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Alexis Willibald Das Spiel war zu Ende. Die Geheimrätin hatte allein gewonnen, und bedeutend. Sie war gesprächig, sehr liebenswürdig gewesen. Jetzt sah sie neben sich nur verdrießliche Gesichter. Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb, legte man es ihr als Freude über den Gewinst aus, den die andern Mitspieler berechneten. Sie war rasch aufgestanden, um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen. Es war hoch gespielt worden. Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren. Er zankte sich mit seinem Visavis um einige Points. Die Wechselreden wurden so anzüglich, daß die Baronin Eitelbach die Herren bitten mußte, sich zu menagieren. Der Kammerherr warf dem andern einen maliziösen Blick zu, den jener, den Stuhl heftig fortrückend, durch ein Murmeln erwiderte: wer krumm ginge, könne auch nur krumm handeln. Der Kammerherr gehörte zu denen, welche das Glück haben, zuweilen taub zu sein. Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet: »Mehr habe ich nicht; mein Mann muß zahlen.« »Das geht immer so, wer Glück in der Liebe hat«, sagte der Baron, verdrießlich die lange Börse ziehend. »Ich verbitte mit alle Gemeinplätze«, hatte sie erwidert. Er wollte nicht glauben, daß sie soviel verloren haben könnte, als sie angab, sie warf ihm den Bêtezettel hin, er rechnete, wollte zanken, es war aber niemand mehr da, mit dem er zanken konnte. Indem er die Geldstücke hinwarf, zischelte er der Baronin etwas ins Ohr. Sein Auge begleitete dabei den Rittmeister. Sie ward hochrot, stand rasch auf und warf ihm mit einer Replik einen verächtlichen Blick zu, um ihm darauf den Rücken zu kehren. Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung. Überhaupt schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie, welche vorhin geherrscht, etwas zerrissen. Ein erwarteter Gast war noch nicht da. Der Duft der Speisen drang schon verlockend aus den Souterrains, aber es sollte noch gewartet werden; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen. Einigen Herren schien dies sehr unangenehm. Man fragte, ob er denn überhaupt kommen werde? Jemand meinte, die Anwesenheit des Geheimrats Lupinus dürfte seine Hoheit schwerlich locken. Ein besternter Gast entgegnete lächelnd: »Das würde wohl nicht der einzige Gegenstand sein, der einem königlichen Prinzen hier nicht lockend vorkäme. Man muß gestehen, wenn man die Société überfliegt, daß unsere gute Prinzessin mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat.« »Sie liebt die Quodlibets, aber das Kostüm ist gewählt«, sagte die Almedingen. Herr von Fuchsius spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit dem zweiten Lupinus an. Die Hofdame hatte davon reden gehört, sie wußte auch, daß man bei Hofe schokiert gewesen, sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren können und war so begierig wie der Besternte, es zu erfahren. Man zog sich in eine Fensternische zurück. »Eine der Pläsanterien Lombards, die gar nichts auf sich gehabt hätten, wenn nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf, die unter einem entsetzlichen Eklat platzte. Ihnen ist bekannt, daß Seine Königliche Hoheit Lust bekamen, sich in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen.« »Was er nur in all den Gesellschaften sucht!« sagte die Almedingen. »Man sagt, den Geist, den er an einem andern Ort nicht finden kann. Ob es ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt, laß ich auf sich beruhen. Die Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt, in dem noch niemand durchfiel. Nur eine schwarze Kugel war in der Urne, die sich seltsamerweise bei jeder Aufnahme findet. Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber und äußerte, er möchte wohl den kennen, der ihn aus der geehrten Gesellschaft hinausballotieren wolle. Lombard, der bei sehr guter Laune war, ärgerte sich gerade über den Geheimrat, der zu eifrig eine farcierte Fasanenbrust tranchierte, auf die er vielleicht selbst reflektiert hatte. Er flüsterte mit ernsthafter Miene, die Augen auf Lupinus gerichtet, dem Prinzen etwas ins Ohr, und, die Achseln zuckend, schloß er halblaut: Er ist sonst ein braver Mann, man begreift nicht, wie er dazu gekommen ist. Der Prinz starrte lachend den Regenten der Vogtei an, und wenn er es nicht selbst bemerkt, so flüsterten seine Nachbarn es ihm ins Ohr. Nun hätten Sie den unglücklichen Geheimrat sehen sollen. Ein Schauspiel für Götter, wie er auffuhr, Messer und Gabel fallen ließ, kreideweiß, der Stuhl hinter ihm fiel nieder. Man kann buchstäblich sagen, die Augen gingen ihm über, und die Stimme versagte ihm. Er wehte sich mit den Händen Luft zu. Endlich brach es los. Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen, sah er alle Augen auf sich gerichtet, und der Prinz hatte die Grausamkeit, mit dem Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren. Nun, meine Damen und Herren, die Beredsamkeit des Geheimrates Lupinus mögen Sie sich denken. Nachdem er die Wolken der unerhörten, fürchterlichen Verleumdung zu zerstreuen gesucht, kam er auf sein teures Ich zu sprechen, natürlich französisch, welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das königliche Haus sich gesäugt. Nach vielen Endlich Aber Rückfällen Wiederholungen geriet er in eine Art dithyrambischen Schwunges, und aus der Kehle oder der Brust kam ein Lobgesang auf das königliche Blut, das so rein und heilig, wie es im Herzen pulst, durch alle Glieder fließe, daß jeder Tropfen davon reiner sei als der Purpur des Morgenrotes. Alle sahen auf den Prinzen, der bis da mit unveränderter Miene den Mann angeschaut er mochte eine Viertelstunde gesalbadert haben als er rasch aufstand, das gefüllte Glas in die Hand nahm und die Lippen öffnete. Ringsum gespannte, bange Erwartung. Mais riefen Seine Königliche Hoheit, eine kleine Pause c'est assez! Kein Wort weiter. Sie stürzten das Glas runter, stampften es auf den Tisch und konversierten mit ihrem Nachbar weiter über die Trüffelpastete.« Der Besternte, einem fremden Hofe angehörig, schwellte sichtlich von einem innern Behagen, das er zu verbergen sich Mühe gab, während die Hofdame erblaßt war: »Entsetzlich! Und ?« »In der Gesellschaft war eine Totenstille, jeder sah auf seinen Teller.« »Und der unglückliche Prinz?« »Aß mit großem Appetit. Vielleicht dachte er nach, ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls wert war. Lupinus saß, was man in Berlin sagt, wie übergossen. Er ließ alle Schüsseln vorübergehn.« »Unglaublich!« riefen beide Zuhörer, jeder dachte etwas andres. »Daß solch ein Mensch sich nicht vernichtet fühlt«, sagte die Almedingen. »Weshalb, meine Gnädigste?« »Weil er die Ursach war, daß ein Prinz von Geblüt sich selbst vergaß. Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte, ich wüßte doch nichts anders, als daß ich mir das Leben nehmen müßte.« »Die Gewissen sind verschieden«, entgegnete Fuchsius. »Das ist eine wunderbare Gabe Gottes. Herr Lupinus gehört zu der großen Klasse Menschen, die man wie die Frösche mit Keulen in den Sumpf stampfen mag, sie stecken die Köpfe doch wieder raus.« Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger, dem Gespräche zuzuhören. Als sie gegangen, sagte der Besternte: »Mich dünkt, zu dieser Klasse gehört die Majorität der Menschen.« Der Regierungsrat erwiderte: »Wenigstens, wenn die Keulenschläge, die sie täglich empfangen, sie zur Besinnung ihres Unwerts brächten, wäre die Welt eine andere, als sie ist.« Die Nachricht lief um, der Prinz werde gar nicht kommen. Es seien Depeschen vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen, darauf er zu Hofe berufen. »Und sie läßt noch nicht servieren!« seufzte ein Präsident, die Uhrkette ziehend. Die noch nicht servieren ließ, hatte währenddessen die Goldstücke vom Spieltisch eingesammelt und, nachdem sie dieselben in Papier gewickelt, in den Pompadour der Geheimrätin gleiten lassen. »Wollen Sie mich bestechen?« »Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen, daß Sie meinen Abend durch Ihre Heiterkeit geschmückt.« »Ich bin schon belohnt durch den Genuß, den mir Ihre Pikturen gewähren. Von wem ist dieser verlorne Sohn?« »Von einem Spanier. Ein Ribera, sagt man; einige wollen gar von Murillo. Betrachten Sie diese Schwielenhaut, diese Kruste von Schmutz, man sieht ordentlich die verschiedenen Lager, auf denen er sich gewälzt.« »Ich bewundere nur das Gesicht. Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung, aber wie glüht das Auge!« »Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand.« »Wie blaß, bemerken Sie, Erlaucht, bei dieser Beleuchtung. Ich möchte eher an den jungen Bovillard erinnert werden.« »In der Tat. Die schwarzen Brauen, auch im Kinn. Warum ist diese herrliche Parabel nicht weitergeführt! Wir sehen nur die Vaterfreude. Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlornen entgegenbreitete, wieviel rührender wäre die Geschichte.« »Sie könnte auch aus Verzweiflung verloren, vielleicht die Magdalene selbst geworden sein.« »Das ist eine geistreiche Kombination, ein genialer Gedanke!« »Da hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen. Wenn man die zwei Rahmstücke ausschnitte, wäre es ein Bild. Dieselbe Größe, dieselbe Färbung.« »Überraschend! Worauf Sie mich aufmerksam machen!