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Alexis Willibald In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn. Der ebene Boden wird noch jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen, ehemals waren es Seen, dann wurden es Moräste; seit die Kultur fortgerückt, sind es nur noch Tümpel geblieben. Doch ladet ein heller, klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein. Der Bauer, der dich trifft, warnt dich aber, denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig sich senkenden Löcher unergründlich. Außerdem gab es ehemals eine Britzer Heide, ein übelberüchtigter Wald, dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hineinwuchs. Und endlich schnitten viele Wege und Fußsteige durch diese Felder. Das Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen, es dünkte ihm eine unermeßliche, goldene Ährenfläche, darin die Kornblumen und der rote Mohn über die Einsamkeit klagten. An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen, abschüssigen Rande ein junger Mann auf dem Rücken hingestreckt. Er hatte sich gebadet. Ob das Wasser unergründlich, danach hatte er nicht gefragt, es auch wohl nicht untersucht; er war ein guter Schwimmer, der sich im Wasser nach Lust getummelt. Er ruhte jetzt von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten, vielleicht auch, um sich mit der Einsamkeit zu unterhalten. Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein großer Hagebuttenstrauch. Die Hände unterm Kopfe, sah er dem Zuge der Wolken nach, der Flucht der Vögel; vielleicht horchte er auch auf die Lieder, welche die rauschenden Ähren ihm sangen. Ein Geräusch, was sich näherte, störte ihn auf. Den Fahr- oder Reitweg, der in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte, hatte er beim Herkommen durch die Felder nicht bemerkt. Ein schaumbedecktes Pferd schoß aus dem Ährenfelde. Noch zwei Sätze, und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe. Dieser sah die Gefahr nicht, er ließ dem Roß die Zügel; der Instinkt des Tieres bewahrte beide. Im Augenblick, wo es galt, bäumte es und warf den Reiter ab. Oder er gleitete aus Sattel und Bügel, die er längst verloren, denn er strauchelte nur etwas und stand gleich wieder auf seinen Füßen. Vielleicht aus einem Traum erwachend, denn ohne sich um das Pferd zu kümmern, das seinen eignen Weg suchte, stand er und hielt sich mit den Händen das Gesicht. Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener, hatte der Liegende geschlossen, denn durchgegangen war das Pferd nicht. Es war ein ihm wohlbekannter friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers. Der Reiter hatte nachlässig, aber sicher gesessen, und die blutenden Seiten des Tieres verrieten deutlich genug die Behandlung, welche es außer sich gebracht. Walter war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen, aber die seltsame Stellung des Ankömmlings fiel ihm auf. Durch die Hände schielte er auf das Wasser, und seine dunklen Augen glänzten seltsam. »Plagt dich wenn du's bist?« Er hatte die Hand auf die Schulter des Reiters gelegt. Dieser war nicht sehr erschrocken, als er sich umsah und den andern erkannte. »Vielleicht eigentlich aber nicht. Ich dachte nur an ein Bad. So aus dem Glutofen in die kühle Tiefe.« »Was hier dasselbe wäre!« entgegnete der zuerst Dagewesene und faßte heftig seinen Arm. »Kommst du aus dem Gefängnis, Louis? Wardst du heut entlassen?« »Um meine Freiheit zu genießen, jagte ich den Gaul fast tot und ward selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege. Und wenn ich wieder aufflattere, steht doch tausend gegen eins, daß ich wieder gegen etwas anstoße. Wär's nun nicht ein wunderschönes Ende, um gar keinen Anstoß mehr zu geben, wenn ich, erhitzt, durstend, an eines Felsens Rande in der Mittagssonne eine Flasche Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer! Übrigens gebe ich dir mein Wort, es war kein Ernst, wenigstens hätte ich mir eine andre Pfütze ausgesucht. 's war nur ein aufsteigender Gedanke.« »Aber keine Lerche, die in den Äther steigt«, sagte Walter, als beide sich auf dem Rasen gelagert. Der Ankömmling sog, hingestreckt, die Luft ein. »Nur nichts von Äther in diesem Schwefeldampfe«, sagte er nach einer Weile. »Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen, ich glaube nicht mehr, daß es in Wasser oder Feuer geschieht, sondern Gottvater läßt sie ersticken in den Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit. Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende für sie.