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Alexis Willibald »Was gibt es Neues?« rief der Geheimrat Bovillard dem Legationsrat entgegen und lud, ohne sich im Frühstück stören zu lassen, durch eine Bewegung den Eingetretenen zum Platznehmen ein. Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien ihm einige Anstrengung zu verursachen. Übrigens sah Herr von Bovillard gemütlicher aus als in letzter Zeit; die Runzeln waren gewichen, das Gesicht glänzte, besonders die unteren Teile, das Kinn hatte etwas Charakteristisches, was sich in den Augen widerspiegelte, obgleich die Lippen erst der eigentliche Ausdruck waren. Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel für andere, sonst würde er die Ärmel des Rockes nicht aufgekrempelt getragen, nicht den Zipfel der Serviette im Halstuch befestigt haben. Er war für sich, der Schmecker mit Bewußtsein, aber der Zutritt eines Freundes, wie Herr von Wandel, störte ihn nicht. Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser. »Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren.« »Da«, sagte Bovillard und goß in ein vasenartiges Kristallglas aus der Weinflasche. »Prüfen Sie, wie schmeckt es Ihnen?« »Es schmeckt wie der beste Champagner, schäumt aber nicht.« »Non mousseux, neueste Erfindung. Eben aus Epernay mir zugeschickt. Es hat es noch niemand hier. Darum Diskretion. Was sagen Sie dazu?« »Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne, unter der der Champagner die Welt erobert hat. Man soll nie ohne Not seine Fahne aufgeben.« »Ihre Säuren, Wandel, Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben. Ihre Zunge fühlt das Richtige heraus, aber über die Kritik ist Ihnen die petillierende Lust daran vergangen. Sehn Sie mich an, ich kann mich über die Entdeckung wie ein Kind freuen. Woran auch sich halten, wenn man nicht bisweilen wieder zum Kind würde!« »Die Nachrichten lauten übel, Geheimrat. Napoleon ist ein anderer geworden, seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt. Was er fordert, ist nicht mehr der Schönbrunner Vertrag, heißt es. Ja, man spricht, daß Haugwitz wirklich am 15. Februar diesen neuen, noch demütigendern Vertrag abschloß. Er liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor.« »Liebster, bester Freund, warum hören Sie darauf? Sie brauchen es doch wahrhaftig nicht. Ja, es steht schlimm, sehr schlimm, wir werden noch mehr nachgeben müssen, aber wer ändert es? Sie nicht, ich nicht, niemand. Man muß lavieren und abwarten, bis ein glückliches Changement kommt. Wir sind in einen Sumpf geraten, je mehr wir strampeln, um so tiefer versinken wir. Nur nicht die gute Laune verloren. Hören Sie draußen den Leiermann:
Da, trinken Sie, oder wollen Sie schäumenden? Ich klingle.« »Der Wein ist gut, aber er steigt zu Kopf« »Nun denken sie an den armen Haugwitz! wie es in seinem aussehn muß. Kann er dafür? Verdenken Sie's ihm, daß er sich auch aus Paris nicht beeilt, zurückzukehren? Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln, die Rüchel, Blücher, die Prinzen! Und das Geschwätz, Gesinge, Gebrüll hinter ihnen.« »Die Gnade Seiner Majestät wird, als schirmender Fittich, ihn vor Outrage bewahren.« Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune: »Gewiß. Der König läßt ihn nicht los. Wissen Sie eigentlich eigentlich kann er ihn auch nicht leiden, wie uns alle nicht, aber das ist es eben. Trinken Sie doch, Wandel, man kann jetzt nichts Besseres tun. C'est le mystère de notre temps, daß wir unentbehrlich sind. Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner Majestät sie können uns alle nicht leiden, möchten uns köpfen, erwürgen, vergiften von unseren Posten jagen « »Wo findet Seine Majestät Staatsmänner « Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigentümlichen Handbewegung fiel der Geheimrat ein: »Er findet sie schon, er braucht nur auf die Straße rauszugreifen « »Die Lust haben Minister zu sein, ja, aber Männer Ihres Scharfblicks!