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Alexis Willibald Die Geheimrätin Lupinus war am Rathaus vorgefahren und hatte in die Hände des Magistrats eine Gabe von dreihundert Talern als milden Beitrag zu den Kriegskosten des Staates niedergelegt. Der Magistrat hatte es für nötig erachtet, durch eine konfidentielle Deputation der Geheimrätin für diesen Beweis einer außerordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besondern Dank abzustatten. Sie hatte die Herren Büsching, Köls und Gerresheim mit Beschämung, wie sie sagte, empfangen und ihre Verwunderung nicht zurückhalten können über einen so aufsehenerregenden Schritt und um eine Handlung, welche nach ihrer Meinung die Pflicht von jedem fordere. »Aber Sie waren die erste in Berlin, die das Beispiel gab«, hatte Büsching erwidert, »und vor diesem Beispiel verneigen wir uns.« »So wünsche ich, meine hochgeehrten Herren, daß das Beispiel von den Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit, die ich mitbrachte, bald vergessen werde über die großen Opfer, die andere, Reichere, auf dem Altar des Vaterlandes niederlegen.« »Eigentlich hatte sie recht«, sagte Gerresheim, als die Herren wieder in den Wagen stiegen. »Das schickt sich nicht für eine Korporation wie der Magistrat von Berlin.« »Was schickt sich denn, und was schickt sich nicht«, sagte Köls, »wenn das Vaterland in Gefahr ist! Wir mußten aus den Provinzen täglich in den Zeitungen lesen, daß der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet und wertvolle Lieferungen verspricht, während in der Hauptstadt nicht das geringste geschehen ist. Da war es Pflicht, den ersten besten, der mit einer ansehnlichen Offerte hervortrat, zur Stimulation für die andern zu honorieren.« »Dies ist auch meine Ansicht«, schloß Büsching. »Es ist mit unserm Gemeindewesen überhaupt nicht, wie es sollte. Da muß man manches dem einzelnen überlassen, was eigentlich nicht an ihm wäre.« »Unser Räderwerk ist etwas verrostet, das ist richtig«, stimmte Gerresheim bei. Jener fuhr fort: »Können wir als Korporation etwas tun, um auf das Staatswohl einzuwirken? Weder nach oben noch nach unten haben wir Einfluß.« »Ist auch nicht unseres Amtes, Herr Kollege«, sagte Köls. »Und ich sollte meinen, es macht uns schon genug zu schaffen.« »Papierstöße in Aktenberge zu verarbeiten! Meines Erachtens wäre in einem wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine andre, als im Schlendrian zu vegetieren.« »Liebster, bester Kollege, keine Neuerungen! Haben wir's nicht gesehen, wohin sie führen. Wenn erst distinguierte Männer im Amt einen Penchant dazubekommen « »Neuerungen!« fuhr Büsching dazwischen, »was so uralt ist, als es Städte in Deutschland gab. Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine Bürgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden; bei uns aber ist doch wenigstens noch die Fiktion, daß wir aus der Bürgerschaft hervorgegangen, daß wir ihre Interessen vertreten, oder, wie man jetzt sagt, sie repräsentieren. Traurig genug, daß es nur noch Fiktion ist.« »Aber, liebster Büsching, warum denn traurig!« »Es geht ja alles ganz gut so.« »Jetzt meine Herren Kollegen, geht es zur Not noch. Aber wenn Gefahr kommt, wie denn dann? Werden seine Präfekten und Maires den Napoleon halten, wenn über Nacht eine andere Gewalt sich zum Herrn aufwirft! Sind wir dem Staat eine Stütze, wenn ein Unglück hereinbrechen sollte? Wir gingen nicht aus der Bürgerschaft hervor, wir haben keine Wurzel in ihr. Und wenn ein Fremder kommt, uns einsperrt, fortjagt, steht sie ratlos da, ohne Zusammenhang, Organismus, ohne Willen und Kraft auch nur zum Notwendigsten. Ja, wären wir wie in England.« »Keine Neuerungen!« unterbrachen ihn beide Kollegen wie im Chorus, mit einer Bewegung, als wollten sie sich die Ohren zuhalten. »Und Neuerungen in diesem gefährlichen Augenblick, liebster Kollege Büsching!« »Und wann denn!« sagte der Kollege mit Ruhe. »Weiß denn einer von uns, was uns die nächste Zeit bringt! Jetzt ziehen wir ins Feld, vielleicht auch nicht; aber beendet, meine werten Kollegen, ist, auch im glücklichsten Falle, damit die Sache nicht. Gesetzt, was ich aus Herzensgrunde wünsche und glaube, wir schlagen ihn; damit haben wir ihn nicht überwunden. Dies Frankreich hat in seinem größten Elend, und immer im Augenblick, wo wir es für ganz vernichtet hielten, wunderbar neue Kräfte aus sich selbst entwickelt. Es kommt keiner gegen es auf, wenn er nicht auch Neues in sich findet, sich aus sich selbst herausspinnt.