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Alexis Willibald »Was tun Sie, Herr von Eisenhauch!« »Was die Ehre mir gebietet.« »Keine Übereilung, die Sie bereuen könnten.« »Ich bereue nur, daß ich zu lange vertraut.« »Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurücktreten « »Wer sagt, daß ich zurücktrete, Herr von Fuchsius!« Der Major hielt in der Arbeit inne, die ihn ganz zu beschäftigen schien. Er packte hastig an einem Felleisen, während ein anderes schon vom Diener zur Tür hinausgetragen ward. Waffenstücke, Hüte und Mäntel hingen umher, und zwei Pferde stampften am Hause vor einer leichten Reisekalesche. Es schien nichts Heimliches, was hier verhandelt ward, denn der Major mäßigte nicht seine Stimme, wenn die Diener eintraten, noch sprach er leiser, wenn sie die Tür beim Fortgehen offenließen. »Wer sagt, daß ich zurücktrete! Ich verzweifle nicht an unsrer Sache, mein Herr, auch noch nicht an unserm Vaterlande, und ich verzweifle auch nicht an diesen hier, denn man kann nur verzweifeln, wo man hoch hoffte.« »Major « »Nicht mehr in preußischem Dienst. Meinen Abschied, der jetzt ausgefertigt wird, haben Sie die Gefälligkeit und schicken ihn mir nach oder verbrennen ihn. 's ist gleichgültig.« »Wohin?« »Nach Österreich, solange noch da ein Funken glimmt. Nach Rußland, England, Spanien, wohin es sei, wo Herzen schlagen, Männer atmen, welche noch ein Gefühl für Schande haben.« Fuchsius hatte die Tür zugedrückt. Es war ein Absteigequartier, und ihm schien die Unterhaltung nicht geeignet, um von andern Hausbewohnern belauscht zu werden. Aber Eisenhauch rief in der Arbeit: »Wenn es Sie nicht geniert, was mich betrifft, mögen Napoleons Spione alles hören.« »Nur ein Wort. Großfürst Konstantin und Fürst Dolgoruki sind hier. Noch ist nichts verloren. Sie belagern den König, sie dringen in ihn, daß Preußen ein entscheidendes Wort spreche.« Eisenhauch lachte auf. »Lachen Sie nicht. Keine Sprache ist hier so wirksam als die russische.« »Sagen Sie, als die der Furcht. Als ich bei Ihrem Minister den Abschied forderte, drückte er mir die Hand ans Herz, wenigstens an den Platz, wo eins schlagen sollte.« »Und « »Sie kommen meinem Wunsche zuvor, versicherten mich Seine Exzellenz, denn Ihres Bleibens wäre hier doch nicht länger. Napoleon würde Ihre Auslieferung fordern, und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschluß die Unannehmlichkeit, Sie ausweisen zu müssen. Von einer Übereilung, Herr von Fuchsius, ist daher, wie Sie sehen, nicht die Rede. Ich fliehe, damit man mich nicht einsperrt, ich mache mich beizeiten aus dem Staube, damit man mich nicht verfolgt.« Fuchsius hatte sich, das Gesicht bedeckend, auf das Kanapee gesetzt. »Und doch wage ich zu behaupten«, sagte er, während der Major im Packen fortfuhr, »Sie übereilen sich. Vergönnen Sie mir, mit der Ruhe gegen Sie auszusprechen, die ich mir erst sammeln muß, vielleicht als ein Produkt Ihrer Unruhe. Wo schöpft nicht der Trostlose Trost! Haugwitz' Aufträge, als er nach Brünn abreiste, waren auf keine Niederlage berechnet. Die Klugheit gebot ihm, wie die Dinge standen, zu verschweigen, was er unter andern Umständen sprechen sollte.