« »Wissen Sie, was Oxenstierna an seinen Sohn schrieb: Mein Sohn, du glaubst nicht, et cetera. Liebster Wandel, warum denn nicht Wahrheit zwischen uns! Wenn wir uns in dem Spiegel sehn. Und doch in keinem Stande Freude, und doch wir bleiben, wir werden bleiben, und Sie und ich, wir wissen, warum wir bleiben. Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs! Das begreifen Seine reichsfreiherrlichen Gnaden, der Herr vom Stein nicht. Voilà le miracle! Wie lange ist's nun schon her, daß er uns alle aus dem Sattel werfen wollte! Wenn wir doch Karikaturmaler hätten! Herr vom Stein als Mauerbrecher! Herr vom Stein legt den Widder an, erster Moment. Herr vom Stein fährt fort am Bock zu drehen, zweiter Moment. Dritter, vierter, fünfter et cetera, Herr vom Stein steht noch immer am Bock. Finale: Herr vom Stein schlägt hintenüber, er hat einen Bock geschossen. Aber Sie trinken ja nicht. Vive la bagatelle! Schnell, was Neues aus der Stadt.« »Das Duell hat endlich stattgefunden.« »Beide maustot?« »Blut ist geflossen.« »Hätte nichts geschadet. Warum zanken sie sich! Diese Militär- und Zivilraufereien sind mir in der Seele zuwider.« »Der junge van Asten hat sich ein Renommee gemacht. Die Offiziere glaubten nicht, daß er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde. Der Kornett ist ein Schläger à merveille. Der Gelehrte ging aber drauflos, und die Herren von der Garde du Corps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen, denn er trieb seinen Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche.« »Und das Ende vom Liede?« »Er war an der Schulter verwundet, kaschierte es aber, und als die Sekundanten es merkten, hatte er den Kornett schon in eine verzweifelte Position gebracht. Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu Boden.« »Und der Kornett mit?« »Nur ein Fetzen von seinem Ärmel und etwas Fleisch und Blut. Grade genug, um ihn kampfunfähig zu machen, wenn er nicht schon desarmiert gewesen wäre.« »Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoß?« »Bewahre! Er senkte die Waffe, trat zurück und fragte bescheiden die Sekundanten, ob nun der Ehre genug geschehen sei. Man hätte es für ritterlich gehalten, wenn « »Ein Roturier ein Kavalier sein könnte«, unterbrach ihn Bovillard. »Qu'importe! Er hat gehandelt, wie man uns vorwarf, daß wir handeln, wir nutzen den Vorteil nicht, der uns in die Hände gespielt ward. Wandel, Sie haben vielleicht recht. Vive la générosité!« »Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Beratung die Sache für ausgeglichen. Der Fleck am Ärmel, den die Hand gemacht, sei durch den Säbel repariert.« »Der ihn loshieb!« fiel Bovillard ein und gähnte. »Legationsrat, was wären wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen! Die Welt wäre längst bankrott ohne die Kunst der Auslegung. Der Starke wirft sein Wort wie Brennus' Schwert auf die Goldwaage; aber der Schwache muß das Körnchen Mutterwitz wie der Goldschläger breitschlagen, um die Risse in der Logik und die falschen Räsonnements zu überkleben.« »Und das Volk gafft doch das Goldblech an, als wär's massiv.« »Wozu wär's das Volk und wir die Gescheiten! Um eine Liebschaft war ja wohl die Affäre? Das Mädchen kann gute Geschäfte machen, es kommt en vogue!« »Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf, der, wie man sagt, aus Galanterie, oder wie einige behaupten, aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter an einer Dame ward, die er nicht liebt.« »C'est touchant!« sagte Herr von Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin. »Man fängt überhaupt an, von ihm zu sprechen, es wäre ein Charakter. Man spricht aber auch von Ihrem Herrn Sohn.« Der Geheimrat, der wirklich müde schien, ward aufmerksamer. Er reckte sich in seinem Stuhl und goß ein frisches Glas Champagner ein, dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser paralysierte. »Wie befindet sich der Patient?« »Mon pauvre fils! Mein lieber Freund, wer macht die Erziehung? Ich habe oft darüber nachgedacht. An guten Beispielen das war's nicht eigentlich, was ich sagen wollte, aber das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben!« »Ein merkwürdiges Unglück, was diesen Mann trifft. Doch meinen auch viele, es wäre ein Glück, für die Kinder nämlich. Bei der verkehrten Erziehung wäre nie aus ihnen etwas Gescheites geworden.