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Alexis Willibald

Viertes Buch, Siebentes Kapitel.
Was sagen Sie zu meiner Frau?

Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.

Der Abendstern, der heute glänzen sollte, sagten wir schon, erschien aber wie ein erlöschendes Licht. Die Töne, welche im Souterrain das Ohr zerrissen, waren nicht zu Adelheid gedrungen, und wenn einer, so ahnte sie nicht den Grund; es war für sie nur in der Luft das dumpfe Akkompagnement ihrer eigenen zerrissenen Gedanken. Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden. Sie dachte, so müsse einem Verurteilten zumute sein, wenn er sich zum letzten Gange ankleidet.

Zum Glück war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid konzentriert; sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung, von der man sagen durfte, daß sie in voller Blütenpracht war.

Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Türecke wie ein liebliches junges Mädchen aus, dem die Scham die Wangen rötet, die Augen schlägt sie nieder in holder Befangenheit. So schüchtern stand die Gazellengestalt, halb bedeckt von dem Oleanderboskett, das aus irdenen Töpfen in malerischer Unordnung um den mit Efeu umhangenen Türpfosten duftete. Die schöne Blüte zitterte vor jeder Berührung, wenn wir die Begegnung, die Ansprache der älteren Damen, welche die Tür passierten, so nennen sollen. Das Wechselgespräch war immer sehr kurz; man konnte glauben, zur Zufriedenheit des jungen Mädchens, das vielleicht erst seit kurzem in die Gesellschaft eingeführt war, und der Boden unter ihr brannte, vor Angst, daß sie einen Verstoß begehe.

Wenn man einen Schritt näher trat, verwandelte sich die Achtzehnjährige allerdings in eine vollblühende Zwanzigerin, die Moosrose ward zur vollen Zentifolie. Aber schön blieb sie, man konnte unwillkürlich rufen: wunderschön! Wem das dunkle, schwimmende Auge zwischen den schwarzen Brauen und den roten anmutig schwellenden Pfirsichwangen einen Blick zuwarf, mußte von Stein sein, wenn er nicht gerührt ward. Und war sie nicht eine Zauberin, eine Armida? Zwischen den Oleandertöpfen schossen eine weiße und eine Feuerlilie in die Höhe, und bunte Glaslampen, damals etwas in Berlin Unbekanntes, warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und das schöne Mädchen, das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania, Grazie jede Bewegung. Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte, die sie vielleicht in Gedanken von einem Strauch gepflückt, das war kein gewöhnliches Fächerspiel, das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen. Es war die Sicherheit einer Königin, die den Herzen zu gebieten weiß, unbesorgt um ihre Herrschaft. Wenn sie die sanft geworfenen Lippen öffnete und die schönen Zähne im Gespräch zeigte, konnte man schwören, wenn man auch kein Wort verstand, daß sie eine witzige Replik, eine glückliche Bemerkung hinwarf. Sie konnte auch abfertigen, und man mochte ebenso schwören, daß die vielen, die mit ihr eine Unterhaltung anknüpften, aus Lust oder Gelegenheit, ihr nicht genügten.

Wenn man indes noch einige Schritte näher trat – doch wir können unsre eigenen Beobachtungen sparen, wo eine Gruppe Herren, an der Tür gegenüber, sich die ihrigen schon mitteilten.

»Was hat sie denn heut für ein Rot auf«, sagte ein Gardeoffizier.

»Wer?«

»Komteß Laura. Das blinkert ja wie eine Karmesinmuschel.«

»Neueste Josephinenschminke, liebster Graf«, drängte sich der Baron Eitelbach an sein Ohr. »Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris. Die von der Oper sind außer sich, ist ihnen zu teuer. Was kann der Schönheit zu teuer sein, sage ich.«

»Und greifen in die Tasche.«

Der Baron hielt allerdings beide Hände in den Seitentaschen, und es klimperte etwas von Gold, aber er zuckte die Schultern: »Fürs ganze Corps de ballet! Na, hören Sie, das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf. Alles, was recht ist.«

»Sie sparen's für Ihre Frau Gemahlin.«

»Ein sublimer Einfall von Ihnen, Graf, wahrhaftig, ein sehr sublimer. Wie sie blaß aussieht gegen die Laura! Aber sie will sich nicht schminken. Partout nicht mehr.«

»Hat's auch nicht nötig«, sagte ein dritter Intimus.

»Meinen Sie? – Ich sage Ihnen, die Schminke bringt 'ne Revolution hervor. Das ist ein Geschicke zu Arnous, aber – die alte Voß und – na warten Sie nur, ich kann sie Ihnen alle nennen, die schon von haben. Sind ihrer nicht viel; aber passen Sie acht, eh vierzehn Tage um sind –«

»Wenn die Männer die Tränen auf den Wangen sehn«, sagte der dritte Intimus, »greifen sie doch in die Tasche. und wenn das Rot pures Gold wäre.«

»Gold, ein charmanter Einfall!« rief der Baron. »Wenn's Mode würde, echtes Gold auf die Backen! Bei Gott, ich gäbe was drum: wie die Weihnachtsäpfel. An den Backen sähe man's den Frauen an, was ihre Männer wert sind.«

»Eine Taille, auf Ehre doch, wie 'ne Wespe«, sagte der Gardeoffizier. »Ich sollte meinen, wer sich so schnürt, braucht sich gar nicht zu schminken.«

»Und Füßchen, 'ne Pariserin könnte sie beneiden«, meinte der Dritte.