« »Und ließ sich, ehe die Dinge standen, wie sie stehen, mit einem gnädigen Zornblick nach Wien komplimentieren. Ließ sich mit einem Schnalzen wie ein Hund beiseite schieben, damit Napoleon bei Austerlitz ungestört schlagen konnte. Sah vom Stephansturm mit einem Fernrohr nach Mähren, um seine Worte abzuwiegen, je nachdem, ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte. Höll und Teufel verzeihen Sie, mein alter Freund ich weiß auch, was Diplomatie ist, aber Machiavell ist ein Stümper vor solcher Politik. Die Reise nach Mähren wird ein Brandfleck bleiben in der preußischen Geschichte, ich fürchte, er zerlöchert das ganze Buch. Der boshafteste Feind hätte nichts Schlimmeres ersinnen können. Doppelzüngigkeit ist ein mildes Wort. Doppelsinnigkeit! eine doppelte Sinnlosigkeit, denn man weiß heute nicht, ob uns Österreich oder Rußland mehr hassen oder Napoleon mehr verachten muß. Wissen Sie's zu verteidigen?« Der Regierungsrat sagte nach kurzem Schweigen: »Nein! Ich überlasse Ihnen das volle Verdammungsrecht über das, was geschehen ist. Aber es ist noch nicht alles geschehen!« »Der zweite Baseler Frieden ward in Schönbrunn geschlossen, zehntausendmal schmählicher als der erste. Wollen Sie ihn noch durch einen dritten überbieten lassen!« »Der Vertrag von Schönbrunn ist noch nicht ratifiziert, Herr von Eisenhauch. Bis er es ist, lassen Sie uns, lassen Sie mich wenigstens hoffen. Wir sollen Ansbach an Bayern abtreten, Cleve, Wesel, Neuchâtel an Frankreich, und erhalten dafür das Danaergeschenk, die Erlaubnis Napoleons, uns an Hannover schadlos zu halten. Mein Herr, lassen Sie uns hoffen, daß wir diesen Brocken, an dem der Adler ersticken soll, nicht annehmen! Unser Militär knirscht vor Wut und Erbitterung, es ist ein schlagfertiges Heer; zum Kriege ausgerückt. Soll es ohne Krieg zurück? Hören Sie, wie man laut ruft, von den Prinzen und Generalen bis zu den Unteroffizieren und Gemeinen: des Staates Ehre ist verpfändet; die Minister haben sie verkauft, an uns ist es, sie wieder einzulösen. Rußland operiert offen, geheim. Hat Österreich keine Stimme an unserm Hofe? Es ist still erbittert wie nie zuvor. Horchen Sie durch die Straßen, in den Wirtshäusern, es ist nur eine Stimme: Noch ist der Augenblick, zu handeln! Hören Sie in jeder Gesellschaft, wo zwei, drei zusammenstehen, die Wut gegen Haugwitz. Es ist kein Tadel mehr, es ist ein allmächtiges Gefühl, das kaum mehr Worte findet. Männer mit weißem Haar spucken beim Namen des Mannes. Er hat Preußens Ehre verkauft! Ein Glück für ihn, daß er nicht hier ist. Die Männer der Clique getrauen sich nicht bei hellem Licht über die Straße; man würde « »Vielleicht einen Stein aufheben«, rief Eisenhauch, den Koffer zuwerfend, »aber ehe man ihn wirft, würde man sich besinnen, es sei doch vernünftiger, ihn nicht zu werfen. Der Stein könnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf doch nicht öffnen. Was man würde, könnte, möchte, dürfte, das ist alles vortrefflich, was man weiß, ist die Weisheit selbst, aber der Haken ist, daß man nicht tut, was man könnte, möchte, dürfte, und daß, was man weiß, die Erkenntnis zuschanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschluß.« »Ich gebe Ihnen ja alles zu, aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom, der seine Eisdecke bricht. Die Wut kennt keine Zügel mehr nach dieser Enttäuschung. Alle Wut ist blind, wollen Sie mir einwerfen, aber diese ist intensiv und kritisch zugleich. Das ist ein neues Symptom. Man fragt: Warum mußte Haugwitz so lange zaudern? Warum reiste er so langsam? Warum ließ er sich wie ein Junge in Brünn behandeln? Warum wie eine petite femme, die man bei der Schlacht nicht braucht, nach Wien schicken? Was würde Friedrich zu solcher Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben? Seinen Kopf hätte es einem solchen Abgesandten gekostet. Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten, und man fragt schon jetzt, warum? Man wird es immer dringender fragen. Wie lautete sein Auftrag, der ihm so zu handeln erlaubte? Warum reist er so langsam zurück, als er langsam hingereist ist? Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die auswärtigen Blätter senden, die uns in den Wahn einlullen sollen, seine Mission sei geglückt, er habe nur ausgerichtet, was sein König ihm aufgetragen? Wer ist hier der Betrogene, wer der Verräter? Klimpert französisches Geld in seiner Tasche, oder ist er der stumme Dulder, der eines andern Schuld heroisch auf seine Schultern nimmt? Das, Major, fragt man, man fragt es laut, und Männer fragen es, vor denen unsre Höchsten Respekt haben.« »Aber was hilft die schärfste Frage, auf die ich keine Antwort bekomme?« »Preußen sucht zu vermitteln. Lachen Sie nicht. Zu anderer Zeit würde ich mit Ihnen lachen, jetzt ist es das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen. Der König ist ratloser denn je in diesem Gedränge der Parteien und Leidenschaften. Man hat mit Lord Harrowby negoziiert, daß die englische Legion, die bei Stade gelandet, einstweilen in Hannover nicht vorrücken soll. Obrist Pfuel ist an Haugwitz gesandt; er soll den Abschluß hinhalten, er soll Seine Majestät den König als Vermittler der ganzen europäischen Wirren in Vorschlag bringen. Er soll den Gedanken an einen großen, allgemeinen Fürstenkongreß anregen, auf dem alle streitigen Fragen entschieden würden, und in diesem Augenblick ist auf dem Palais eine Sitzung der Minister, die schon mehr als einmal stürmisch wurde « »Und in süßem Frieden endete«, unterbrach Eisenhauch. »Sie wissen davon? Ich flog nur, als ich von Ihrem Entschluß erfuhr, Sie aufzusuchen.« »Pfuel ist zurück. Er traf unterwegs den zurückkehrenden Haugwitz und hielt, nach den Mitteilungen desselben, seine Mission nicht mehr für nötig. Wird man nun Pfuel den Kopf zu Füßen legen? Ei bewahre! Er handelte nach Rücksichten und Intentionen, die unser beschränkter Verstand nicht begreift. Heut in der Ministersitzung, nachdem die Köpfe warm geworden, man die patriotischen Reden gehört, ist man zum Beschluß gekommen: Kein Krieg! Denn Krieg ist ein großes Übel, dessen Folgen niemand absieht.« »Widersprach denn niemand!« »Sie weinten sogar. Das treue Ansbach fahrenzulassen! Nun, Bayern wird ihm auch ein gütiger Herr sein! Aber Hannover den Engländern nehmen, unseren besten Verbündeten! Man tröstete sich mit dem schönen Gedanken: es kann ja nicht immer so bleiben, darum muß es einmal besser werden. Einstweilen soll aber alles so bleiben, bis hören Sie bis zum allgemeinen Frieden! Dann werden alle Völker, Fürsten, sogar die Staatsmänner vernünftig werden. Die Engländer auch; sie werden um des allgemeinen Besten willen Hannover freiwillig abtreten.« Der Regierungsrat sprang auf: »Beim Himmel, es ist nicht Zeit zu Epigrammen.« »Bittre Wahrheit, liebste Fuchsius. Der Sturm im Ministerrat ging in ein sanftes Adagio aus. Man schwärmte, da man nicht Mut hatte, für sich selbst zu handeln, wie es notwendig für das Wohl der allgemeinen Menschheit!« »Und Stein auch Hardenberg?« »Überstimmt. Und weil sie überstimmt, fügten sie sich. Man darf doch nicht gegen den Strom schwimmen. Es gab sanfte Händedrücke, beinahe kam's zu Umarmungen.« »Finis Germaniae!« seufzte der Rat. »Gott bewahre! Der Fisch Germanien kann noch lange zappeln. Tausend Harpunen ihm ins Herz, sein Blut ins Meer verspritzt, er lebt doch, er ist eine geduldige Bestie und schnappt immer wieder nach jedem neuen, glänzenden Köder, den ihm ein listiger Nachbar hinwirft. Will er nicht, so braucht er nur zu drohen, dann frißt er doch.« »Genug! Leben Sie wohl!