literatur pinselpark    


  Home
Zum Autor
Sitemap/Inhalt
Vorherige Seite
   
  Suche /Wörterbuch
Forum
Mail
Seite weiterempfehlen

Drucken
Disclaimer
Wichtige Downloads

 

Alexis Willibald

Viertes Buch, Siebzehntes Kapitel.
Ein volles Bekenntnis.

Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend vieles ereignet, von dem wir nicht Zeuge waren; es drückte sich auf den Physiognomien ab. Adelheid war heut beim Teetisch eine Hebe; sie ging nicht, sie schwebte. Sie schien fortwährend zu singen. Man hörte es nicht, aber man fühlte es. Ihr Gesicht hatte einen andern Ausdruck.

Der Legationsrat bemerkte es gegen die Fürstin.

»Ei!« sagte die Gargazin mit einem besondern Blick. »Ich glaubte, dafür hätten Sie keine Augen?«

»Für die Schönheit!«

»Nur für die, welche Sie zergliedern können. Adelheid gibt das den Reiz, was Sie nicht lieben, die Harmonie der Seligkeit.«

»Ein Nebelbild!«

Wandel blickte dabei scharf, aber ruhig auf Louis Bovillard, der, in sich versunken, im Fauteuil saß, und die Teetasse mit einem verstohlenen Kuß auf die Hand hinnahm, welche sie ihm reichte. Die beiden hätten das Gespräch kaum gehört, auch wenn es laut geführt worden. Wer sich aber wundert, den Legationsrat auch in dem kleinen Kreise zu erblicken, in dem Louis Bovillard ihm gegenübersitzt, dem sagen wir, daß in der Stadt ein Gerücht umlief, daß zwei Kavaliere neulich in der Jungfernheide ihre Pistolen versucht; es sei kein Blut geflossen, aber einige dürre Zweige wären abgefallen. Was ging Louis der Legationsrat noch an; auch der Legationsrat hatte an anderes zu denken. Er war heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen, nachdem die Familie aus dem Tiergarten zurückgekehrt.

»Was geht Sie das an!« replizierte die Fürstin, ihre Stickerei wieder vornehmend.

»Alles Leben ist ein Traum!« rief der Legationsrat nach einer Pause.

Die Fürstin hielt die Nadel an: »Fallen Sie nicht aus der Rolle, Herr von Wandel?«

»Welcher?«

»Die Sie die Güte haben, vor sich selbst aufzuführen. Apropos, ich bemerke, Sie fangen an, wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen. Das ist für Berlin zu spät, man kennt Sie einmal als Gutschmecker. Sparen Sie sich die Rolle des Saint-Germain für Sibirien. Sie können sich dort mit einem Schamanenzauberer assoziieren. Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen Inkarnation nach Europa zurück.«

Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei. Sie stieß halb mutwillig seine Hand fort.

»Mir ist immer bange, wenn Sie etwas anfassen, daß die Farbe ausgeht. Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur an der Hand kleben?«

»Erlaucht vergessen, daß die Chemie die schönsten Farbestoffe präpariert.«

»Bis sie nicht die Schminke erfindet, die einen Toten lebendig macht, geb ich nichts auf Ihre Wissenschaft.«

»Sie fordern zuviel. Den Schein des Lebens herzustellen gilt doch für das höchste –«

»Was sie geleistet hat«, fiel die Fürstin ein, »und eben darum hasse ich sie. Eine scheinbare Tugend, ein scheinbarer Reichtum, ein anscheinend blühender Staat und alles übertünchte Gräber – durch Ihre Chemie. – Was fixieren Sie Adelheids Freund?«

Wandel senkte die Augen – »Hippokratische Züge.«

»Qu'importe! Schmeckt der Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süß, weil sie nur ein Schmetterlingsleben führen?«

»Der Schmetterling weiß freilich nicht, wie lang sein Lebensfaden ihm zugemessen ist, aber« – der Legationsrat beugte sich näher der Fürstin –, »aber, ich kann Ihnen nicht verhehlen, man begreift meine erlauchte Freundin nicht. Sie begünstigen das Verhältnis und tun nichts, ihm eine Zukunft zu sichern.« – »Was heißt Zukunft?«

