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Alexis Willibald Der dritte August fing in Berlin an, ein Feiertag zu werden. Die Bürger freuten sich, daß sie einen guten König hatten. Sie hatten lange keinen guten König gehabt; denn der Alte Fritz war wohl ein großer König, aber er war ein Fürst gewesen, den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte. Es verehrte, es bewunderte ihn, aber den Bürger schauerte, wenn er dachte, daß er mit ihm auf einer Diele, unter einem Dache stehen sollte. Der Müller von Sanssouci war ein einzelner Mann. Und zuletzt war der Alte Fritz sehr alt geworden und grämlich, und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten. Wenn er durch die Linden ritt auf seinem alten Schimmel, liefen ihm die Kinder nach und schrien und waren glücklich, wenn sie die Sohle seines Stiefels, den Saum seines Rockes anfassen konnten, auch leuchtete sein Auge noch immer groß und durchdringend, und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem großen Könige, aber Liebe hat der matte Strahl des großen Auges nicht mehr geweckt. Und als der große Mann im Sterben lag, durchschauerte es auch wohl die guten Bürger, daß so ein großer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt scheiden müsse. Aber an seine großen Schlachten und, was noch größer, seine Taten für den Staat, und daß er die Seele dieses Staates gewesen, und ob eine andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde, daran dachten sie nicht. Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein, daß der Staat ein Leib sei, der eine Seele braucht. Sie dachten vielmehr ganz still , wenn der Alte tot ist, hören die Kaffeeriecher auf und vielleicht auch die Tabaksregie. Unter diesen Gefühlen der guten Bürger, die man später die Gutgesinnten nannte, entschlief der größte Mann seines Jahrhunderts. Wenn er's gewußt, vielleicht hätte sein letzter Seufzer geklungen: »Das hatte ich nicht verdient!« Und darum jubelten die guten Bürger dem neuen, gütigen Könige entgegen, der auch wirklich die Kaffeeriecher fortjagte, aber später und sehr bald ward er kein guter König. Er starb in seinem Marmorpalais am Heiligen See, einsamer als der große Friedrich in Sanssouci. Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige und dem Volke. Und nun hatte man wirklich einen guten König. Durch viele Jahre war er derselbe geblieben; es war Friede im Lande, keine Kaffeeriecher, den Tabak kaufte man zu mäßigen Preisen, die Geisterbanner und Frömmler waren fortgeschickt, Handel und Gewerbe blühten, die Soldaten waren zwar noch Soldaten, aber man konnte sich ja vor ihnen hüten, und der König und die schöne Königin fuhren so bürgerlich geschmückt, so herzlich und zutraulich durchs Volk. Keine Läufer, selten ein Vorreiter, oft in einer einfachen zweispännigen Kutsche. Das Volk fing an, diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen, und es liebte seinen König. Darum war bald der dritte August, des Königs Geburtstag, ein Feiertag geworden. Sie gingen vors Tor, in die Schenkgärten, sie strömten aufs Land, in die Dörfer, die glücklichen Familien, welche die Sorgen abwerfen konnten, um einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern. Auf dem Hochplateau, südlich von Berlin, lag damals ein ländliches Dorf mit hohen, schönen, dichtumwipfelten Bäumen, mit moosbewachsenen Schilfdächern und einer alten gotischen Kirche von Granitquadern. Nur eine halbe Meile von der Stadt versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern, wo die Ähre im Lehmboden üppig wucherte. Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben, einst eine Besitzung der Tempelherren, von denen das Dorf den Namen trägt. Diese sind vor alten Zeiten schon von der märkischen und von der Erde überhaupt verschwunden, und das Feuer, das ihre Edelsten verschlang, hat auch allmählich die schönen Linden und Ulmen der Dorfstraße versengt und die Schilfdächer der Häuser verzehrt. Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt. Aber auf dem üppigen Rasen, unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein Spielplatz für ländliche Lust, wie man ihn nur wünschen mochte. Wo konnte man freiere Luft atmen, wo, hingestreckt im Grün, dem Spiel des Laubes, dem Gesang der Vögel ungestörter lauschen! Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Ästen, um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen! Noch prangten die Dörfer um die Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirtshausschildern, noch lauerten die Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte. Die Schenke war eine Trinkstube und Kegelbahn, weiter nichts, die Familien kehrten bei den Bauern ein, die sie vom Markte kannten. Und noch strömte nicht alles hinaus, was an Sonn- und Feiertagen die Werkstätte schließt, um das Geräusch der Straßen draußen durch neuen Lärm zu ersetzen und den Staub, den sie hinter sich gelassen, durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen. Es war eine Pilgerfahrt der Familien. Sie brachten eine sonntägliche Stimmung mit. Man hatte sich lang vorher besprochen. Man freute sich, einmal unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern. Wie wenige waren gereist und hatten schönere Gegenden gesehen, und wie viele hatten die Dichter gelesen und konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur. Auch wer das Theater besuchte, was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als jetzt, hörte und sah, wenn er es glauben wollte, daß die Menschen in den Dörfern andere und bessere wären als die in der Stadt, weil sie Gott und seiner Natur näher sind. Wenn auch nicht bei den Schäfern, doch in der Hütte, die der Fliederstrauch überschattet, sollte der Friede und das Glück des Lebens zu suchen sein. Bei aller Blasiertheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung durch Spott nicht wehren, ja, sie erwehrte sich selbst ihrer nicht. Man mußte idyllisch sein. Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen, beschwerlichen Weg hinauswandern. Sie steigen über den Sand des Templower Berges, dann suchen sie den festeren Fußsteig, der neben der durchwühlten Straße fast baumlos nach dem Dorfe führt. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel, und ihre Schritte sind nicht leicht; außer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompadouren mit, was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll. Oft muß der Familienvater das Taschentuch herausziehen, um den Schweiß zu trocknen, und oft hält er still und sieht, ob die andern nachkommen. Da verstummt wohl das Gespräch, aber sie bleiben heiter. Unter den schattigen Ulmen, welche die Avenue des Dorfes bilden, hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder, während der Vater sich umsieht. »Aber wo ist denn Adelheid?« »Ach, du mein Gott«, ruft die Mutter, »da trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette. Hab ich's ihr nicht verboten?« Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füßen nieder: »Mütterchen, er war gar nicht schwer.« Die Glutröte, die ihr Gesicht überzieht, straft sie Lügen. Sie steht einen Augenblick atemlos. »Aber englisches Mädchen, wie konntest du das tun!« Der Vater schüttelt den Kopf. Aber als ihre Röte verschwindet, weist die Tochter auf das Mädchen, das noch röter gefärbt herankeucht: »Die Jette konnte ja nicht mehr.« Der Vater murmelte: »Dafür ist sie im Dienst«, doch es schien ihm nicht ernst; er klopfte der Tochter auf die leuchtenden Schultern: »Knüpfe dein Tuch zu, du bist echauffiert, und wir sind gleich im Dorf« Der Wind wehte in die alten Ulmen, als wollte er die kleine Disharmonie weghauchen; die Jette nimmt wieder den schweren Korb auf die Hüfte, und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter. Die Jette stimmt einen damals sehr beliebten Gassenhauer an, und die Kinder fallen jubelnd ein:
Nun fängt der Festtag an. Die Hunde klaffen, als sie das leichte Gittertor in der Lyziumhecke geöffnet. Adelheid kennt sie, und sie kennen Adelheid; sie streichelt sie, und sie wedeln zu ihren Füßen. Aber es ist tiefstill im Gehöft. Die Flurtür ist nicht verschlossen, doch auch im Innern des Hauses kein menschliches Wesen. Nur der graue Kater springt über den Herd, und im Zimmer schnattert der Star in seinem Käficht, indes die Wanduhr monoton tickt. Ach, sie sind alle auf dem Felde! Und das Feld ist weit. Dadurch scheint die Lustbarkeit gestört. Soll man Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken? Nein, der graue Kater, der von den Eindringlingen durch die angelehnte Kammertür entflohen ist, zeigt ihnen ein anderes Auskunftsmittel. Da liegt ja die alte Großmutter im Bette. Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr sprechen, aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden, ihr Töne und Verständnis zu entlocken. Ja, die Alte liegt noch da, stumpfsinnig lächelt sie, wie zu allem, auch den Eintretenden zu, ihre Anrede ist ihr nichts anderes als das Ticken der Uhr. Aber sie gafft Adelheids Gesicht an, ihr Grinsen wird zum Lächeln; sie muß sich neben sie setzen, sie streichelt ihre Locken mit der dürren Hand, und wie durch die Berührung allmählich elektrisiert, kommen Töne hervor, minder kreischend. Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge. Sie verständigen sich, ein Wort, ein Blick, und sie wissen, daß die Hausfrau im Kuhstall ist. Bald fährt Frau Brösicke vom Melken auf, denn ein seltsames Kikeriki schallt ihr aus der Wandluke. Wetter! Wo kommen denn die Hühner her! Und als sie sich umwendet, blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden Lockenfülle, und die kirschroten Lippen öffnen sich, um zwei Reihen Perlenzähne zu zeigen und ein: »Angeführt mit Löschpapier, Frau Brösicke!« ihr zuzurufen. »I, so soll doch!« ruft die Bäuerin und läßt den Melkeimer fallen, aber ihre Überraschung ist keine unangenehme. »Ach, die seelenhübsche Mamsell Adelheid vom Gendarmenmarkt!« Auf dem Hofe aber hat eine andere Überraschung Platz gegriffen, die nicht so angenehmen Eindruck hinterläßt. Das Dienstmädchen hatte eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt, als eine heftige Ohrfeige, die aus der Luft zu schwirren schien, ihre brennenden Backen noch röter machte. Der Eimer schnellte aus ihrer Hand, und das Wasser, was sie nicht trinken sollte, überschüttete sie aus den Lüften. »Es geht doch nichts über die Unvernunft solcher Leute. Zu trinken, wenn sie erhitzt sind!« Das Mädchen weint, aber sie beklagt sich nicht. Der Hausherr hat das Recht. Auch die Hausfrau widerspricht nicht, nur flüstert sie ihrem Alten zu: »Alter! Solchen Leuten schadet es nicht. Das liebe Vieh trinkt auch, wenn es Lust hat, und frägt nicht, ob's die Doktoren verboten haben.« Nun ist alles helle Tätigkeit inner und außer dem Hause. Jeder hilft mit, denn mitarbeiten an der Herrichtung zur Tafel, zum Mittagstisch, ist ein Teil der Freude. Jeder, nur der Vater nicht. Ihm wird der erste Schemel unter die Linde gesetzt, daß er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann. Die Bäuerin will dem Herrn Kriegsrat selbst die Kohle bringen, aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab. Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft und einige Züge versucht, kräuselt es sanft aus dem Meerschaumkopf, und aus den Lippen schießen Rauchwirbel regelmäßig hervor. Die Pfeife zieht, alles ist in Ordnung, der Vater nickt freundlich der Tochter zu, und sie flieht vergnügt ins Haus. Was soll man zuerst ergreifen! Die Bäuerin
eilt ans Heck, auf den kleinen Hügel, und pfeift durch die hohle
Hand nach dem Felde. Sie mußten es wohl gehört haben, denn
bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche,
die ihr zur Hand sind. Da knarrt der Ziehbrunnen, das Reisig prasselt
auf dem Herde, bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes,
die der älteste Knab noch eben im Hofe gespalten, und die Mutter
aus der Stadt packt in der Stube aus den Körben und Beuteln und verteilt
und bespricht mit der Hausfrau. Aber ebenso schnell tragen die Knaben
und die Magd Tisch, Schemel und Bänke aufs Grüne unter die Linde.
Es fügt und schichtet sich, wenn auch nicht ganz regelrecht. Wie
kann ein winklig gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen, die ja rund
ist. Das Tischtuch fliegt hinauf, die irdenen Schüsseln und Teller
halten es fest, wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will, und
die Schüsseln füllen sich schon, nicht vom Reis, der noch über
dem Feuer siedet, aber von den Lindenblüten, die der Zephir von den
Zweigen schüttelt.
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