»Das tänzelt nur so auf dem Boden.«

»Was für welche hat meine Frau dagegen! Sehn Sie mal«, rief der Baron und nahm eine Prise.

»Eine Heroine muß nicht auf Tänzerfüßen stehn.«

»Heroine! Charmanter Einfall. Meine Auguste eine Heroine. Wie sie miteinander parlieren! Ich versichere Sie, auf Ehre, meine Frau spricht jetzt wie ein Buch. Immer Schiller im Munde.

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Erzeugt in dem Hirne des Toren!

Damit weckt sie mich alle Morgen. Bei Gott, 's ist wahr. Macht alles die unglückliche Liebe.«

»Schade, Baron, daß Sie sich nicht auch unglücklich verlieben können.«

»Warum kann ich's nicht?«

»Weil Sie zu reich sind. Wer Geld klimpern läßt, ist immer glücklich in der Liebe.«

»Sie sind ein charmanter Mensch, aber was soll mir die unglückliche Liebe?«

«Sie könnten dann auch einmal mit der Tugend in Berührung kommen.«

»Was hab ich von der Berührung?«

»Tugend vermehrt den Kredit.«

Der ganze Körper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden Bewegung eines Gesättigten, welcher gleichgültig eine Schüssel vorübergehen läßt, an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben. Er bedurfte nicht mehr Kredit, als er besaß. Aber auch der Satte lächelt, wenn seine Gäste die Speisen loben, die er ihnen vorgesetzt. Der Baron von Eitelbach lächelte wohlgefällig über die Bewunderung, welche man der Schönheit seiner Gemahlin zollte, während man ihre Reize mit der Komteß verglich. Zum Vorteil der ersteren; es waren Kenner, die hier urteilten. Auf den Hacken sich wiegend, die Hände noch immer in den Taschen, die breite Unterlippe aufgeworfen, hatte er gleichgültig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert, während sein Ohr doch bei der Unterhaltung blieb, als er es für schicklich hielt, eine Diversion zu machen:

»Sehen Sie mal, wie die Alltag eingepackt hat. Gar nicht wiederzuerkennen.«

»Etwas blaß«, äußerte der dritte Intimus. »Das kann seine Ursachen haben.«

»Man hat zuviel Geschrei von ihr gemacht.« Der Baron hatte es gleich gesagt.

Das Kennerauge des dritten Intimus ließ sich nicht täuschen.

»Vorübergehende Indisposition. Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht.«

Über die Indisposition lächelten die Kenner; der Baron fühlte sich geistreich gestimmt; er nannte die unglückliche Liebe eine Klippe für die Schönheit. Lob erntete er dafür nicht, denn die Aufmerksamkeit der andern war wieder auf die schöne Komteß gerichtet.

»Auf wen mag sie nur vigilieren?«

»Sie ist unruhig.«

»Warum steht sie aber wie eine Schildwacht an der Tür?«

»Muß wohl seinen Grund haben. – Halt! sehn Sie, schon wieder –«

Die drei Kenner rückten die Köpfe noch näher zusammen. Die Komteß hatte während des Gesprächs mit der Baronin nochmals durch die Türritze geblickt.

»Das muß man doch rauskriegen. Welcher Magnet steckt in der andern Stube?«

Wie der Zunächststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob, konnte er doch nur einen Teil des Zimmers übersehen. Da kam plötzlich ein anderer Gegenstand aus demselben, und mit vielen Verbeugungen durch die beiden Damen schlüpfend, erreichte er die beobachtende Gruppe.

Der Geheimrat Lupinus von der Vogtei war gewiß nicht gefährlich, für das Auge keiner galanten Dame, die noch auf Jugend Anspruch macht; aber je schärfer das Auge der Liebe ist, um so blinder wird es für die Gefahr, die von Beobachtern droht. Das schlaue Gesicht des Geheimrats verriet, daß er Neuigkeiten geangelt, und seine freudige Miene, daß er den Markt erreicht, wo er sie absetzen konnte.

»Raten Sie!« sprach er, sich die Hände reibend.

»Das lohnte noch der Mühe.«

»Ein neuer Gegenstand?«

»Funkelnagelneu.«

»Raus mit der Sprache, was wissen Sie?«

»Sehr viel. Die letzte Aventure wird nur vertuscht, aber parole d'honneur, Sie können sich drauf verlassen, sie ist so –«

»Sie meinen die mit der Schildwacht – der Kerl kann doch nicht hier sein!«

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