»Der alte Bovillard stellt sich auf die Hinterfüße. Seit er die Flasche alten Weins, die seinen provenzalischen Adel enthält, entkorkt, ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen. Er will nichts für seinen Sohn tun. Mamsell Alltags Vater ist ebenso närrisch von seiner neuen Würde benommen. Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den jungen Wüstling. Wenn niemand etwas für sie tut! Verschaffen Erlaucht ihm bei Ihrer Legation eine Stellung, und er – ich meine, er ist vernünftig genug geworden, um zu wissen, was der Begriff Vaterland wert ist.«

»Haben Sie für nichts anderes zu sorgen?« sagte die Fürstin, wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Der Legationsrat griff gedankenlos nach dem Hut. Es kam zwischen Seufzen und Gähnen heraus: »Wenn man nur nicht soviel Gefälligkeiten übernommen hätte!«

»Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte!« fiel die Gargazin ein.

»Spotten Sie nur! Mir wird der Kopf zuweilen wüst.«

»Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand.«

»Die larmoyante Liebelei des Rittmeisters und der Baronin ennuyiert die Freunde.«

»Les Georges Dandins l'ont voulu.«

»Nun soll ich die Platoniker wieder auseinanderbringen oder vielmehr aneinander. Man wünscht ein Gezänk, wobei sie sich in die Haare gerieten, einen Eklat, einen coup de main, eine Pulverexplosion.«

»Ich auch«, sagte die Fürstin. »Die Luft wird unerträglich schwer.«

»Der Mann, der Baron, ist zu gar nichts zu gebrauchen. Das ist das Schlimme.«

»Die Baronin scheinen Sie seit einiger Zeit wirklich in Affektion genommen zu haben.«

»Ich?«

»Pardon! Ich vergaß, daß Sie keine Affektionen haben. Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus?«

»Die unglückliche Frau bedarf des Trostes.«

»Der Mann wohl nicht?«

»Er ist in Momenten so glücklich. Er kann sich über das Geringste, was seinen Phantasien schmeichelt, wie ein Kind freuen. Ein alter Einband, eine neue Lesart, die er entdeckt zu haben glaubt. Auch meine erlauchte Freundin würde ihre Lust daran haben, denn man kann sagen, es schwebt gewissermaßen schon die Glorie der Erlösung um seine Stirn. Lange wird er es nicht machen. Da ist es denn Pflicht seiner Freunde, was sie vermögen, die letzten Augenblicke ihm zu versüßen.«

»Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein. Nehmen Sie sich in acht.«

»Die Geheimrätin ist zu eifrig in ihrer Pflege, zu exzentrisch, um immer die gehörige Vorsicht zu beobachten. Sie erinnern sich, bei dem Jean-Paul-Feste, wie Adelheid beinahe verbrannt wäre.«

Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin. »Es ist etwas eigenes, das Kapitel von Sympathien und Antipathien.«

»Von den Sympathien haben wir das corpus delicti vor uns«, lächelte Wandel, auf das Liebespaar blickend.

»Aber die Antipathien haben etwas Monströses«, sagte die Gargazin, »weil wir sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen. Gibt es einen Gegensatz zum Magnet, einen Stein, der abstößt?«

»Feuer und Wasser mischen sich nicht.«

»Das ist es nicht, was ich meine. Das eine löscht doch, das andere durchglüht das andere. Aber wer erklärt diese innere Seelen- und Körperangst, die ein vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet, den angebornen Widerwillen, den geheimen Schauder, wo gar kein vernünftiger Grund da ist?«

»Doch vielleicht der Kitzel zu Paradoxien! Das häßlich zu finden, was andere entzückt, fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf, der gerade begabten Naturen eigen ist.«

»Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen?«

Wandel schien etwas betroffen. Er wollte von dem Unglück sprechen, von geheimen Feinden verredet zu werden, wo ein Ehrenmann sich nicht verteidigen kann, weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb. Das war es nicht, was die Fürstin meinte.

