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Alexis Willibald Im Hause der Geheimrätin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen; aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen des Blutes, Beklemmungen des Herzens und klagte über Visionen. Im Kreise der ihr liebsten Menschen sah sie oft andre Gesichter. Sie redete eine Person an, und meinte eine andre; aber sie beteuerte, sie wisse sich darüber genau Rechenschaft, wenn der Zustand vorüber. Es wären nur nervöse Affektionen, über die die Ärzte keine Auskunft geben könnten. Sie sprach bitter von den Doktoren und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein. Die Gevatterinnen urteilten verschieden über ihren Zustand. Sollte auch die Lupinus sich der Schwärmerei, dem Mystizismus in die Arme geworfen haben, sie, auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren oder sein zu müssen glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben nur für das Aufblitzen unbewußter Naturkräfte. Sie wollte keine Geisterseherin sein und erklärte sich gegen den Aberglauben. Aber die Zungen waren fertig, über sie zu richten, und es gibt in einer großen Stadt böse Zungen. Wir übergehen das, was die Boshaften sich zuzischelten: es sei nur Ärger, weil ihre Gesellschaften nicht die Anziehungskraft geübt, die sie gewünscht, und die Exklusiven sich zur russischen Fürstin zögen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es möchte wohl einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich gezogen. Worauf andere hinzusetzten, der Prinz müsse wohl auch einen besondern Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die Mildgesinnten zur Erklärung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe widerstrebe, wirke es affizierend, gewissermaßen revolutionierend in dem zarten Körper. Andre: sie, die für einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe sich nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt würde! Demoiselle Adelheid sei wohl gut und schön, aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen. Habe sie es nicht durchgesetzt gegen aller Willen, daß sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei, einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich stößt. Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht, die jetzt auch höher hinaus dächten, noch der Vater des jungen Mannes, der gradezu erklärt, er werde nie solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu verhelfen, hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen, und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswert: eine Pflegetochter hüten, an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrücken, die sie ungern sähe, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten, von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen. Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüt herunterbringen! Wenn noch andre fragten, warum setzt sie sich dem aus, warum duldet sie's? so antworteten noch andre Gutgesinnte: alles drehe und wende sich jetzt um das kleine Köpfchen, und wenn die Mamsell gleich ihre Herrschaft geschickt zu verbergen wisse, so wäre sie es doch, die das Haus regiere. Das komme davon, wenn man sich in Dinge mische, die uns nichts angehen, sagten wieder die halb Boshaften, und mehr tun wolle, als wozu uns die Pflicht für unsre nächsten Angehörigen treibt. Sie hätte doch Anverwandte, und ihr Mann auch, die es besser brauchen könnten als das fremde Mädchen und ein Recht dazu hätten. Und wenn sie gar ein Wort fallenlassen, wie es hieß, daß sie daran gedacht, die Mamsell zu adoptieren, so wäre es kein Wunder, wenn die ihr den Kopf nun heiß mache. In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältnis der Geheimrätin mit dem Legationsrat. Der Legationsrat behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wußten, daß er nur seltene Besuche machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wußten von der Dienerschaft, daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege. Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft oder betrafen Geschäfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und der Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er für die sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrates, den dieser oft stundenlang in seinem Studierzimmer festhielt. Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz. Und wie teilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen, obgleich Geheimrat Mucius gesagt, er könne sich noch zehn Jahre quälen. »Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin«, hatte er zum Geheimrat gesagt, »die immer besorgte, daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde. Und mit welchem Takt sie die Scharlatanerie der Ärzte erkannt!« Als man Johann an einem Morgen tot neben seinem Bette liegend gefunden und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten, war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen. Hier ging ihr der Atem aus, die Kräfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr Gatte und der Legationsrat mußten die Ohnmächtige aufheben. Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerfloß in Tränen: »Warum erschrecken, meine Freundin, über etwas, das nur eine Wohltat des Himmels ist, für den armen Dulder, für uns alle, die wir seine Leiden sehend mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies getan. Sein Wille geschehe! der es gut, schnell und kurz gemacht!