« »Nein, Bester, jetzt wird sich erst der eigentümliche Glanz der Staatskunst entfalten. Nichts tun, und wenn man in der Klemme steckt, sich justifizieren und glorifizieren, daß man die Hände in den Schoß gelegt. Warten Sie nur auf die herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel. Das wird salbungsvoll riechen. Mit Humanität und Philosophie und Christentum wird man dem Volk beweisen, daß die Weisheit selbst nicht weiser hätte handeln können. Die guten Bürger werden sich die Augen wischen vor Rührung, und das Heil dir im Siegerkranz wird noch einmal so schön klingen, als wenn der König gesiegt hätte. Man wird auf uns hetzen, die wir gehetzt haben, bis das Volk es glaubt, daß wir nur ehrgeizige, unruhige Köpfe waren. Sie glauben nicht, was dies Volk glaubt, wenn man ihm sagt, daß wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten. Man wird anrüchig werden, wenn es heißt, daß man zur Kriegspartei gehört hat. Salvieren Sie sich beizeiten. Spitzen Sie Ihre Feder, auch Sie werden Artikel für den Frieden schreiben müssen.« »Nimmermehr! Ich nehme meinen Abschied!« »Das hat mancher gesagt, und bleibt doch aus höherer Staatsräson. Weshalb auch um solche Bagatell, als eine Meinung ist, seine Existenz aufs Spiel setzen!« »Herr von Eisenhauch!« »Nichts Persönliches! Gott bewahre! Die Personen verschwimmen wie die Charaktere in diesem Mengelmus. Da tut der Beste am besten, wenn er still mitschwimmt. Wo steht denn geschrieben, daß wir nicht niederträchtig denken, nicht feig handeln sollen? Nur einen Brei sollen wir darum kneten, einen Firnis des Anstandes. Und dann, ja man muß sich für eine bessere Zukunft konservieren.« Der Regierungsrat blickte ihn ernst-wehmütig an: »Wir gingen so lange miteinander! Sollen wir so scheiden!« »Ein zerronnener Traum! Preußen hatte die Aufgabe, Deutschland zu retten, es hat sich nicht selbst zu retten gewußt. Den letzten Rest seiner öffentlichen Ehre hat es geopfert, selbst den Rest der Ehrlichkeit, auf die es sich brüstete, warf es in den Tiegel.« Der Rat ging im Zimmer auf und ab; er sah nicht, was auch dem Militär entging, daß ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt, der an der Schwelle der geöffneten Tür stehenblieb. »Unterscheiden Sie wenigstens die Nationen von denen, die Sie brandmarken.« »Wer ist die Nation? Wo sitzt sie? Wo schlägt
ihr Herz, wo drück ich ihre Hand? Das ist die ungeheure Täuschung,
daß wir dieses Konglomerat von Gliedern für einen organischen
Körper ansahen. Hier, wo alle Adern zusammenfließen sollen,
glaubte ich das Herz gefunden zu haben. Was fand ich? Zwei Rassen, man
sollte meinen, von verschiedener Abstammung, Sprache, Hautfarbe, wie Niebuhr
die Römer sezieren will. Zwei Rassen, die sich ausweichen, verachten,
hassen, Militär und Zivil genannt! Dies Militär knirscht freilich,
aber was hilft uns das Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern!
Dieser Koloß ohne Elastizität kann noch zermalmen, nicht mehr
retten, befreien, weil ihm der Odem fehlt. Der Mensch, der Mann, der Bürger,
ja der Ritter selbst, ging unter in der vielgelobten Disziplin. Da sollen
wir Kämpfer, Paladine suchen für die ewigen Güter der Nation,
wo Gefühl dafür, Bewußtsein, der feurige Wille zum Verbrechen
ward! Ein paar elende Kreaturen, gehaßt, verachtet von allen, selbst
von denen nicht geliebt, in deren Stimmungen sie sich einhüllen,
um sie im Schlaf zu beherrschen, die sind wichtiger als dieses mächtige
Heer. Was ist nun dieser gewaltige separierte Teil der Nation, den man
als ihr andres Selbst im Auslande betrachtet, wenn sein zornschnaubender
Hauch nicht mal diese Lumpenmänner fortbläst!« |