»Warum hat Louis' Vater einen angeborenen Widerwillen gegen die Lupinus? Ich weiß, er hat diese Antipathie. Er kann sie weder sich noch andern erklären. Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben, unzertrennbar von unsrer Persönlichkeit, wie wir von unserm Schatten. Was ist das nun? Ich, von meinem Standpunkte, könnte es mir deuten; aber ich wünschte Ihre Ansicht zu kennen. Sie Rationalist, Ihre Wissenschaft muß wenigstens vor sich selbst alles zurechtlegen können, was in der Natur erscheint.«

Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstoßenden Kräften, von den Stoffen, die als Wäremeableiter dienen, er ging zur Elektrizität über und stand beim Blitzableiter, ohne daß wir wissen, wie weit er sich in die Wolken, und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte, als ihn die Fürstin abermals unterbrach. Möglich, daß er nicht ohne Absicht in die Doktrin sich verlor, weil er wußte, daß die Fürstin nie aufgelegt war, Vorlesungen anzuhören, und er in dem Augenblicke noch weniger, sie zu halten.

»Warum ist sie auch mir zuwider?«

»Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel, pflegte man zu sagen. Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein, wo die eine unterging.«

»Wenn ich Ihnen auch zugestände, daß ein solches Gefühl einmal da war, das ist es nicht. Es ist etwas anderes. Ich kann mit ihr Komödie spielen, aber nachher überfröstelt es mich, wie jemand zumute sein muß, der erfährt, daß er mit einem von der Pest infizierten Hände geschüttelt. Nach jenem letzten Abend erschien sie mir im Traum. Ihre kostbaren Kleider fielen in Lumpen, eines nach dem andern, ihr vom Leibe. Ich schrie auf, ich floh vor dem scheußlichen Gerippe. Ich war plötzlich aus dem Bette, und es stand noch immer vor mir, ja, es dauerte eine Weile, als ich schon die Augen mit Gewalt aufgerissen hatte, bis es in den Boden versank. Was ist das? Erklären Sie's mir.«

»Vielleicht die polarische Attraktionskraft der Gegensätze. Wir träumen des Gegenteil von dem, was wir fühlten, dachten, erlebten, liebten. Das ist der Inhalt der Traumbücher. Die Geheimrätin ist immer sehr gewählt gekleidet, sie spricht und denkt ebenso, alles Rohe und Nackte überkleidend.«

»Darum schien sie mir roh, nackt, scheußlich. – Wandel, ich möchte Sie einmal im Traum sehen.«

Der Haushofmeister war schon eine Weile nähergetreten, als er sich jetzt über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte. Die Fürstin ließ die Arbeit sinken, sie stützte den Kopf im Arm. Die verbissenen Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht. Der Haushofmeister flüsterte sie auch dem Legationsrat zu: »Er ist eben verschieden!« – »Le pauvre diable!« sprach Wandel, die Achseln zuckend. »Hat er noch viel gelitten? Ich meine, hat er noch wie neulich phantasiert?« – »Er warf sich noch einige Male unruhig, kreuzte sich, wiederholte den Namen der Fürstin, japste ein paarmal auf, als wollte er etwas sagen. Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder!« hatte der Haushofmeister erwidert.

»Warum mußte auch jetzt grade diese Störung kommen?« sagte der Legationsrat und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin.

»Wissen Sie, teuerste Freundin, mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft.«

Sie blickte verwundert zu ihm auf

»Ihre beredte Verteidigung hat mich allerdings von der Naturnotwendigkeit des Instituts überzeugt. Ich erkenne, welche unaussprechliche Wohltat sie für diese Geschöpfe, Familien, ja diese ganzen Völkerschaften ist, die sich über ihre Naturdumpfheit nicht erheben mögen. Ja, es ist ein berauschendes Gefühl für die von Gott dazu Erwählten, für diese Armen, Verlassenen, Urteilsunfähigen ihr alles zu sein, Vater, Mutter und Vormund, für sie zu fühlen und zu denken, die Sorge für unser eigen Wohl hintanzusetzen, um für Hunderte und Tausende von Seelen zu sorgen, welche die Vorsehung in unsre Hand legte. Von dieser Seite erscheint auch mir die Institution eine wunderbare, heilsame, aber der Exzeß der Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches.«

Sie verstand ihn nicht.

