpublikums, das sich in immer dichteren Scharen sammelte, noch mehr entzündet. Aber während ihre geschwungenen Pallasche funkelten, vernahmen andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide klirrende Säbel. War auch hier ein Verrat, eine Denunziation, eine geheime Sympathie im Spiele? Die Tatsache war, im Gouvernementsgebäude mußte der Feldmarschall Möllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Täter zu ergreifen. Der Lärm wuchs. Die sympathisierenden Zuschauer bildeten noch einen Wall gegen die andringende Polizeimacht. Unter den besonnenen Teilnehmern an dem Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie für ihre Person sich ins Dunkel salvieren und die jüngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem Schicksal überlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu teilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren näher als denen der Jugend, war der Entschluß schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der Bäume, wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft, sprang er plötzlich zurück, umfaßte einen jüngern Offizier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im Fenster des Erdgeschosses berührte in welcher Absicht, wußte der junge Mensch nachher selbst nicht und mit den Worten: »Fritz, bist du toll?« schleuderte oder riß der starke Mann ihn zurück. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht als Landesverrat gelten mußten, der Rittmeister küßte sie ihm von den Lippen: »Ja, Fritz, wenn's losgeht, schlagen wir ihn miteinander tot. Du nicht allein, Fritz, Respekt, ich bin dein Onkel, dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt, Order pariert! Mäuschenstill!« Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen und um die Schultern des Neffen geknüpft. Der Neffe parierte auch, er schulterte, ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. »Platz! Platz« riefen die Polizeimänner. »Retten Sie sich!« riefen viele Stimmen aus den Gruppen; die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern, deren Übermut so oft doch ihre lauten Äußerungen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen, und ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefaßt und ins Gedränge geführt. Er war gerettet, aber sein Retter in der leuchtenden Uniform, den blanken Degen in der Hand! »Da steht er!« rief der Kommandierende der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern gesehen mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. »Platz! Platz!« Der Platz aber war grade das, was fehlte, und wo er noch war, trat die hilfreiche Straßenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu necken, und wir verschwören nicht, daß sie der Patrouille falsche Weisung gab, um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken. Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Manne unter den Arm gefaßt und fortgerissen. »Eilen Sie, schnell dort um die Ecke!« rief eine ihm nicht unbekannte Stimme. Als sie um die Ecke waren und der Offizier einen Augenblick Atem schöpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst vergolten hatte; es überkamen ihn aber andre Empfindungen als die des Dankgefühls, indem er den Schweiß von der Stirn wischte. »Ein Offizier darf doch nicht Reißaus nehmen!« »Nicht vor dem Feinde«, entgegnete Walter, »aber vor einem Skandal. Schnell fort, bester Herr von Dohleneck.« Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht soviel als sein Neffe, doch auch viel des süßen Weines getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft: »Stehen oder fallen!« »Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.« Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich an einen Brunnen. »Das ist ja eine verfluchte Geschichte « »Die noch übler werden kann. Eine Verhöhnung des Gesandten, eine Verletzung des Völkerrechtes. Um Gottes willen, kommen Sie, schnell weiter. Werfen Sie den Degen fort!« »Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen! Wer sagt das!« »Es ist ja nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestörer aus der Hand rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. Ich will's bezeugen, wenn's zum Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen nicht gewetzt. Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es könnte sehr schlimm werden, außerordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.« Der Herr von Dohleneck hatte den eisernen Schwengel des Brunnens mit dem Arm umfaßt, in dessen Hand der blanke Degen hing, während er mit der andern sich wie ein Irrer immerfort über die Stirn strich. Ein Meer von Gedanken mochte auftauchen; oder versenkte sich sein Sinn in den Kessel des Brunnens, und stieg in ihm der begreifliche Wunsch auf, daß die kühlen Quellwasser ihn und seine Gedanken überrieselten! »Hol mich der und jener, das ist grade eine Geschichte wie damals bei der Schlittenfahrt « »Schlimmer«, drängte Walter; »damals profanierten Sie Luther, der es Ihnen gewiß vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergibt, nicht Ihnen, nicht uns, nicht dem Könige.« »Der König auch nicht!« rief der Rittmeister. »Ach Gott, ich bin ja Katharina von Bora.« »Besinnen Sie sich.« »Nein richtig ich war nur ihr Kammermädchen. Das ist alles eins. Wenn er's erfährt, bin ich kassiert.« »Teuerster Herr von Dohleneck, ich wünschte, die Weihe der Kraft überkäme Sie und Sie beschleunigten Ihre Schritte.« Dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Haustür sich öffne, in die er seinen Begleiter schieben könnte. Aber es war eine ruhige Straße, man hatte mit der Bürgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern blickten Neugierige heraus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berüchtigte Schlittenfahrt der Gendarmenoffiziere, in der sie Luther, Katharina von Bora und deren Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt, ein Ereignis, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmütigsten König aufs empfindlichste gereizt: sein eigener Wille war diesmal durchgedrungen, und wenn die Täter auch nicht so gestraft wurden, wie er für angemessen hielt, wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereignis, was noch mehr überraschte, noch mehr von sich sprechen machte als der tolle Streich selbst. Es brauchte nicht der Erklärung, die man versucht hatte, daß dieser oder jener Minister oder ihre Frauen eine Pike gegen einen oder den andern der Offiziere gehabt, es war der religiöse Sinn des Monarchen, der die Profanationen rächte. Man wußte auch schon, daß er derartige Kränkungen nicht vergaß, und die, welche damals der Strafe entgangen waren, blieben doch in seinem vortrefflichen Gedächtnis notiert. Alles das wußte der Rittmeister von Dohleneck; oder vielmehr, es trat jetzt vor seine Seele, wie ein Zauberkünstler auf schwarzem Grunde plötzlich die bunten Bilder der Erinnerung vor dem Auge aufrollen läßt. Der Wein, der zur Taube, zum Tiger, zum Bären verwandelt, war der Magier. Es war in dem Rittmeister alles klar. Aber es stand keine Träne in seinem Auge, er sprang nicht auf zu einem wilden Satze, er brummte auch nicht mit geschlossenen Zähnen. Der Wein übt noch eine vierte Macht, er senkt die süße Schwermut über die Seele eines Opfers, die Schwermut, welche auch über den Glücklichen wie ein feuchter Nebel sich lagert, Balsam der heißen Brust. Der Rittmeister von Dohleneck wollte einmal Philosophie studieren. Wir zweifeln, daß er den Vorsatz ausgeführt hat, aber in seiner Brust mußte sich etwas von dem Stoizismus regen, der in großen Katastrophen den Schwachen stark, den Gedankenlosen zum Denker macht. Er blieb plötzlich auf dem Damme stehen, unbekümmert um den bekümmerten Blick, den Walter nach dem andern Ende der Straße richtete. Auch von hier kam eine Patrouille ihnen entgegen. Er drückte die freie Hand an die Brust: »Wozu strampeln gegen das, was man nicht ändert! Das Fatum! Nun weiß ich's. Ob's der Teufel ist, das weiß ich nicht, aber es ist was, worüber ein ehrlicher Kerl nicht weg kann. Man möchte nicht, aber es packt einen Schulden, Liebe, Skandale der Strick sitzt fest, eh man ihn merkt, und nun will ich hängen. Ein Stier von Dohleneck flieht nicht. Mögen sie mich fangen und braten, hier bin ich. 's ist nun mal so.« »Aber wollen Sie auf die Festung, derweil Ihre Kameraden die Franzosen schlagen? Rittmeister von Dohleneck, jetzt sich gefangen geben, jetzt sich kassieren lassen, wo der Krieg vor der Tür steht Sie haben ihn erklärt jetzt, jetzt, bedenken Sie, Ihre Offiziersehre steht auf dem Spiel jetzt ist es Ihre Pflicht und Schuldigkeit, Sie müssen sich Ihrer Ehre, dem Staate retten Sie müssen « Dohleneck schien es einzusehen das Fatum hatte ihn wieder umgeworfen. Er mußte sich retten aber wie? Da rollte eine Equipage vorüber, von links und rechts, von beiden Seiten der Straße zeigten sich berittene Piketts. Das »Halt!«, welches Walter dem Kutscher zurief, hatte eine glückliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er den Kutschenschlag aufgerissen. Es saß nur eine Dame darin. Walter rief hinein: »Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten zu retten. Kein Widerspruch, kein Laut!« Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls, ihm nicht ganz nachkam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin Eitelbach erschräke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie auf: »Herr Jesus, was ist das!« Das folgende: »Er bringt mich um!« erstickte aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Offiziers unter einem schweren Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: »Ich kann nicht dafür!« Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann, der auf den Rücksitz halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die Baronin fing ihn auf; er warf scharf natürlich, er war gewetzt, und an den Sandsteinstufen des französischen Gesandten! und sie verwundete ihre Finger. Nach, Hause das schicken wir hier vorauf kam sie, die Hand umwunden mit ihrem Batisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den Chirurg gespielt, darüber schweigen unsere beglaubigten Nachrichten, Das war der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen und dem Kutscher zugerufen: »Nun zugefahren, was das Zeug hält!« Der Kutscher gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl, und der Wagen kam unangefochten durch das Polizeipikett. Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon. Das Husarenpikett, welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu machen, ihm nachzusetzen. Der Kommandierende, welcher unsern Freund zu kennen schien, salutierte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel, um die Frage einzuleiten, ob nicht ein Militär in die Kutsche gesprungen sei. »Der Schlag ward geöffnet«, entgegnete Walter, »und die darin sitzende Dame nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf« »Ein Offizier mit blankem Degen?« »Der Degen, wenn ich recht verstand, war mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen.« »Kornett Wolfskehl«, rief der eine Husarenoffizier. »Sagt ich's nicht!« »Ich lasse mich nicht täuschen«, erwiderte der Kommandierende, »das war Dohlenecks Statur. Sie müssen ihn ja kennen, Herr van Asten?« »Sollte der Rittmeister so jugendlicher Tollheit zugänglich sein! Es war zu dunkel. Aber, meine Herren, da entsinne ich mich ja, der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine Lomberpartie eingeladen, Exzellenz Blüchers wegen. War Lombard oder Herr Crelinger der vierte, darüber bin ich nicht recht gewiß, aber warten Sie es wird mir gleich einfallen « Der Kommandierende lächelte: »Wir danken für den Avis.« »Kornett Wolfskehl wird wohl zu fangen sein«, meinte der zweite. Die Husaren sprengten ihrer voraufgeeilten Patrouille nach.
Wir verschwören nicht, daß in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär
nicht die wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu
lassen.
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