« »Aber der Bürger, liebster Büsching, was soll der damit! Wenn der erst suchen soll, was dem Staate not tut, ist die Verwirrung voll.« »Er weiß sich in den kleinsten, eigenen Angelegenheiten nicht zu helfen«, setzte der andere hinzu. »Ein Spiel in den Händen der Advokaten, möchte er doch noch in der einfachsten Schuld- oder Hypothekensache von jedem Rat haben. Und er sollte Rat geben!« »Es ist schlimm, daß es so ist, meine Herrn, aber noch schlimmer, daß, während er von jedem Rat will, er unserm am wenigsten traut. Oder wollen Sie sich darüber täuschen, daß im Volke der Glaube ist, wir betrügen es, wenn wir Erbschaften regulieren, Inventare aufnehmen, Sporteln liquidieren, ja leider selbst, wenn wir Recht sprechen?« »Das Volk ist einmal dumm, Kollege!« »Ist es dazu vom Schöpfer destiniert! Oder haben wir es allmählich dumm gemacht, weil wir ihm nicht den geringsten Einblick in unsern Mechanismus gewährten? Es kann in unsere Akten nicht sehen, und wenn, verstünde es nicht einmal unsere Sprache.« »Friedrich hat etwas davon im Sinn gehabt, was Sie meinen«, erwiderte Köls. »Ihm und seinen Räten schwebte der Gedanke vor, daß die Justiz Allgemeingut werden sollte; daher die wunderlichen Verordnungen, wie lange nur ein Prozeß dauern sollte, die Beschränkung des Einflusses der Advokaten, der indirekte Zwang, daß jeder eigentlich seinen Prozeß selbst führen müsse. Wohin hat uns das geführt? Nur auf Widersprüche; denn es war nicht auszuführen, weil das Volk keinen Sinn dafür hatte, weil es nichts davon verstand, kurz, weil es nun einmal zu dumm ist.« »Weil« sagte Büsching und hielt inne , »doch das führt uns hier zu weit. Meine Herren Kollegen, fühlen Sie denn nicht, daß es einer innigern, festern Gliederung zwischen oben und unten, zwischen allen Teilen, Gliedern und Ständen bedarf, um uns fest in uns selbst zu machen? Wenn ein Feind in England einfiele und London nähme, wäre England nicht verloren, weil in jeder Grafschaft ein Teil des Ganzen lebt, der selbst Lebenskraft hat, weil die Gemeindevorstände aus der Gemeinde hervorgingen, mit ihr zusammenhängen, mit ihr, auf sie gestützt, handeln können. Da rettet sich ein Teil des Staates, der Nation, in die Städte, Grafschaften, von dort aus erhebt sich England wieder. Was aber wäre Preußen, wenn Berlin genommen ist und der Sitz der Regierung, ehe man die Staatsmaschine retten konnte, mit allem Darum und Daran, dem Feinde in die Hände fiel? Wo sollte sich ein Widerstand organisieren, wo eine legale Autorität auftreten, wenn ein Schlag den Knoten zerhieb, in dem alle Fäden zusammenliefen, und sie hängen nun lose da. Die einzelnen möchten zwar gern, und sie sind bieder, gut, entschlossen; aber wo ist ein Mann, ein Name, eine Institution, welche eine Kraft, einen Anspruch hat, die einzelnen um sich zu sammeln? Wir haben keine Aristokratie, keine Magistrate, wie sie sein sollten, gar keine Korporationen mit Einfluß hinter sich, mit Untergebenen, die ihren Führern, wenn nicht aus Liebe folgen, doch aus Interesse sich zu ihnen scharen. Wenn der Schlag fiele, sind wir zersplittert, eine zerstreute Herde, von der jeder Nachbar, jeder Räuber, was ihm bequem liegt, an sich risse.« »Wir haben unsre Armee«, sagte Köls. »Und die Armee hat Disziplin«, setzte Gerresheim hinzu. »Mit Disziplin läßt sich alles durchsetzen.« »Auch der Opfermut, der festhält an einer verlorenen Sache? Lassen Sie uns abbrechen, meine Kollegen, unsre Ansichten finden keine Vereinigung. Wir haben keine Korporationen, Stände, keine Gliederung im Staate, aber wir haben Menschen, gute, tüchtige Menschen, vielleicht Charaktere, die nur jetzt verborgen sind, und die Not weckt noch mehr zur rechten Stunde. Das hoffen wir doch alle, und lassen Sie uns an diesem Glauben festhalten. Darum « »Wollen wir auch das Scherflein der Witwe nicht verschmähen; die dreihundert Taler der Lupinus sind uns aber lieber«, fiel Köls ein. »Sie ist ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus«, sagte Büsching. »Und « setzte Gerresheim hinzu und schwieg plötzlich, bis er die Bemerkung hinwarf: »Die Frau Geheimrätin admirierte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation; da ist das Changement doch auffällig.