« »Erlaucht haben viele Magdalenenbilder! Wohin ich sehe « »Hier Battoni, da Correggio; da ist auch ein Murillo den liebe ich weniger dort ein Carlo Dolce, ein van der Werff, Guido Reni. Von geschickten Malern kopiert; ich gab ihnen meist selbst Anleitung.« »Seltsam«, sagte die Geheimrätin, »ich erinnere mich keiner Magdalene von Raffael.« »Der divino maestro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben! Für mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes. Leben wir nicht alle der Erde näher, keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit, atmet die Nelke nicht ihre Würze, fühlt unsre Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt vom Duft der Nachtschatten! Die Marien bewundern, die Magdalenen begreifen wir. Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt, müßte es, dünkt mich, die Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein; wenn die heilige Magdalene ihn sanft um uns schlingt, oh, wie anders, wie gern würden wir uns von ihr heben lassen, schweben durch die Wolken, die sich öffnen, denn sie flüstert uns Balsamworte zu: auch ich kannte deine Schmerzen und deine Wonnen. »Raffael sucht, gnädigste Frau, neben dem Ideal der Schönheit immer auch die Naturwahrheit; nun will man in diesen reizenden Magdalenen « »Oh, ich kenne diese Kritik«, unterbrach die Gargazin. »Um der Wirklichkeit zu genügen, die sie Wahrheit nennen, soll man die Magdalenen mit blassen Lippen, abgehärmten Wangen und erloschenen Augen malen. Das wird ein büßendes Weib, aber keine Heilige, die schon den Vorschmack der himmlischen Wonnen empfindet. Nein, eine Magdalene, die zur himmlischen Glorie sich aufschwingt, sie ist keine heruntergekommene Dirne aus den Kloaken irdischer Gemeinheit, sie muß, indem ihr Auge die Himmelswonnen kostet, was ihr dort geboten wird, noch mit dem vergleichen können, was sie zurückläßt. Dies schöne Haar, die reizende Figur, die süße Lippe und der wogende Busen, dies alles, was wir sehen und was entzückt, muß auch ihr noch gefallen, sie muß sich mit Schmerzen davon trennen, und doch gibt sie es mit Vergnügen hin für die Schönheit und Wonne, die sie nur sieht. So denke ich sie mir wie einen Geist, der, schon frei im Ätherlichte emporschwebend, noch einmal in die verlassene Hülle zurückgekehrt ist, um, nach des Dichters Worten, noch einmal mitzufühlen Schmerz und Qual.« »Ich könnte sie mir anders denken«, sagte die Lupinus, vor sich hinblickend. »Doch das gehört nicht her.« »Jede neue Anschauung ist mir willkommen. Für mich ist die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe.« »Hat sie denn wirklich geliebt?« sagte die Geheimrätin. »Mich dünkt, ihre Art von Liebe konnte nicht zum Glauben führen!« »Weil sie changierte?« »Ja, wäre sie eine Sultanin gewesen, die ihre Lieblinge sich wählte und entließ, um endlich ihr Ideal zu finden. Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen. Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht, um alle die fortzulieben, die mit Seufzern und Schwüren kamen, mit Beteuerungen und Glut, die Lieder und Geld zu ihren Füßen streuten und gähnend fortgingen, um nicht wiederzukommen? Vielleicht ward sie auch gemißhandelt, und von denen, die sie wirklich zu lieben geglaubt; ihre edelsten Empfindungen, wenn sie sich zu äußern wagten, wurden verspottet. Und das durch Monden, Jahre wiederholt. Solchen Fonds von Erfahrungen hinter sich, Täuschungen darf man es nicht mehr nennen, erwarten wir von ihr etwas anderes als Verachtung, Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht! Ich könnte sie mir denken als eine Intrigantin, welche ihre Lust darin findet, die Männer gegeneinander zu hetzen, als eine Brandstifterin, eine Semiramis, eine Amazonenkönigin, die die Brandfackel in Länder und Städte wirft « »Vielleicht auch als Brinvilliers das ist das richtige Argument des Verstandes, meine teure Frau. Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüt Was ist Ihnen?« »Nichts ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen.« »Die Liebe sucht nichts, die Liebe findet alles«, fuhr die Fürstin mit süßer Stimme fort. »Wer nur ein Ohr dafür hat, nicht mutwillig es schließt, wo der Spring unter der grünen Tiefe rauscht, aus Furcht, daß er zu furchtbar vorbricht. Oh, die Törigen! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach. Wo alles sich findet, was sich nur suchen will, gehen sie wie Wachspuppen aneinander vorüber.« »Mich dünkt, Adelheid und der junge Bovillard tun das auch.« »Kinder, die Versteck spielen.« »Ich glaubte, sie in Feuer und Flamme zu finden.« »Im hellen Zimmer jagen, im dunkeln fangen sie sich.« »Mamsell Alltag ist blaß.« »Unter den vielen Geschminkten.« »Der Marmorausdruck ihres Gesichts «
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