« »Der Mann! Er Kinder erziehen! Wenn sie nach ihm geschlagen hätten! Mein Louis, was ich sagen wollte, Heim meinte, es sei keine Gefahr, wenn er sich nur vor Exaltationen hütet!« »Das wird schwer sein.« »Das befürchte ich auch. Das Blut seiner Mutter. Was die für Nerven hatte! Ich bin ja bereit, alles zu tun er hat exzellente Gedanken, aber ich muß Ihnen sagen, ich habe keine Autorité. Im Disput geraten wir immer aneinander.« »Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt.« Wandel sprach es mit kalter Stimme. »Meinen Sie die alte Geschichte!« Der Geheimrat warf dabei einen forschenden Blick auf ihn. »Mein Gott, ich glaubte die Kinderei längst beigelegt.« »Nur reponiert, meine ich, bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird, einen neuen Termin anzusetzen.« »Mann von Ihrer Klugheit und Philosophie! ich bitte Sie «, Bovillard war jetzt aufgesprungen und ergriff die Hand, die Wandel halb zurückzog. »Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie.« »Er wird zur Einsicht kommen, und Sie sind mein Freund.« »Und gewiß der Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit, nur nicht meinen unbefleckten Namen.« »Wer redet davon! Überlassen wir den Kavallerieoffizieren den krummen Säbel; wozu sind wir Philosophen! Die diplomatische Kunst wird mildere Lösungsmittel finden, als ein Stück vom Ärmel, und vom Fleisch dazu! Liebster Legationsrat, das findet sich ja.« »Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuß hätte, versteht es sich, daß, wo der Sohn meines Freundes vor mir steht, ich in die Luft feuere. Ihrem Herrn Sohn bleibt dann Überlassen, zu zielen, wohin er will.« Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt. »Wir verstehen uns ja. Exzentrisch ist er, aber Louis ist kein schlechter Mensch.« »Wenn ich die Freude erlebte, daß mein Freund Bovillard in seinem Sohne einen nützlichen Staatsbürger gewönne!« »Er schwärmte auch einmal für die Gloire Napoleons. Wer weiß, ob diese Phantasien nicht rediviv werden.« »Er soll jetzt für einen andern Gegenstand schwärmen: Die Fürstin Gagarzin behauptete neulich konfidentiell, die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell Alltag sei nichts anderes als kaschierte Liebe. Die Geheimrätin Lupinus ist in ihren Mitteilungen sehr diskret. Wenn ich indes aus einigen hingefallenen Äußerungen schließen darf « »Sind Sie neidisch, daß mein Junge Glück hat bei den Frauen?« »Nur ein väterliches Erbteil! Wie ich höre, frequentiert er auch die Zirkel der russischen Fürstin. Er ist gern aufgenommen. Sollte dies mit den Wünschen und Absichten seines Vaters konvertieren?« »Was geht es mich an! Aber was geht es denn Sie an?« »Nicht das geringste, wenn Ihr Sohn nicht den Namen seines Vaters trüge. Die Fürstin ist eine liebenswürdige, feine, geistreiche Dame, aber sie gilt, mit Recht oder Unrecht, als die geheime Agentin Rußlands, man behauptet, daß sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden. Ich gebe nichts auf diese Insinuationen, aber wer ihren Umgang sucht, wer viel in ihrem Hause erscheint, entgeht dem Verdacht nicht. Das kann in diesem Augenblick bedenklich werden, da Napoleon Genug, ich weiß, die Besucher des Hotels werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphiert.« Bovillard lachte auf, indem er jetzt erst die Serviette fortwarf: »Wissen Sie, wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird? Laforest! Konspiriert er vielleicht gegen Napoleon? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell Alltag willen oder um Komtesse Laura. Die ist jetzt auch ein Schoßkind der Fürstin. Duroc war auch bei ihr. Wissen Sie, was ich rausgebracht habe? Sie will die Alltag zu etwas machen, entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen. Sie erwartet nur Order deshalb aus Petersburg. Werter Freund, unter Freunden reinen Wein, was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin?« »Nicht der Sohn, nur die Auslegung, welche
man seinen Schritten geben könnte.«
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