« Gestärkt durch seinen Zuspruch, hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Züge beobachtend. »So ist es recht«, hatte er gesagt, »dem, was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen! Wem helfen Tränen, wem weichliches Gefühl des Mitleids! Indem wir das eine Notwendige erkannt, stärken wir unsere Nerven, um der Notwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken, und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen: Tod, wo sind nun deine Schrecken?« Sie war gestärkt worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerührt, und das Lob der Geheimrätin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet. Im Hause der Geheimrätin war es still hergegangen, sagten wir; heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche. Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurückberufen, marschierten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsorte, der fränkischen Grenze. Die Straßen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte unregelmäßig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmärschen aus Polen herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu einem Paradezug zu ajustieren. Während Monturen, Gesichter, Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln, und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tücher, auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und während die Schnapsflaschen und Semmelkörbe umhergingen, schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der Küche der Geheimrätin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Schokolade der Gäste zu sorgen. Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehörten nicht alle zueinander. Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor: »Dem Vernehmen nach hat der Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort erteilt: Sein König wisse nicht, worüber er sich mehr zu verwundern habe, über die Gewalttat des französischen Heeres oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür. Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die seinen teuersten Pflichten nachteilig werden könnten. So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als daß derselbe Ursachen gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für wertlos zu halten, und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preußen auch noch jetzt, halte sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur Verteidigung des Staates unerläßlich sei.« »Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle weiß«, bemerkte jemand. Ein andrer setzte hinzu: »Und es bleibt nicht bei der Rückberufung unsrer Weichselarmee, sondern wir haben auch den Russen den Durchzug durch Schlesien geöffnet.« Der Kriegsrat Alltag flüsterte seinem Nachbarn ins Ohr: »Die Donschen Kosaken sind schon in Breslau angemeldet.« »Ach Gott, ach Gott! so haben wir also Krieg!« rief die Kriegsrätin. Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt. Sie lächelte, zum Rat Fuchsius sich abwendend: »Mir will die Vorstellung einer Komödie noch nicht aus dem Sinn.« »In einer Stadt, wo das Theater eine so große Rolle spielt«, entgegnete der Rat, »ist dieser Gedanke allerdings sehr natürlich.« »Es wäre doch grausam«, fuhr die Fürstin fort, »wenn man mit den armen Menschen wieder nur Kämmerchenvermieten spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von der Weichsel nach dem Main!« »Das könnte das beste Heer demoralisieren«, äußerten mehrere. Der Geheimrätin schien die entschiedene Sprache des preußischen Ministers doch jetzt den Zweifel aufzuheben. »Ich sprach Diplomaten, die aus der Note nur den Sinn herauslesen«, bemerkte die Fürstin, »daß Preußen unter allen Umständen Frieden will.« »Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten?« fragte die Lupinus. »Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten, der heut morgen ankam.« »Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Über etwas, das uns so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.« »Dann ist's auch vielleicht nicht wahr«, lächelte die Fürstin mit einem besondern Blick auf den Regierungsrat. Es mochten mehrere den Blick verstehen. Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel. »Die erlauchte Fürstin«, entgegnete Fuchsius, »weiß, daß gewisse Regierungen schüchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien vertragen, hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt.« »Ich kenne auch Regierungen«, setzte die Gargazin darauf, »die erschrecken, wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.« Der Kriegsrat Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte nicht geglaubt, daß vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen könnten. Die Gruppe löste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrücken eines neuen Bataillons verkündete. Adelheid streifte mit dem Präsentierbrett an Walter vorbei. »Ein bißchen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit der Mutter könnten Sie mehr sprechen.« Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die Antwort. Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche durchdringende Stimme ließ sich vernehmen: »Nein, sag ich doch, so vieles Volk, und alle zum Totschießen! 's ist grausam! Sieh mal, Fritz, wie sie blitzen, die Spontons! Da, der mit dem roten Federbusch! Malwine, willst du dich nicht so rüberlegen! Was man mit den Kindern Not hat. Und da, das blutjunge Gesicht ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich die Füße durchgelaufen. Was 'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muß! Und staubig, alle wie gepudert! Liebechen!