« Die drei Herren sahen sich an und mußten sich verstehen. »Es ist doch etwas Eigenes mit der Weibernatur«, sagte Köls nachdenklich. »Wie weit sind sie uns oft vorauf, ich möchte sagen, wie der Blitz, der durch die Nacht leuchtet, und wir sehen den Weg vor uns. Aber dann, wenn wir den Weg einschlagen wollen, haben sie sich plötzlich verloren, und wir haben Mühe, sie mitzuziehen.« »Sie tut's auch jetzt nur, um von sich reden zu machen«, sprach Büsching. »Darüber hab ich mich keinen Augenblick getäuscht. Aber das dürfen wir um Gottes willen nicht sagen. Hingenommen das Gold und einen Heiligenschein daraus geschlagen. Zum Zweck ist's dasselbe.« »Es wird mit dem Schein manches Heiligen nicht besser sein«, assentierte Köls. »Was meinen Sie, Gerresheim?« »Weiß der Geier, in der Frau ist etwas, was mich anzieht und abstößt. Als ob ihr Auge mich aushöhlen wollte, und ich fühle mich gedrungen, dann immer tiefer hineinzugehen, um sie wieder auszuhöhlen.« »Ei, ei, Gerresheim, doch nicht wieder verliebt?« »Das wäre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten, den er zum Geständnis bringen will. Ich kann die Vorstellung nicht loswerden, daß ich die Frau einmal vor mir sitzen hätte am grünen Tisch, in einem Glorienschein von erhabener Tugend und philosophischer Resignation. Da steht mir denn der kalte Schweiß auf der Stirn, wie sie auf meine Fragen antwortet. Sie redet sich aus und in mich rein, daß ich an mir irre werde. Glauben Sie mir, das könnte die Frau in solcher Lage, mit ihrem züngelnden Blicke, voll Sanftmut und doch in die Seele bohrend, mit ihrem feinen Lächeln, mit der unendlichen Milde, die um ihre blassen Totenlippen schwebt. Sie bedauert mich, sich, die ganze Welt, und Gott weiß, was hinter dem Bedauern lauert, Hohn und Haß, Gift und Tod.« »Gerresheim, ich bitte Sie, ein Mann wie Sie, ein Richter, Kriminalist, und solche Phantasien!« »Ich weiß es, es ist unrecht, aber wer kann dafür! Sie ist die reputabelste Frau in Berlin, und doch « »Was steckt dahinter?« »Nichts weiter, Büsching, als die Warnung, daß man die Leute nicht zu klug werden lassen darf. Stellen Sie sich das Elend vor, wenn jeder Dieb so fein, gewitzigt, gelehrt und gebildet wäre wie die Geheimrätin Lupinus! Da möchte der Teufel Richter bleiben.« Während dieses Gesprächs stand diejenige, von welcher die Rede war, am Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen. Das Fenster war geschlossen, und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes. Sie konnte nichts mehr sehen, und nach den Gesetzen der Natur, die wir kennen, nichts hören als das Fortrollen der Räder. Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet, hätte glauben mögen, daß sie das Gespräch im Wagen angehört. In ihren Augen stand geschrieben: ich weiß, was ihr über mich denkt! Ich kann's nicht ändern, aber ihr könnt und sollt mich nicht anders machen, als ich bin. Dann flog ein eigentümliches Lächeln über die Lippen, welche die Magistratsperson so treffend gemalt hatte. »Der Herr Legationsrat von Wandel lassen ihren Respekt vermelden!« sprach der eintretende Diener, nachdem ein Zug an der Türglocke sie aus ihren Gedanken aufgeschreckt. »Ich lasse dem Herrn Legationsrat für seine unerwartete Attention danken.« Der Bediente ging aber noch nicht, obgleich die Dienerschaft gewöhnt worden zu schweigen, wenn die Geheimrätin mit einer ihrer scharfen Bemerkungen eine Rede abschnitt. Es hatte sich manches in dem Hause verändert, die Geheimrätin schnitt viel öfter, rascher die Reden ab: sie sprach am liebsten mit sich, und man sah ihr an, daß sie in der Unterhaltung dem mit ihr Redenden nur äußerlich Aufmerksamkeit schenkte, während ihre Gedanken andre Wege gingen. »Ist's noch etwas, Heinrich?« fragte sie, als der Bediente nicht ging. Er hieß eigentlich Johann, hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen ablegen müssen. »Herr Legationsrat « sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der Geheimrätin. »Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten
vermelden lassen«, wiederholte sie rasch. »Weiter hat Er mir
doch nichts zu sagen?« |