« »Mitgebrachte Gefängnisgedanken!« »Grillen, Schrullen oder Ungeziefer, wenn du willst, denn als ein vernünftiger Mensch glaubst du doch nicht, daß ich in dieser Sozietät eximierter Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte. Ja, hätten sie mich an eine Karre geschmiedet, unter den Baugefangenen gibt's vielleicht noch Menschen.« »Du solltest ins Gebirg, dich baden in der Morgenluft, im Felsbach du solltest auf lange Zeit aus der Stadt.« »Alles Selbsttäuschung, Betrug, Walter! Freilich, wenn Tieck uns abends in dem verschloßnen, halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas, mochte ich den Waldduft herunterschlürfen, der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken fallen und die Allmutter Natur an meine Brust pressen; aber in natura ist's anders. Bin ich nicht umhergestürmt! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen, aber keine Nixe, nicht mal eine Hexe gefunden. Beim Morgenrot rufst du ah und findest dich in Odenstimmung, und abends wirst du empfindsam und könntest Matthisson mit seinem Zopf an die Brust drücken. Alles Illusionen! Sei redlich gegen dich selbst. Die Wahrheit sucht man doch, wo die Sonne am höchsten steht, und ich habe sie gesucht, rechtschaffen. Schlürfte alle Aussichten, und meine Ansichten wurden immer enger. Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da hinter Dresden, die wir beide einmal bewunderten, nicht anders vor als die gepuderten Köpfe unserer Kriegsräte. Und mehr haben sie auch nicht zu schaffen mit dem Weltgeist, als daß sie rot werden im Morgenlicht und abends Schatten werfen. Rot werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr, aber wenn sie uns im Lichte stehen, kann man sie wegschubsen. Diese verfluchten toten Felsen bleiben aber immer stehen. Nein, Teuerster, die Romantik in Ehren, die Menschen bleiben doch wenigstens Puppen, mit denen man Schach spielen kann.« »Wenn wir nur fliegen könnten! Wenigstens wie die Lerche hoch.« »Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runterblasen. Da fliegt das Biest hinauf, schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins leere Blaue. Ja, Walter, wenn man's recht besieht, kommen wir auch noch zum Schluß, daß die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel, morgens und abends geschminkt. Und weil sie sich bei Tag nicht besehen lassen will, sticht und brennt die Sonne.« »Nur, daß die Schminke immer frisch bleibt, heut wie am Tag der Schöpfung.« »Wer sagt dir das! Es hat keiner gelebt, als Gottvater auf den Einfall kam, diesen Spielball Erde zu erschaffen und in das Uhrwerk Universum zu schleudern, damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.« Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter, die seine Hand ablangte, mit der Wurzel aus. »Suchst du nach der Alraunwurzel?« »Könnt ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe herausziehen, vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen erscheinen.« »Der tiefste Schmerz müßte doch töten. Darum verbarg ihn die Natur. Was wühlen wir denn nun tiefer und tiefer « »Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergißmeinnicht und Veilchen! Nicht wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und ansingen, du mein Anakreon, ich dein Tibull.« »Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns nicht die Natur!« rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten. Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden Händen. »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. Wenn ich nur wüßte, ob der Wunsch Sünde wäre?« »Welcher?« »Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!« Es folgte eine Pause. »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.« »Ist das ein Trost, daß ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der allgemeinen Erbärmlichkeit.« »Er läßt dir Freiheit.« »Er läßt aller Welt die Freiheit, so niederträchtig zu sein, wie sie Lust hat, damit er nicht schamrot zu werden braucht.« Das ist ein hartes Wort, dachte Walter, und auch Louis mußte es denken, denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: »Adieu!« Walter umfaßte seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregtheit nicht von sich lassen: »Du verwüstest dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger geboren, aber du warst es zu Besserem.« »Was kann man denn Besseres tun in dieser Gesellschaft, als sich selbst verwüsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle Edleren dazu bei uns verdammt. Tadelst du den Prinzen, daß er den Schaumbecher nicht von der Lippe läßt, daß er wenigstens den Jammer nicht mit ansehn will wo er nicht helfen darf. Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als nüchtern zusehen, wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille! Der Gute, Zahme, Bescheidene da, der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will leiten lassen, aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt! Die beschränkte, duckmäuserige Tugend, die sich den Himmel malt an ihre vier Wände, aber der Himmel draußen ist ihr zu frisch und kühl. Sturmwind ringsum, nur aufspannen, nur zusteuern brauchten wir, und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff prost Mahlzeit! Man kettet das Steuer an, umwickelt die Ruder und laviert. Das ist eine berauschende Kunst. Soll ich mich auch anlernen lassen? Bei wem? Bei meinem Vater? Staatsdienst! Herrliche Menschenbestimmung! Dein Vater predigt es dir ja wohl auch täglich: Laß dich anstellen. Wollen wir uns polnische Krongüter schenken lassen? Die sind schon weggeschnappt. Wollen wir mit den Juden und Domänenräten die Rittergüter taxieren und Hypotheken verschreiben, die ihren Wert im Monde haben? 's ist auch schon zuviel drin gepfuscht. Lieferanten für die Armee, aber es gibt keinen Krieg! Oder uns üben, solche süßgänseschmalzhonigduftenden Kabinetts- und Humanitätsdekrete schreiben, die beweisen, daß Gott, der König, seine Minister und seine Regierungsräte alles mit Weisheit und Verstand gemacht haben? Himmel und Hölle! wem nun andres Blut in den Adern pulst! Die schönen Verse, die hochedlen Charaktere des großen Dichters auf der Menschheit Höhen! Schlugen wir ihnen nicht oft in mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen, daß es nur Masken waren! Gib, zeig, schenke mir was, wofür ich mich begeistern, was ich ans warme Herz drücken kann, wofür es in Flammen aufschlägt, wofür ich mich in die Schanze oder in den Tod stürze. Fähndrich Pistol ist mein Philosoph, wenn er die Welt doch noch für eine Auster hält. Leider fehlt aber das Schwert jetzt, sie zu öffnen. Laß mich rasen.« »Ich hätte gar nichts dagegen, wenn du ein rasender Roland würdest und dich einmal zum Tollwerden verliebtest. Du bedarfst einer Radikalkur.« Louis Bovillard lachte. »In diese Mücken! Schaff mir was andres. Schaff mir ein Vaterland. Das, das! Vielleicht wär ich ein anderer!« Er spuckte, und ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er sein Pferd suchen, das gemütlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing. »Ein Vaterland!« wiederholte Walter. Es war ein Funken, der viele Gedanken zündete, aber es waren nicht die Gedanken, um die er heut die Einsamkeit gesucht. Er stand mit untergeschlagenen Armen, seine Augen schienen die Würmer im Grase zu verfolgen, und er hörte nicht, wie sein Freund zurückgekehrt war, diesmal den Gaul am Halfter, und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte. Er hörte erst, als Louis seinen Namen rief: »Was sinnst du? Bei dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz durchgeschlagen, während ich sie abschüttele. Du weißt den Zerbino auswendig, und ich wette, du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem Sandhügel.« »Und warum nicht! Tieck hat unrecht, wenn er die Lust schilt, die sich auch aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht. Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe, die du suchst. Aber was führt dich zurück?« »Der Anblick einiger Herren von der Gendarmerie, die mein scharfes Auge vom Gaule aus in der Ferne entdeckte. Um nicht ihnen zu begegnen, stieg ich ab und will mich durch einen Fußsteig schlängeln. Auch auf die Gefahr hin, daß der Bauer uns pfändet. Nun, bewunderst du nicht meine Vernunft?« »Wenn ich nicht wüßte, daß du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit ihnen zusammenstößest.« »Das ist mein Fatum. Konnte Mercutio für seine Natur!« »Wenigstens spielt wieder Humor auf deiner Stirn.« »Und in deinen Augen glänzt ein Gedicht.« »Ich habe das Versmachen verschworen. Du weißt es.« »Aber, Walter, in solcher Natur! Ich müßte
dich ja nicht kennen. Ein tiefer See mit romantischen Ufern! Vielleicht
kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen, entkleiden sich, ihre Schleier
hängen sie an die Hagebutten. Husch hast du einen weggestohlen und
erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne, die als Mediceische
Venus um Gottes willen um ein kleines Stückchen Bekleidung bittet.«
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