« rief sie hinunter, »sehn Sie, dem da schenken Sie 'ne Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hübscher Mensch. Sieht sie's wieder nicht, die Lisette! Nu ist er fort! Na, 's wird wohl noch andre mitleidige Seelen geben. Was so ein Tornister drücken muß! Fritz, wenn du auch solche grausame Flinte auf dem Buckel tragen müßtest nu paß acht, nu kommt der Tambour. Hurrje, hurrje! hörst du, wie er schlägt!« »Will auch Trommler werden«, sagte der Junge. »Nein, Fritzchen, da wirst du totgeschossen. Das ist nur für ordinäre Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderm da.« »Will Trommler werden!« wiederholte der Trotzkopf »Papa hat's gesagt.« »Ja, wenn du ein Taugenichts wirst, dann wirst du unter die Soldaten gesteckt.« Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. »Du Olle, du sollst mir's nicht verbieten, du hast mir nichts zu verbieten.« »Range du! Untersteh dich und kneif noch mal. Wenn wir nicht bei hübschen Leuten wären, kriegtest du eins hinter die Ohren, daß du dich wundern sollst.« Die Geheimrätin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den Kindern Brezeln und fragte, ob sie schon Schokolade bekommen. »Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die Kleinen!« rief Charlotte, die sich umgedreht. »Daß wir Ihnen auch so viel Inkommodität verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer weiß, ob sie so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackier. Ja, sie gehn alle in den Tod.« »Gibt es einen schönern als fürs Vaterland!« sprach die Geheimrätin mit Erhebung. »Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimrätin, aber, nehmen Sie mir's nicht übel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang, ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehn und liegen. Und der Fritz will absolut Soldat werden. Ist ein rabiater Junge. Und mein guter Herr Geheimrat, der die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase spielt. Kinder sind Gottes Segen, oh gewiß, aber sie können auch Gottes Fluch werden, wenn sie ausschlagen.« Die Geheimrätin streichelte die Köpfe der Kleinen: »Geht, liebe Kinder, in die andre Stube und laßt euch Schokolade geben.« Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbrezel, welche die Frau mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht spitz vor, als sie über die blonden Haare der Kleinen strich? Charlotte war auch jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andre, als sie, plötzlich in Tränen ausbrechend, den Saum des Kleides der Geheimrätin erfaßte und es an die Lippen drückte: »Ach, Frau Geheimrätin, das müssen Sie mir schon erlauben. Es war doch zu schön. So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Er war mein Cousin, aber das ist es nicht. Er war meiner Mutter Onkel Schwesterkind, und angeheiratet nur, aber, und wenn er mir gar nichts gewesen wäre, das vergeß ich Ihnen nicht. Darüber ist auch nur eine Stimme in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sagt, solch einen Sarg und von so schönem fetten Eichenholz hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte begrub, und das war ihr Glück, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel auftut, dann hält er nicht den Finger drauf. Und hat jetzt eigen Gespann; alle Sonntag fahren sie nach Charlottenburg und haben mich auch schon mitgenommen, und ich habe auch mal die lieben Kleinen mitgenommen, daß sie doch auch ein Vergnügen haben, und ich kaufte ihnen für einen Dreier Semmel, daß sie die Karpfen füttern konnten. Na, das war eine Herrlichkeit. Aber der Silberbeschlag! Nein, Frau Geheimrätin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde rostet's, wir rosten alle. Aber die Blumen, nein, du mein Himmel, Jesus, nein. Wie ein Purpurri rübergeschüttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom Gendarmenmarkt, vom Fürstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, daß die Leichenträger nur Platz hatten. Und da war doch nur eine Empfindung!« »Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.« »Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimrätin. Und den Kranz von weißen Rosen, den Sie auf seine Totenlocke gedrückt und sein bleiches Antlitz! Er war mein Cousin, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sprach: Ja, das Leben ist doch schön! Nein, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich eine schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, daß mancher sagen möchte, so möchte ich auch sterben.« Wenn eine Emotion sich in dem halbgeschlossenen Auge der Geheimrätin kundgeben wollte, so bemerkte es niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle Trompetenstöße lockten jetzt aufs neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder stürzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht zukam, eingenommen, Arm an Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die andre, keine gab auf die andre acht. »Ach, da reitet er!« rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der Gendarmen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschierenden Dragonern nur das Geleit. »Ach, da reitet er!« tobte es in einer Brust neben ihr, ohne daß die Lippen sich bewegten. »Nein, wieviel schöner sehn doch unsre aus als die Dragoner!« Wunderbare Sympathie! Dasselbe dachte die Baronin. »Es geht doch nichts über die Garde!
Das ist alles adrett. Und wie sitzen sie auf dem Pferde! Hurrje! Das fühlt
auch jeder.«
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