»Was hat diesem Menschen den Tod gebracht, nachdem er in der Genesung so fortgeschritten, der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen, als die Angst, Gewissensbisse kann man sagen, daß er so lange nutzlos liegen mußte, ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können. Wie durchzuckte es ihn, als er hörte, daß Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher interimistisch angenommen. Er biß sich in die Lippen und ballte die Hand, daß ein anderer, ein Fremder, seine geliebte Herrin fahren sollte. Wir verbargen es Ihnen, er sprang nachher heimlich auf, kleidete sich an, und war schon auf dem Wege nach dem Stall. Wir kamen noch zur rechten Zeit. Als man ihn wieder ins Bett brachte, überfiel ihn der Paroxysmus; er phantasierte nur von Peitsche und Pferden, er umklammerte seine Kopfkissen, wie man einen erwürgt, und nannte es Christian. Nenne man es Eifersucht, Brotneid, es war etwas Edleres, meine ich, aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf. Es tut mir leid, von einem Toten es zu sagen, aber der Mensch hat sich selbst umgebracht. Ein Selbstmord aus Pflichtgefühl. Diese Exzesse des Gefühls, Sie mögen mich darum tadeln, aber ich kann sie nicht gutheißen. Etwas Egoismus ist jeder Kreatur notwendig, oder sie hört auf zu existieren. Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst schuldig.«

Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu. Es gibt Momente, wo ein Kluger von einer groben, handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist, als von einer feinen, die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu schmeicheln sucht. Ihr zweiter Blick war auf die andern gerichtet; aber sie waren schon verschwunden. Es war ihr lieb. »Adelheid darf nichts davon erfahren«, sprach sie, zum Haushofmeister sich umwendend.

»Sie sind nun ganz d'accord, wie Sie es wünschen?« warf der Legationsrat hin.

»Heut im Tiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen.«

»Welche?«

»Die Affektion für ihren Lehrer. Sie haben recht, Wandel, es gibt auch Exzesse einer geistigen Leibeigenschaft.«

»Ich hielt diese für überwunden seit jenem Abend.«

»Das Bekenntnis der Liebe stöhnte noch immer unter den Fußklammern des Gewissens. Was der Mensch sich selbst quälen kann! Sie hat ihm bekannt, wen sie um seinetwillen geopfert, das hat einige Tränen, Schluchzen, platonische Herzschläge verursacht, denn die Rivalen waren Freunde, aber sie sind auf gutem Wege.«

Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage, welche die Fürstin verstand.

»Wollen Sie mit mir – den guten Pawlowitsch sehen?« fragte die Fürstin den Legationsrat.

Wandel schien ungewiß, welche Antwort sie erwartete: »Man hat es der Geheimrätin Lupinus verdacht, daß sie die Leiche ihres Dieners wie die eines Familiengliedes pflegte und schmückte. Es ist hierorts nicht Sitte.«

»Man muß sich in die des Ortes fügen«, sagte befriedigt und laut die Fürstin und richtete den Blick nach oben. »Ich werde den treuen Pawlowitsch noch oft sehen. Der irdischen Qualen enthoben, schwebt sein verklärter Geist in die Räume des Lichtes. Ob es da Hohe und Niedere, ob Herren und Leibeigene gibt, ob wir alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen, die nichts Gesondertes duldet, alle Akkorde in dem großen Halleluja, Glockentöne in der ewigen Harmonie!«

Sie sprach es, sich selbst anregend, mit silberreiner Stimme. Aus dem andern Zimmer respondierte das Klavier, in Phantasien, die der Stimmung entsprachen; ein ernster Grundton wie das Wogen des Meeres, aber wie Schaumwellen spritzte die Freude dann und wann auf. Es war Adelheid.

Wandel hatte, um der Stimmung auch zu entsprechen, die Hände vor sich gefaltet. Als die Fürstin es bemerkte, trat sie an ihn und riß seinen Arm zurück. »Das sollen Sie nicht. Sie können gehen.«

Er schien einen andern Befehl erwartet zu haben, aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie: »Gute Nacht, Herr von Wandel, ich will im Thomas a Kempis lesen. Die Lektüre interessiert Sie nicht.«

zurück

Inhalt

vor